Literatur-Nachrichten

Skurrile Figuren in "Kafka am Strand"

Haruki Murakami wurde 1949 in Kyoto geboren. Er übersetzte Autoren wie Raymond Chandler, Truman Capote und John Irving. Seinen ersten Roman veröffentlicht er mit 29. Zu seinen bekanntesten Werken zählen „Gefährliche Geliebte“ (1992) und „Mr. Aufziehvogel“ (1998).

Normal ist bei Haruki Murakami, dass nichts normal ist. Als sich die Jugend Japans noch mit traditioneller Literatur abplagt, begeistert er sich bereits für amerikanische Krimis. Der Jazz-Club, den er führt, boomt. Doch er gibt ihn auf, um nur noch zu schreiben. Als dann sein Roman „Naokos Lächeln“ Ende der 80er Jahre über vier Millionen Mal verkauft wird, macht ihn das auch nicht glücklich. Im Gegenteil: Zu viel Medienrummel, klagt er. Und lehnt Auftritte im Fernsehen ab, lässt sich nicht fotografieren und gibt kaum Interviews. Murakami ist ein zurückhaltender Mensch. Wie viele seiner fiktiven Alter Egos tut er sich als Einzelgänger in einer kollektiven Gesellschaft schwer. Aber wie sie weicht er von einem einmal eingeschlagenen Weg nicht ab. So findet er zum Beispiel seine frühen Bücher unreif. Und bleibt unerbittlich in seiner Weigerung, sie nicht übersetzen zu lassen. Was aber von ihm übersetzt wird, schießt in den Bestsellerlisten ganz nach oben. Weil er seine Sonderlinge mitten hinein in die bunte Warenwelt des Kapitalismus verpflanzt, zählt man ihn zu Japans amerikanischsten Autoren. Doch der Schein trügt. Im Grunde ist Murakami ein Asiate im westlichen Wolfspelz. „Kafka am Strand“ ist sicherlich sein reifstes Buch. Mit gewohnt leichter Hand entwirft Murakami eine seiner surrealen, süchtig machenden Traumwelten, bevölkert von so liebevoll-skurrilen Figuren wie dem zurückgebliebenen Nakata, der sich mit Katzen verständigen kann, oder einer Prostituierten, die philosophische Fellatio beherrscht und zum Höhepunkt hin Hegel zitiert. Im Mittelpunkt des Romans steht der 15-jährige Kafka Tamura, der seinem ungeliebten Vater entflieht, um seine Mutter, die ihn verlassen hat, als er vier war, zu suchen. In Saekisan glaubt er sie gefunden zu haben. Doch er verliebt sich in sie – und schläft mit ihr. Als dann schließlich sein Vater erstochen aufgefunden wird, scheint Tamura dem Schicksal des Ödipus nicht mehr entrinnen zu können. Murakamis Geschichten erschöpfen sich nie in vordergründigen Bedeutungen. Nicht umsonst vollzieht sich die Reifeprüfung seines Helden mit dem literarischen Vornamen in einer Gedächtnis-Bibliothek. Von da ist es nur ein kleiner Schritt in weitere Schatzkammern der Weltliteratur. In Deutschland wurde Murakami vor allem deshalb bekannt, weil sich das „Literarische Quartett“ über seinen Roman „Gefährliche Geliebte“ entzweite. Über „Kafka am Strand“ würde es wohl wieder zusammenfinden.

Ronald Dietrich

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