Literatur-Nachrichten

Gaby Hauptmann - die Turbo-Frau

Mit dem „impotenten Mann“ fing alles an. Seitdem bedient Gaby Hauptmann das Genre der Unterhaltungsliteratur so erfolgreich wie kaum eine andere hierzulande. Eine Frau auf der Überholspur.

Gaby Hauptmann, Journalistin, Schriftstellerin, Wirtschaftsfaktor. Standort Deutschland, genauer gesagt Bodensee, Allensbach. Exportschlager zugleich, da die Auslandsrechte an ihren Büchern in 27 Länder verkauft wurden. Selbst bis nach China hat es ihr Erstling „Suche impotenten Mann fürs Leben“ geschafft, obgleich der Einkäufer auf der Frankfurter Buchmesse gleich klarstellte, dass es in China Impotenz weder in Wort noch in Form gäbe. An ihr verdienen viele: zuallererst der Piper Verlag. Als Bestsellerautorin bringt sie Geld in die Kasse. Weiterhin dabei sind zum Beispiel Druckerei, Papierhersteller und -lieferanten, Buchhändler, Zeitungen, in denen Anzeigen geschaltet werden. Auch die Film- und Fernsehindustrie – der aktuelle Bestseller „Hengstparade“ wird im Herbst mit Christiane Hörbiger in der Hauptrolle verfilmt – und der Hörbuchmarkt gehören zur Hauptmann’schen Verwertungskette. Und natürlich verdient die Autorin selbst. Die allerdings stand schon auf Porsche, als sie es sich noch nicht leisten konnte. Mit 26 fuhr sie den ersten Carrera und ist der Marke bis heute treu. Warum? „Aus Freude. Porsche ist eine Mischung aus Spielzeug und Perfektion. Im Porsche fühle ich mich sicher. Das ist eine Sache des Vertrauens.“ 70 000 Kilometer ist sie im Jahr unterwegs und hatte bisher nur einen einzigen Unfall. Ein entgegenkommender Traktor übersah sie. „Keine Chance“, kommentiert Hauptmann lapidar. Das Auto war Schrott, sie kam mit einem Kratzer und einem Schleudertrauma davon. Sie ist eine Marktmacht. Und selbst zur Marke innerhalb der Unterhaltungsindustrie geworden. Während die Deutschen stramm zwischen U- und E-Literatur unterscheiden, werfen die Amerikaner alles in einen Topf und haben damit kein Problem. Gaby Hauptmann übrigens auch nicht. Rückendeckung bekommt sie von manch anerkannten Literaten. So riet ihr Martin Walser – ihr Nachbar am Bodensee, wo sich alle Seeanlieger als Nachbarn bezeichnen, auch wenn sie eine halbe Stunde auseinander wohnen –, sie solle ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen. Vor allem die Klappe halten, wenn sie mit Journalisten rede und nicht von Badewannenliteratur sprechen. „Vergiss nicht, dass Literatur Literatur ist. Es gibt kein U und kein E.“ Basta. Und Büchner-Preisträger Arnold Stadler, der bei einer Talkshow neben ihr saß, bemerkte, als der Moderator sie süffisant fragte, welche Preise sie denn vorzuweisen habe: „Frau Hauptmann braucht keine Preise. Sie hat Leser.“ 5,5 Millionen verkaufter Taschenbücher allein in Deutschland, jeder Roman ein Bestseller, das macht ihr so schnell niemand nach. Aneinander gereiht pflastern ihre Bücher einen Weg von etwa 1 050 Kilometern, errichten aufeinander gestapelt einen Turm von gut 1 100 Metern. Dahinter kann sich der Kölner Dom siebenmal verstecken. Und Gaby Hauptmann selbst? Was sagt sie dazu? „Ich erzähle Märchen, Geschichten, gemischt mit Komik. Ich glaube, das ist meine Begabung.“ Wir treffen uns auf dem Reiterhof Vox in der Nähe von Osnabrück, wo die Landschaft weit und leer ist, die Menschen ein wenig eigen sind und stur, die Welt noch in Ordnung ist. Im Prinzip jedenfalls. Nun ist der Schriftsteller ein Mensch, der hinter die Fassade schaut, das Abgründige hinter dem Normalen sucht. Die „Hengstparade“ spielt hier, und Ähnlichkeiten mit lebenden Menschen und Tieren sind durchaus beabsichtigt, die Grenzen zwischen Dichtung und Wahrheit fließend. Von Pferden und Menschen So mag man in dem höflichen, zurückhaltenden und dennoch stets präsenten Herrn Peter den Markus erkennen. Darauf angesprochen, reagiert er mit verschmitztem Grinsen und sagt, dass er sich schon an seinen neuen Namen gewöhnt habe, da das Haus mittlerweile von Gästen heimgesucht werde, die eigens des Buches wegen herkommen. Auch der Chef des Reiterhofs, Klemens Vox, kommt nicht umhin, gelegentlich mit Herr Lex angesprochen zu werden. Den Naturburschen allerdings aus dem Waldhaus, der nicht lange fackelt, als ihm die attraktive Hella unverhofft ins Haus schneit, und der weiß, welchen Ruf ein echter Naturbursche zu verteidigen hat, den suchen wir vergebens. Schade. Aber dafür haben wir ja das Buch. Darauf genehmigen wir uns erst mal einen „steigenden Hengst“, der eigentlich ein „roter Hengst“ ist. Eine Art westfälisches Nationalgetränk, in einem Zug zu kippen, 42 lumpige Prozent schwer und ein bisschen klebrig, das die Einheimischen wegputzen wie einen Espresso. Cherio. Wie sie das mit der Badewannenliteratur gemeint habe, wollen wir wissen. „Für mich ist Literatur entspannend, wenn ich mich in die Wanne lege, ein Gläschen Sekt trinke, mich einfach wohl fühle. Das kann man auch übertragen: Liegestuhl, Strand oder Bett.“ Ein Anspruch, der sich durch die Resonanz legitimiert, und wer hier immer wieder versucht, die hehre Literatur ins Spiel zu bringen, sitzt auf dem falschen Pferd. Man kann Hölderlin mögen, ohne Hauptmann abzulehnen. Es kommt einzig auf die Bedürfnislage des Lesers an. Gaby Hauptmann hat ein Genre für sich entdeckt, das ihrem Naturell entspricht. Sie möchte erzählen, unterhalten, helfen. Männern und Frauen in ihrem ewigen Liebesbemühen will sie zurufen, nicht alles ganz so ernst zu nehmen. „Ob meine Geschichten aufklären oder Mut machen oder Kraft geben oder einfach nur zum Lachen sind, hängt immer von der Situation ab, in der sich die – meist – Leserin befindet.“ Wie sie sich den seit zehn Jahren anhaltenden Erfolg erklärt? Die Antwort fällt ihr so einfach nicht. Vielleicht habe es mit den Themen zu tun. Geschichten aus dem Leben sind das, wahr und doch erfunden, so dass sie ihr eigenes Leben nicht bemühen muss und damit der Gefahr entgeht, sich zu wiederholen. Aber sicher, so Hauptmann, seien auch Glaubwürdigkeit und Image die Schlüssel ihres Erfolgs: „Ich denke, ich werde als eine Frau wahrgenommen, die tut, was sie will. Die alles anpackt. Und so ist es ja auch. Ich war mehrfach unten, und ich bin immer wieder aufgestanden.“ Zum Beispiel, als sie vor zwölf Jahren mit Baby und ohne Geld dastand. Sie hat es als allein erziehende Mutter geschafft, wieder journalistisch zu arbeiten. Sie ließ sich sechs Wochen beurlauben und schrieb in dieser Zeit den „Impotenten Mann“, wurde prompt von der Erfolgswelle überrollt und landete einige Zeit später – nachdem sie Kind, Job und Lesereise drei Monate lang nonstop unter einen Hut gebracht hatte – mit einer verschleppten Lungenentzündung im Krankenhaus. Dort ließ sie sich nach drei Tagen den Laptop bringen und haute den nächsten Roman in die Tasten. „Zähigkeit ist meine Grundeigenschaft. Ich bin ein Achterbahnfahrer, ein Stehaufmännchen. Das liegt sicher auch daran, dass ich Kampfsport gemacht habe.“ Furchtlosigkeit gehört ebenfalls zu ihrem Naturell. „Ich bin nicht der Typ, der ausweicht. Ich bleibe nicht stehen, ich gehe einen Schritt vor.“ Von diesen Eigenschaften zehren auch die Protagonisten in ihren Büchern. Die Themensuche selbst erfolgt nach journalistischem Muster. Wie das funktionieren kann, erklärt Hauptmann: „Mir fällt zum Beispiel auf: Das ist jetzt die Dritte, die mir erzählt, dass ihr Mann mit 60 anfängt, sich eine Jüngere zu suchen, und dies mit der erklärten Absicht tut, sie, die jahrelang alles gemacht hat, außen vor zu lassen. Zu merken ist es zunächst an Kleinigkeiten. Sie kocht ihm sein Lieblingsessen, Schweinsbraten mit Knödeln und Soße. Und er guckt auf das Essen und sagt: Willst du mich unbedingt fett machen, mich umbringen mit dem Cholesterin? Ich will jetzt was Gesundes, mein Körper braucht Salat. Als Nächstes kauft er sich neue Unterwäsche, das zweite Zeichen. Wenn du vier Geschichten in dieser Richtung gehört hast, dann spinne ich meine Fäden, die Geschichte kommt zustande.“ In diesem Falle eben „Nur ein toter Mann ist ein guter Mann“. Persönlich hat sie nichts gegen Männer. Ihren Lebensgefährten Botho von la Chevallerie kennt sie seit 16 Jahren. Damals war es mehr eine Affäre. Sie fand, er sei noch nicht reif genug, und er fand, sie sei noch nicht reif genug. Jedenfalls ging sie nach Brasilien, und er heiratete. Als sie sich nach zehn Jahren wieder begegneten, „haben wir uns am ersten Abend brutal ineinander verliebt“. Gaby Hauptmann lädt uns zu einer Kutschenfahrt ein. Der gutmütige Dschingis Khan wird angespannt, sie und Botho steigen auf den Bock. Sie zeigt uns den Weg zum Häuschen im Wald, das es leider ebenso wenig gibt wie den feschen Naturburschen. Zum Trost legen wir einen Halt am Friesenkeller ein. Zeit für einen „steigenden Hengst“. Das mit dem Wirtschaftsfaktor, sagt Gaby Hauptmann, darüber müsse sie mal nachdenken. Aber im Prinzip stimme es schon.

Irene Nießen

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