Literatur-Nachrichten

Griff nach den Sternen

Das Universum muss nicht unüberschaubar sein: Vier Titel bringen uns die Naturwissenschaften näher.

Hätten Sie gewusst, dass Einsteins erste wissenschaftliche Veröffentlichung sich mit den Strömungsverhältnissen von Flüssigkeiten in Trinkstrohhalmen befasste oder dass Ihr Zeigefinger aus rund 180 Milliarden Atomen besteht, von denen jedes aufgrund seiner Langlebigkeit wahrscheinlich schon Aufenthalte in mehreren Sternen hinter sich hat und Bestandteil von Millionen von Lebewesen gewesen ist? Für einen Wissenschaftler sind Naturwissenschaften auch ohne die Kenntnis solcher Details aufregend genug. Um diese jedoch einem breiten Publikum zugänglich zu machen, muss ein Autor sich etwas einfallen lassen. Denn das Lesen von Büchern mit wissenschaftlichen Inhalten soll – Selbstzweck und Anspruch zugleich – Vergnügen bereiten, steht doch die Lust an der Vermittlung in einem direkten Zusammenhang mit der Nachhaltigkeit des Vermittelten. Die Autoren der folgenden Neuerscheinungen nähern sich dieser Aufgabe auf je eigene Art. Ein in Deutschland viel gehörter und gelesener Makler in Sachen Wissenschaftspopularisierung ist Ernst Peter Fischer, der gerne als Antwort auf den geistesgeschichtlichen Wissensbegriff à la Schwanitz gesehen wird. In „Einstein, Hawking, Singh & Co“ stellt er einen Kanon der 50 wichtigsten Bücher zusammen, die das wissenschaftliche Weltbild der vergangenen Jahrzehnte geprägt haben. Seine Auswahl reicht von den verständlicheren Schriften der berühmtesten Naturwissenschaftler bis zu Theaterstücken und anderen wissenschaftsnahen Veröffentlichungen. Der Bildungsratgeber ist in Form und Sprache so leicht zugänglich, wie seine Auswahlkriterien nachvollziehbar sind. Neben Kurzeinführungen zu Originaltitel, Autor und den zentralen wissenschaftlichen Thesen bewertet ein Punktesystem den wissenschaftlichen Rang des Autors, die Lesbarkeit seines Buches und dessen wirkungsgeschichtliche Relevanz. Das ist praktisch und übersichtlich. Nicht mehr und nicht weniger. Ausführlicher hat der durch ungewöhnliche und unterhaltsame Reisebücher bekannte amerikanische Journalist Bill Bryson eine „kurze Geschichte von fast allem“ geschrieben. Als er eines Tages feststellen musste, dass er von dem einzigen Planeten, auf dem er jemals leben würde, keine blasse Ahnung hatte, beschloss er, den Dingen auf den Grund zu gehen – und zwar so vielen Dingen wie möglich. Mit Lust am anekdotischen Detail und Sinn für das wissenschaftsgeschichtlich Grundlegende hat Bryson, der ein wahrhaft kindliches Staunen über die Welt und das, was wir über sie wissen, zustande bringt, einen historischen Reisebegleiter durch die Regionen der Welt und der Wissenschaften geschrieben. Der Autor hält, was er im Titel verspricht. Ein ebenso unterhaltsames wie profundes Buch, für Leser, die sich von ein paar hundert Seiten nicht schrecken lassen. Kein Griff nach den Sternen, sondern eine liebevolle Sammlung von 40 Geschichten über eine ganz besondere Art von Steinen ist unter dem Titel „Am Anfang war kein Mond“ erschienen. Meteoriten sind der Ausgangspunkt für die „Science-Storys“ des Wissenschaftsjournalisten Thomas de Padova über enthusiastische Sternengucker und die Entstehung des Sonnensystems und des Lebens auf der Erde. Es sind schöne und durchdachte Geschichten, die teilnehmend und unprätentiös Einblick in den Mikrokosmos einer Leidenschaft gewähren, die den Makrokosmos bis zum Anfang der Zeit und die Grenzen des Raumes ausloten möchte. Der Astrophysiker Chet Raymo geht täglich einen rund 1,6 Kilometer langen Weg zu seinem College. Was wie ein bloßer Spaziergang aussieht, ist in Wahrheit eine Reise durch das Universum. 37 Jahre lang ist Raymo an einer verfallenden Fabrik vorbei über dieselbe Wiese gegangen und entdeckt in den Kulturtechniken des Menschen und hinter der Komplexität natürlicher Formen die erstaunliche Einfachheit ihres Aufbaus und der sie organisierenden Gesetze. Literarisch und anschaulich vermittelt er dem Leser einen Augenblick der Gewissheit, dass in der Welt das Künstliche mit dem Natürlichen und das Individuelle mit dem Ganzen zusammenhängt. Nüchtern stellt er fest, dass durch den technisch ermöglichten, zunehmend tieferen Einblick in die Wirklichkeit die Unwissenheit des Menschen noch zunimmt und, dass das, was als Spaziergang begonnen hat, als Aufbruch des Menschen in die Verantwortung für die Natur zu verstehen ist. Moralische Einsichten, Bildungshäppchen oder das Erstaunen über die kulturelle Größe und die individuellen Aspekte wissenschaftlicher Denkweisen, diese vier Bücher sind ein Lesevergnügen nicht trotzdem, sondern weil sie sich mit naturwissenschaftlichen Inhalten befassen.

Martin Herrchen

Titel

  1. Eine kurze Geschichte von fast allem
    • VerlagGoldmann Verlag
    • ISBN 3442460719

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  2. Mein täglicher Spaziergang durch das Universum
    • VerlagEichborn
    • ISBN 3821855800

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  3. Einstein, Hawking, Singh & Co.
    • VerlagPiper
    • ISBN 349224436X

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  4. Am Anfang war kein Mond
    • VerlagKlett-Cotta
    • ISBN 3608942416

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