Literatur-Nachrichten

Geniales Grün

Drei Dinge sind den Briten heilig: der five o’clock tea, die Monarchie und die Gärten. Eine ökologisch-dynamische Inspektion.

Immer schon gehörten in England Gärten und Exzentriker zusammen. Die Besitzer der großen historischen Garten- und Parkanlagen haben ganze Dörfer verlegt, Flüsse umgeleitet, botanische Expeditionen in den Himalaya oder nach China finanziert und gigantische Gewächshäuser, die ersten gläsernen Kathedralen, auf ihre Latifundien gepflanzt. Immer wieder stößt man auf Gärten, die mit seltsamstem Formschnitt-Grün in Überlebensgröße von bizarrer Stilauffassung ihrer Besitzer zeugen. Viele der schönsten Gärten wurden von Frauen gestaltet, leidenschaftlich Getriebene, deren persönliche Vision von Farbgebung, Struktur und Form in ihren Gartenanlagen zur Blüte reifte – ein „englisches Paradies“. Das gleichnamige Buch stellt acht berühmte, von Frauen angelegte Gärten in Südengland vor. Die Künstlerin Gertrude Jekyll (1843–1932) beispielsweise hat der viktorianischen Förmlichkeit mit lockeren Staudenarrangements in glühenden Farben den Garaus gemacht, die Schriftstellerin Vita Sackville-West (1892–1962) mit ihren Sissinghurst-Gärten ist längst zur Legende geworden, und Penelope Hobhouse (geb. 1929) gilt heute als herausragende Gartendesignerin, deren Bücher auch bei uns Bestseller des Genres sind. Luise Berg-Ehlers folgt den Spuren Virginia Woolfs (1882–1941) von London bis nach Cornwall, stellt ihre Gärten vor, lässt die komplizierten Herzensverschlingungen der Bloomsbury Group in ihren Häusern und Gärten aufleben, bietet einen ungewöhnlichen Zugang und neue Einsichten in das Romanwerk der wohl bedeutendsten Schriftstellerin des 20. Jahrhunderts. Blaublütige Ladies and Gentlemen analysieren freudig Komposthaufen, Gartenwettbewerbe sind nationale Ereignisse, und jeder Hausbesitzer, jeder Cottagegärtner stöbert in telefonbuchdicken Kompendien, in denen alle öffentlich zugänglichen Gärten des Landes verzeichnet sind. Und gibt es eine neue Anlage zu besichtigen, setzen sich Pilgerscharen und Fernsehteams der BBC umgehend in Bewegung. So auch nach Malmesbury, wohlgenährte kuschelige Kleinstadt zwei Stunden von London entfernt. Neben der machtvollen Kirche am Marktplatz erheben sich die Ruinen einer Benediktinerabtei aus dem 12. Jahrhundert. Gleich hinter einem steinernen Portalbogen breitet sich das Gartenreich von Barbara und Ian Pollard aus, Abbey House Gardens. Die beiden sind Aussteiger. Ian hängte seinen lukrativen Job in der Immobilienbranche an den Nagel, Barbara, „mit einem Rosengarten aufgewachsen“, wollte wieder aufs Land. 1994 übernahmen sie das zum Klosterareal gehörende Haus mit Garten. 20 000 verwahrloste und verwilderte Quadratmeter Wiese und Wald. Was wie Wahnsinn klingt, ist für sie Vision. Einen Garten zu schaffen, der die Klöstergärten vor Ort wieder aufleben lässt. Alte Traditionen mit der eigenen Stilauffassung mixen. In Archiven und im Erdreich wühlen, und dabei Malmesbury einen Teil seiner Geschichte zurückgeben. Buchs- und Eibenhecken markieren jetzt die vormaligen Klostergrundrisse. Wo die Marienkapelle lag, haben sie einen Bogen aus Wildapfelbäumen gesetzt. Der Garten gleicht heute einer Paradieslandschaft. Der „Knotengarten“ in Form eines keltischen Kreuzes kontrastiert mit modernen Skulpturen, der kreisrunde Kräutergarten mit 1800 Pflanzen ist Ians Prunkstück. In der Abfolge der Gartenräume, zwischen dem Obstgarten mit alten Apfel- und Birnensorten, zwischen üppigen hochaufgetürmten Staudenbeeten, Goldregentunnel, Rasenflächen und Hortensienhecken blühen im Frühjahr 30 000 Tulpen. Das kostet. Doch über Geld wird nicht gesprochen – man hat es. Blütenkaskaden ziehen sich bis in die tiefer gelegenen Wildgärten mit Flusslauf, Wasserfall und mittelalterlichen Fischteichen. Den Jahrtausendwechsel haben Barbara und Ian mit 2000 neu gesetzten Rosen gefeiert, und seither sind die Abbey Gardens auch für Besucher zugänglich. Die kommen in Scharen, entzückt auch von dem so sinnenfrohen wie gewöhnungsbedürftigen Schöpferpaar: Ian, Muskelmann mit langen Haaren, Gummistiefeln und sonst recht Knappem; Barbara, mit nackten Beinen, Hotpants und gelben Fesselwärmerchen. Für ihr Outfit hat sie eine einleuchtende Erklärung: „Wir sind seit 20 Jahren tagtäglich zusammen. Wenn ich mich nett anziehe, sind meine Beine zwar kalt, aber Ians Herz ist warm.“ Nicht nur die Briten haben Gartengeschichte geschrieben: Der prachtvolle Bildband „Meister der Gartenkunst“ stellt Zusammenhänge in einem größerem Radius her. Die Reise von Christa Hasselhorst führt u. a. zu italienischen Renaissance-Gärten wie dem geheimnisvollen Bomarzo mit seinen steinernen Monstern, zum verschwenderischen Fürsten Pückler-Muskau in Wörlitz, ins preußische Arkadien des Gartenbaumeisters Peter Joseph Lenné, hinein in das überquellende Blütenmeer des Gartens von Claude Monet in Giverny und zu den knallbunten Riesenweibern von Niki de Saint-Phalle in ihrem Tarok-Garten in der Toskana. Bei dieser überwältigenden Gartenpracht mag man grün vor Neid werden und sich fragen, was davon sich in einem bescheidenen Reihenhaus – vorn handtuchbreit und rücklings unvollendet – um alles in der Welt bloß umsetzen lässt. Und wieder ist es ein Brite, der zur Hilfe kommt: Monty Don, der Star der jüngeren Gärtnergeneration mit eigener TV-Show, handfest und sexy. In seinem Buch „Genial gärtnern“ verbindet er einen Rundgang durch seinen eigenen Garten mit den Grundlagen modernen Gartendesigns auf ökologischer Basis. Dabei berücksichtigt er alle Aspekte naturnaher Gärtnerei, vom geeigneten Boden, den Arbeiten im Gemüse, Blumen- und Obstgarten bis hin zur Heckenbepflanzung. Für Rosenliebhaber und solche, die es werden wollen, ist der „Taschenatlas Rosen“ eine wahre Fundgrube: 300 Rosen, kurz und übersichtlich und mit Abbildung vorgestellt, dazu Hinweise und Tipps zu Kauf, Pflanzung und Pflege. Immer beliebter werden die betörend schönen Kamelien. Zwar gelten sie als zarte, unberechenbare Wesen, doch gibt es eine Vielfalt an robusten Gruppen, die sich prächtig für Haus und Garten eignen. In England und auch anderswo.

Ingrid Nowel

Titel

  1. Das englische Paradies
    • VerlagAufbau-Verlag
    • ISBN 335103010X

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  2. Kamelien im Garten
    • VerlagUlmer
    • ISBN 3800144549

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  3. Taschenatlas Rosen
    • VerlagUlmer
    • ISBN 3800142562

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  4. Genial gärtnern
    • VerlagDorling Kindersley
    • ISBN 3831005435

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  5. Meister der Gartenkunst
    • VerlagNicolaische Verlagsbuchhandlung
    • ISBN 3894791381

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  6. Die Gärten der Virginia Woolf
    • VerlagNicolaische Verlagsbuchhandlung
    • ISBN 3875843789

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  7. Englische Gartenlust
    • VerlagInsel Verlag
    • ISBN 3458348840

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