Literatur-Nachrichten

Martin Suter: "Meine Bücher haben keine Moral"

Eine anrührende Liebesgeschichte und eine gallige Satire über die Unsitten des Literaturbetriebs – geht das zusammen? Der Erfolgsautor Martin Suter beweist mit seinem Buch „Lila, Lila“, dass es funktioniert.

Ihre Bücher waren bisher zwischen Krimi und Gesellschaftsroman angesiedelt. Warum haben Sie nun bei „Lila, Lila“ die Liebe in den Mittelpunkt gestellt? Schon „Ein perfekter Freund“ war ursprünglich als Liebesroman gedacht. Dann wurde die Liebe aber von anderen Ereignissen ein bisschen verdrängt, wie das oft so ist im Leben. „Lila, Lila“ ist so gesehen mein zweiter Versuch. Es ist ein uraltes Thema, über das doch alles gesagt sein müsste. Würde man das so sehen, wären alle großen Themen längst verbraucht. Das sind sie aber nicht. Über Geburt und Tod wird es immer Bücher geben. Und über die Liebe. Die ist für uns alle, auch für mich persönlich, ein sehr zentrales Thema. Warum lassen Sie die Liebesgeschichte so tragisch enden? Es geht ja auch um die Liebe, wie das Leben sie schreibt. Meine Romane haben das Ende, das sie brauchen. Kennen Sie dieses Ende, wenn Sie mit dem Schreiben beginnen? Ich kenne immer den Anfang und das Ende. Das muss so sein, denke ich, sonst würde das Ganze eine orientierungslose Reise. Ihr Held wird mit einem ziemlich dünnen Buch zum Super-Star hochgelobt. Funktionieren heute so viele Schriftstellerkarrieren? Ich glaube schon. Wie in der Kunstszene, so werden auch im Literaturbereich einfach Trends erfunden, weil die Kritiker immer auf der Suche nach Schubladen sind. Eine Abrechnung mit dem Literaturbetrieb? Irgendwo ist gar von „Literaturstrich“ die Rede. Ich kritisiere nicht den Literaturbetrieb als solchen, ich habe die beschriebene Situation nicht selbst erlebt. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass ein junger Autor, der heutzutage als Literaturstar aufgebaut wird, in die Räder dieser Mühlen gerät und sich nicht dagegen wehren kann. Es gibt diese jungen Autoren, die auf solch extreme Lesereisen, wie in meinem Roman beschrieben, geschickt worden sind. Sehen Sie sich mit Ihren Büchern als Aufklärer? Um Himmels willen! Ich stelle mich nicht über die Geschichte und sage, das finde ich gut oder schlecht. Meine Bücher haben keine Moral. Um was geht es Ihnen dann? Ich versuche, etwas möglichst so zu beschreiben, wie es tatsächlich ist. Wenn das als Satire oder als Kritik aufgefasst wird, ist das nicht mein Fehler, das ist der Fehler der Wirklichkeit. Es war zu lesen, das Schreiben sei schon immer Ihr Traum gewesen… Nicht nur mein Traum, es war auch immer Realität. Seit ich 20 bin, lebe ich vom Schreiben. Ob das nun journalistische Arbeiten waren, Fernsehserien, Tatort-Krimis, Liedertexte – ich habe alles gemacht, was man mit dieser Gottesgabe anfangen kann. Wenn sich das in den Biografien anders liest – erst 20 Jahre Werbetexter, dann Autor –, ist das nicht richtig. Ich habe mir die Königsdisziplin, den Roman, einfach lange aufgespart. Warum? Als ich meinen ersten Roman mit etwas über 20 begann, wusste ich nicht, wie man mit einer solchen Langstrecke umgeht. Hinzu kam, dass ich nicht in der Lebenssituation war, zu sagen: So, nun kannst du dich ein Jahr lang hinsetzen und schreiben. Ich hätte vier Jahre immer ein bisschen schreiben können, aber dazu bin ich zu ungeduldig. Und irgendwann konnten Sie es sich leisten? Nein, leisten konnte ich es mir nicht. Ich habe nur gemerkt, dass man diesen Schritt nicht ein Leben lang hinauszögern darf. Sonst wagt man ihn nie. Ich war etwas über 40, als ich mich entscheiden musste, ob ich weiter Werbung und das Schreiben nebenbei machen wollte oder nicht. Auf der hohen Kante hatte ich nichts. Dafür aber ein Häuschen auf Ibiza. Es bot sich an, dort zu leben. Und ich hatte diese Kolumne für die „Weltwoche“. „Business Class“? Genau. Sie gab mir eine Basis, nicht nur wirtschaftlich. Auch weil damit mein Leben eine gewisse Regelmäßigkeit bekam. Ich war einfach ungeübt zu entscheiden, wann ich aufstehe und wann ich arbeite. Außerdem war diese Kolumne eine gute Übung: Dialoge zu schreiben, Geschichten zu strukturieren, Woche für Woche ein Minidrama auf knappstem Raum zu entwickeln. Im Klappentext heißt es: „Martin Suter lebt auf Ibiza und in Guatemala.“ Da denkt man an Kaffeebohnen und Pferde. Wir bauen tatsächlich Kaffee an. Aber die Plantage ist mit 4000 m2 eher ein großer Garten. Als meine Frau und ich das Land kauften, wuchs da bereits Kaffee. Diese Pflanzen pflegen wir weiter und decken damit unseren Kaffeebedarf und den einiger Freunde. Was hat Sie dorthin verschlagen? Unser Häuschen auf Ibiza, das wir da in der Altstadt hatten, bekam im Winter keinen Sonnenstrahl ab. Das haben wir aber erst gemerkt, als wir dort beständig lebten. Ich habe in Decken gehüllt gearbeitet, mit Lammfellpantoffeln an den Füßen, also nicht, wie man sich den Schriftsteller am Mittelmeer vorstellt. Dann haben wir gute Freunde in Guatemala besucht. Es war November, es war schön, und weil wir schon spanisch sprachen, fanden wir leichter Zugang zu dieser Welt und den Menschen. Was bedeutet Ihnen die Entfernung zur Heimat? In Guatemala habe ich die Ruhe, die Distanz und auch die Lebensumstände, die mir erlauben, dort meine Romane zu schreiben. Die räumliche Entfernung ist dabei nicht wichtig, aber die zeitliche. Ich muss aus der Erinnerung schreiben. Erst mit einer gewissen zeitlichen Distanz weiß ich, worauf es ankommt. Und warum spielen Ihre Romane ausnahmslos in der Schweiz? Beim Schreiben geht es vor allem ums Weglassen. Um zu wissen, was wegzulassen ist, muss man etwas ziemlich genau kennen. Die Schweiz ist meine Heimat, sie ist das, was ich am besten kenne. Wären Sie beleidigt, wenn man Sie einen Unterhaltungsschriftsteller nennen würde? Wenn es bedeutet, dass man seine Leser nicht langweilt, bin ich gerne ein Unterhaltungsschriftsteller. Martin Suter, geboren 1948 in Zürich, arbeitete viele Jahre erfolgreich in der Werbebranche. 1997 gelang ihm mit „Small World“ der Durchbruch als Romancier. Es folgte „Die dunkle Seite des Mondes“ (2000), mit dem Krimi „Ein perfekter Freund“ (2002) landete er einen Bestseller. Suter ist zudem als Drehbuchautor, Stückeschreiber und Kolumnist („Business Class“) bekannt. Zusammen mit seiner Frau lebt er abwechselnd auf Ibiza und in Guatemala.

Peter Zemla

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