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Tatort Deutschland

John LeCarrés Meisterwerk Absolute Freunde spielt in Deutschland. Er befindet sich in guter Gesellschaft. Acht weitere Autoren schicken ihre Täter auf heimisches Terrain.

John LeCarré ist zurückgekehrt nach Deutschland. Seit 1963 ist er weltberühmt als Verfasser des Berlinromans „Der Spion, der aus der Kälte kam“. 1961 hatte LeCarré, damals unter seinem Namen David Cornwell, Beamter des Auswärtigen Amtes, schockiert den Mauerbau miterlebt. Im Untergrundkampf zwischen dem britischen Agenten Leamas und dem Stasi-Offizier Mundt hat LeCarré eine allgmeingültige Chiffre für den Kalten Krieg gefunden. Graham Greene: „Der beste Spionageroman, den ich je gelesen habe.“ In den Romanen um George Smiley, die mit Alec Guinness verfilmt wurden, stellte Le Carré die Welt der Maulwürfe und Doppelagenten als die dunkle, wahre Seite des angeblich so heroischen Kampfes gegen den Kommunismus dar. Als dann der Kalte Krieg zu Ende war, wandte er sich globalen Themen zu, seine Romane spielten in der Karibik oder in Kenia. Jetzt, in „Absolute Freunde“, greift LeCarré wieder auf ein britisch-deutsches Paar zurück. Doch Ted Mundy und Sascha sind keine Gegner, sondern Freunde, die seit bald 40 Jahren einen gemeinsamen Kampf kämpfen. Sie sind zwei Elternlose, Entwurzelte, die sich im studentenbewegten Berlin des Jahres 1968 in einem besetzten Haus erstmals begegnen. Mundy entstammt der gesellschaftlich zweifelhaften Verbindung eines britischen Majors mit einer englischen Krankenschwester. In Sascha findet er den ideellen Zwilling. Der seit Geburt verkrüppelte Sohn eines protestantischen Pastors hat sich der sozialen Revolte verschrieben. Absolute Freunde sind sie, weil innere Unausgefülltheit und soziale Wurzellosigkeit sie wie zwei luftleere Halbkugeln unlösbar verbinden. Sascha ist der Träumer, Mundy der pragmatische Sekundant. Nach dem Ende der Studentenbewegung landen sie auf verschiedenen Seiten des Eisernen Vorhangs. Als Mitarbeiter des British Council organisiert Mundy in der DDR und anderen Ostblockstaaten Kulturbegegnungen. Hier trifft er Sascha wieder, der ihn für die Stasi als Agent gewinnt. Doch in Wirklichkeit agieren sie beide für die Briten. Als der Kommunismus zusammenbricht, begreifen Mundy und Sascha den welthistorischen Umsturz ein wenig auch als Frucht ihrer jahrelangen Subversion. Nach 1989 verlieren sie sich aus den Augen. Die Geschichte dieser Freundschaft über Systemgrenzen hinweg erzählt LeCarré in einer langen Rückblende, mit liebevoller Ironie den Selbsttäuschungen und Versteckspielen seiner Figuren folgend, mit bitterem Sarkasmus für die Manöver der Herrschenden, so schnörkellos elegant, als habe ihm die Rückkehr zum Thema Deutschland die Schaffens- und Ausdruckskraft der Jugend wiedergegeben. Hinzugekommen ist der Zorn des Alters. Denn „Absolute Freunde“ erzählt nicht nur die lange, verzweigte Geschichte eines schönen Pfadfindertraums, sondern auch sein böses Ende. Zu Beginn des Romans ist Mundy pleite und führt, angetan mit Bowler und Union Jack, Touristen durch Schloss Linderhof. Der Irakkrieg ist gerade vorbei und Mr. Blair „zuversichtlich, dass die irakischen Massenvernichtungswaffen in Bälde gefunden sein werden“. Unter den Touristen taucht Sascha auf. Wie eh und je schwärmt er konspirativ von einem menschheitsbeglückenden Projekt, und wie immer gelingt es ihm, Mundy zu verführen. Alles, wovon sie geträumt haben, soll jetzt mit Hilfe eines reichen Weltverbesserers wahr werden. Die Freundschaft der liebenswerten Hasardeure endet mit einem Massaker in Heidelberg. Dort unterhält Supermacht Nummer eins ihr europäisches Hauptquartier und zieht wie immer blind und gewaltsam an den Fäden. Verbittert zeigt LeCarré, was die Fortführung der Präventivschlagdoktrin des Irakkriegs für Deutschland (und das alte Europa) bedeutet: das Ende. Absolute Freundschaft gibt es nur jenseits der Systeme. www.johnlecarre.com Schön verwirrt – eine unerhörte Begebenheit in Frankfurt Von Heidelberg ist es zu den Vogesen nicht weit. Hier kommt 1999 ein wunderschönes Mädchen verwirrt und halb verhungert in ein Dorf, lernt wieder sprechen und lesen. Ihre Geschichte, die sich mit der einiger Schrecken erregender Morde bei Frankfurt verwickelt, erzählt Jan Seghers in seinem Debüt als Kriminalschriftsteller. Seghers ist Matthias Altenburg, längst anerkannt als Erzähler, Satiriker, Essayist. „Ein allzu schönes Mädchen“ ist eine fein erzählte, ferne an Johann Peter Hebel und Heinrich von Kleist erinnernde unerhörte Begebenheit: ein Mensch, der aus der Zeit gefallen ist. Kunstraub in der Pfalz Mädchenträume und die Sehnsucht nach Schönheit geben auch in Monika Geiers „Stein sei ewig“ den Trieben Orientierung. In ihrer wunderbar leichten, nur scheinbar in der hinteren Pfalz, eigentlich mitten in der besten Unterhaltungsliteratur angesiedelten Geschichte ermittelt Kommissarin Boll, ständig genervt von einer aufsässigen Tagesmutter, Kunstraub, Mord und vermutete Entführung. Bei Geier erscheint Deutschland heiter, aufgemuntert durch kleine Bisse. Am Rande der Eifel Ob es Mord ist, Selbstmord oder ein Unfall, dem der alles in Merzthal beherrschende Unternehmer zum Opfer gefallen ist, spielt in Hans Werner Kettenbachs „Kleinstadtaffäre“ nur am Rande eine Rolle. Tot liegt der große Mann mit übler Vergangenheit auf dem Schreibtisch. Ein anderer, der sich für groß hält, kommt in die Bredouille. Carl Wallot, Schriftsteller von Übermittelmaß, war eigentlich nur zu einer Lesung gekommen. Nachdem er die Leiche gefunden hat, sieht er sich in das Gespinst aus Intrigen verwickelt, die eine kleine Stadt in Deutschland ausmachen. Kettenbach, der beim „Kölner Stadtanzeiger“ ein Berufsleben verbrachte, schildert die Affäre um einen Provinzmagnaten aus der Sicht eines ambitionierten Journalistenkollegen. Wie meist geschieht auch hier fast alles hinter den Übergardinen, hinter die auch der schriftstellernde Feingeist nur mit der Brille des Vorurteils blickt. Verschanzt in Schenkenschanz Wenn das Provinzdrama nicht von allein funktioniert, hilft immer eine Naturkatastrophe. Nach diesem immer wieder mitreißenden Prinzip konstruiert das Autorentrio Hiltrud Leenders/Michael Bay/Artur Leenders dem kleinen Ort Schenkenschanz bei Kleve, der tatsächlich vom Niederrhein umflossen wird, eine doppelte Bedrohung. Während der Rhein hinter Eisbarrieren sein Hochwasser staut, wird im Inseldorf die Bevölkerung reduziert. Die Ermittler aus Kleve werden mit dem Starrsinn von Bauern konfrontiert, die seit dem Mittelalter ihre Dinge allein regeln – und mit einem Fall, der bis nach Bosnien in die Abgründe von ethnischer Säuberung und Völkermord reicht. Aufgedeckte Vergangenheit Noch weiter zurück reichen die Ereignisse, mit denen Georg Dengler, seit kurzem Privatdetektiv in Stuttgart, in seinem ersten Fall zu tun bekommt. Eine junge Frau glaubt nicht, dass ihr Vater bei einem Flugzeugabsturz in Thailand umgekommen ist. Die Suche nach dem Verschwundenen wühlt Fälle auf, die bis heute auch tatsächlich noch offen sind. Weder die Ermordung des ehemaligen Treuhandchefs Rohwedder 1991 noch die Umstände, unter denen 1993 RAF-Mitglied Wolfgang Grams in Bad Kleinen umkam, sind zweifelsfrei aufgeklärt. Wolfgang Schorlau liefert eine plausible Fiktion: Rohwedder wurde erschossen, damit der Westen den Osten wirtschaftlich einsacken konnte. Reines Blut – die alte Geschichte Nutzt Schorlau die Fiktion, um eine mögliche Wahrheit zu erfinden, entwirft Wolfgang Kaes einen neuen Verlauf der Geschichte. Auch in „Todfreunde“ ist ein Mächtiger umgekommen: Julius Weinert war Bundestagsabgeordneter, Kanzlervertrauter und ein großer Vertuscher. Ihm dankt die Pharmaindustrie, dass die Verseuchung von Blutermedikamenten mit Aids nicht gesühnt wurde. Jetzt liegt er selbst in seinem Blut. Kaes greift in die Vollen: Eine kleine unerschrockene Gruppe von Freunden, vertraut mit Psychoana-lyse wie mit Karate und Dschungelkampf, stellt eine uralte Nazi-Organisation. Unter Berlin tobt der Krieg Während Kaes’ Finsterlinge sich in einer alten Ordensburg in der Eifel zu kinderschänderischen Ritualen versammeln, müssen die Helden D. B. Blettenbergs in den Untergrund von Berlin. Hier führen Nord- und Südvietnamesen Krieg um die Vormacht über Mädchenhandel, Juwelen- und Zigarettenschmuggel. Susarak Farang Meier, halb deutsch, halb Thai, gerät mitten hinein, nur mit Hilfe alter Dschungelkrieger, tapferer deutscher Frauen und seinem asiatischen Ehrenkodex kommt er wieder heraus. Deutsche Brut Topografisch unbestimmt, irgendwo in Deutschland, aber dort, wo die großen Fernsehstudios nicht weit sind, spielt Thea Dorns „Die Brut“. Es sind nicht die politischen Machtspiele, um die sich das Leben der Talkmasterin Tessa Simon dreht, obwohl auch sie eine Kanzlerkandidatin auf ihre Fernsehcouch legt. Nein, hier geht es um die (Un-)Vereinbarkeit von Kind und Karriere, und das auf eine so raffinierte Weise, dass selbst Tessa nicht mehr weiß, ob sie ihren kreischenden Sohnemann selbst von der Dachterrasse geworfen oder nur bei seinem Absturz zugesehen hat. Fazit: Um Deutschland steht es wahrlich nicht gut, umso besser geht es dem Krimi.

Tobias Gohlis

Titel

  1. Die Brut
    • VerlagGoldmann Verlag
    • ISBN 3442460794

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  2. Die blaue Liste
    • VerlagKiepenheuer & Witsch
    • ISBN 3462034790

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  3. Berlin Fidschitown
    • VerlagPendragon
    • ISBN 3934872565

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  4. Absolute Freunde
    • VerlagUllstein Taschenbuch Verlag
    • ISBN 3548605478

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  5. Todfreunde
    • VerlagRowohlt Taschenbuch
    • ISBN 3499235153

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  6. Ein allzu schönes Mädchen
    • VerlagRowohlt Taschenbuch
    • ISBN 3499236249

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  7. Die Schanz
    • VerlagRowohlt Taschenbuch
    • ISBN 3499232804

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  8. Stein sei ewig
    • VerlagArgument Hamburg
    • ISBN 3886198804

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  9. Kleinstadtaffäre
    • VerlagDiogenes
    • ISBN 3257234643

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