Literatur-Nachrichten

Stadt der Raben

Krakau: Vom Feuerwerk über der Weichsel bis zum Viertel der Übergeschnappten. Porträt einer Stadt. Impressionen von Juli Zeh

Eigentlich hatte ich mir Polen als riesengroßes, stillgelegtes Industriegelände vorgestellt. Über Krakau wusste ich nur, dass von dort die Würstchen gleichen Namens stammen und dass man einmal im Leben zu Silvester hinfahren muss. Nach zehnstündiger Zugfahrt ab Berlin nähere ich mich einer Stadt, die durchaus Krakau sein könnte. Genaues ist nicht festzustellen, die Sichtweite beträgt fünfzehn Meter, die Temperatur minus fünfzehn Grad. Pferdekutschen, die Insassen in Decken gehüllt, tauchen aus dem Nebel auf, dazu Teile einer mittelalterlichen Burganlage, gotische Kirchtürme, ein regungsloser Fluss, weiß von Schwänen. Mühsam halte ich mich wach, treibe in engen Gassen durch gelb angestrahlten Nebel, berühre gelegentlich die alten Gemäuer mit Händen, darauf gefasst, ins Leere zu greifen. Die fremde Sprache aus unzähligen Mündern vermischt sich mit Musik, die, wohin ich auch laufe, gedämpft hinter geschlossenen Fenstern, einer Mauer oder der nächsten Straßenecke erklingt. Um Mitternacht kriege ich mit blau gefrorenen Fingern die Sektflasche nicht auf. Während das Feuerwerk die Weichsel in bunten Lichterregen taucht, stelle ich mir vor, wie es wäre, in einer Stadt zu leben, deren Häuser, kaum dreht man ihnen den Rücken, die Plätze tauschen. Wo die Gesichter der Menschen Antworten verbergen, zu denen man nicht einmal die Fragen kennt. Krakau lässt mich nicht mehr in Ruhe. Ich will kein Geheimnis ergründen, sondern die Schönheiten seines Schleiers genießen. Ich spüre eine starke Sehnsucht danach, selbst Teil dieses Schleiers zu werden. Aber natürlich muss ich gleich nach Neujahr zurück. Und dann wird es Mai, und ich bin immer noch da. Der Nebel hat sich gelichtet und eine Stadt freigegeben, die Altersringe trägt wie ein tausendjähriger Baum: Geschichte, die sich vom mittelalterlichen Zentrum bis zur kommunistischen Plattenbauperipherie in konzentrischen Kreisen ausbreitet. Jeder noch so alte Stein liegt an seinem Platz. Selbst im Judenviertel Kazimierz, das von den Nazis ausgeräumt wurde bis auf die letzte Maus, stehen die Synagogen, der jüdische Markt, die Klezmerhäuser unberührt. Obwohl dies der schönste aller Stadtteile ist, leben hier nur Künstler und andere Übergeschnappte. Zum Beispiel ich. Auschwitz liegt nur vierzig Autominuten entfernt. Niemand erzählt mir Legenden, und ich erfahre sie doch, die Stadt ist ganz aus ihnen errichtet. Geschichten über die Türme der Marienkirche, die zwei Brüder im Wettstreit erbauten, und über Tauben, die eigentlich verzauberte Ritter sind. Geschichten von den Raben, die Krakau den Namen gaben und in heidnischen Zeiten durch Priester betreut wurden, weil ihre Flugbahn alle Geschicke prophezeit. Das Lied des Bronzetrompeters zur vollen Stunde bricht mittendrin ab, ganz hinten auf dem Hauptaltar von Veit Stoß steht ein gelber Schnabelschuh. Ich lerne, den Kopf in den Nacken zu legen, die Stadt zu lesen. Ich vergesse den Klang meiner eigenen Stimme. Tagsüber mache ich Fotos auf verlassenen Sportplätzen und von zerfetzten Plakatwänden. Wenn das nicht hilft gegen die fiebrige Schönheit der Stadt, fahre ich nach Nowa Huta zu den endlosen Industrielandschaften und stalinistischen Prachtalleen. Immer öfter liege ich im Schatten unter den Burgmauern des Wawel und schaue über die blendende Weichsel. Ich lerne die polnischen Wörter für „Wir werden schon sehen“ und „Irgendwann kehrt jeder zurück“. Nachts trage ich meinen Stuhl aus den Caféhausgewölben auf die staubige Straße und trinke roten Wein im Licht der Laternen. Am meisten habe ich mir den Herbst über Krakau gewünscht, aber die Blätter sitzen alle fest an den Zweigen. Ich stehe auf Planty, dem ringförmigen Park entlang der Stadtmauern, und zucke zusammen bei jedem Donnerschlag. Mit Schreckschusskanonen werden die Schwärme von Raben vertrieben. In meiner Reisetasche trage ich die letzten fünf Monate, in meinem Portemonnaie ein großes Loch, im Herzen noch immer die Sehnsucht des Neujahrsmorgens und im Kopf – ein Stück gelb angestrahlten Nebels. Als ich den Bahnhofsplatz überquere, sind die Baumkronen schwarz von Raben. Sie kommen immer wieder zurück. Juli Zeh, geboren 1974, studierte an der Jagellionian Universität Krakau. Ihr Debüt- roman „Adler & Engel“ (Schöffling, 2001) wurde fünffach ausgezeichnet.

Juli Zeh

Titel

  1. Von Krakau bis Danzig
    • VerlagBeck
    • ISBN 3406510825

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  2. Krakau und Tschenstochau
    • VerlagReise Know-How
    • ISBN 3831712301

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  3. Pilot Pirx
    • VerlagSuhrkamp
    • ISBN 3518455354

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