Belletristik / Titelgeschichte

Unterleuten
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Juli Zeh© Thomas Müller

Der Albtraum vom Landleben

Jeder kämpft für sich allein: Juli Zeh erzählt in ihrem Roman „Unterleuten“ von den Konflikten in einem Dorf – und von den großen Themen unserer Zeit; vom Verlust von Bindungen, Traditionen und moralischen Werten.

Lärm, Abgase, Anonymität, Wuchermieten: Welcher Großstädter hatte nicht schon einmal den Wunsch, aufs Land zu ziehen? In ein Dorf im Dunstkreis der Metropole, wo jeder jeden kennt, wo es keine Parkplatzsorgen gibt und man sich abends auf ein Bier in der Kneipe trifft. Und es doch nur eine Stunde mit dem Auto braucht, um gelegentlich ins urbane Leben einzutauchen.

So haben es Jule und Gerhard gemacht, die in Unterleuten, einem 200-Seelen-Dorf nahe Berlin, ihr Traumhaus inklusive 5 000 Qua­dratmeter Gartenland gefunden haben. Doch von wegen Idylle. Bei sommerlicher Gluthitze können sie weder Fenster noch Türen öffnen, denn nebenan verbrennt der Nachbar auf seinem Schrottplatz Müll. Tag und Nacht wehen Gestank und giftige Dämpfe herüber. Mit Schaller, den Jule nur „das Tier“ nennt, lässt sich nicht reden und die Polizei winkt ab. „Am besten, du bringst das Tier einfach um“, schlägt die verzweifelte Jule ihrem Mann vor. Der Traum vom Landleben – in Juli Zehs Roman „Unterleuten“ ein Albtraum.

Es ist aber nicht nur Schaller, der den Frieden stört. Eine Investmentfirma will hier mehrere Windräder bauen. Die Emotionen kochen hoch im Dorf, unterdrückte Streitigkeiten brechen auf, alte Rechnungen werden beglichen. Mittendrin die Zugezogenen aus Berlin, die mitmischen wollen, doch wenig Ahnung haben vom unsichtbaren Beziehungsgeflecht, das Unterleuten wie ein Spinnennetz durchzieht.

„Die Unterleutener erwarten nichts vom Staat, deshalb regeln sie vieles intern, es ist ein Stück weit rechtsfreier Raum“, sagt Juli Zeh, die selbst vor einigen Jahren von Leipzig aufs Land zog – in ihr Traumhaus in einem weitläufigen Garten am Rand eines 300-Seelen-Dorfs, eine gute Autostunde von Berlin entfernt. „Wenn ich da nicht leben würde, hätte ich den Roman niemals schreiben können.“ Das Dorf, in dem die gebürtige Bonnerin mit ihrem Mann und den beiden kleinen Kindern lebt, hat mit Unterleuten allerdings wenig zu tun. „Es wird sich niemand im Buch wiedererkennen, weil ich niemanden abgebildet habe.“ Diese kleine Welt, die heute ihr Zuhause ist, war für Juli Zeh der Anlass, über die Gesellschaft im Allgemeinen nachzudenken: über den Verlust von Bindungen, über Loyalität, Traditionen und familiären Zusammenhalt – über Werte, die in der modernen Welt immer mehr an Bedeutung verlieren.

Schon früher hat sich die vielfach ausgezeichnete Autorin und Publizistin in ihren Büchern als genaue Beobachterin gesellschaftlicher Missstände gezeigt und sie gehört zu den wenigen Intellektuellen, die sich bei brisanten Themen zu Wort melden, etwa wenn bürgerliche Freiheitsrechte gefährdet sind. In „Unterleuten“ nimmt Juli Zeh mit ihrem intellektuellen Scharfsinn die Gesellschaft als Ganzes in den Blick. Eine Gesellschaft, in der jeder für sich kämpft und, wenn es hart auf hart kommt, jeder gnadenlos und ohne Rücksicht aufs Gemeinwohl die eigenen Interessen durchsetzen will. Den Verlust moralischer Prinzipien beobachtet sie überall. „Da unterscheiden sich Großstadt und Dorf nicht wirklich.“

Mikrokosmos Unterleuten
Erschreckend ist für die 41-Jährige auch immer wieder die Tatsache, wie dünn die „Schicht des Friedens“ ist und „wie wenig es braucht, dass zivilisierte Menschen zu Mitteln der Gewalt greifen“. Die promovierte Juristin weiß nur zu gut, dass der Anlass für ein Verbrechen oft furchtbar banal ist. Der Parkplatz-Streit, der tödlich endet, das Familiendrama, der Ärger mit dem Nachbarn, der plötzlich eskaliert. „Das Böse passiert nicht immer durch bösen Willen, sondern einfach dadurch, dass die Leute glauben, im Recht zu sein. Und sie können es einfach nicht fassen, dass die anderen das nicht so sehen.“ So wie in Unterleuten, in diesem Mikrokosmos der Gesellschaft, wo Menschen ständig übereinander statt miteinander reden. Passenderweise wechselt Zeh in ihrem Roman ständig die Perspektive, lässt ihre Leser die Handlung immer wieder aus einer anderen Sicht betrachten. „Es ist ein Geflecht an Perspektiven, ein Riesenknäuel an Irrtümern, und dieses Irrtumsknäuel ist dann die Wirklichkeit.“

Juli Zeh, die 2001 als 27-Jährige mit ihrem Debütroman „Adler und Engel“ für Furore sorgte, hat sich mit dem großartigen und spannenden Gesellschaftsroman „Unterleuten“ nebenbei ihren persönlichen Traum erfüllt. „Ich selbst bin der größte Fan von solchen Romanen, die heutzutage ja vor allem aus Amerika kommen. Mit ‚Unterleuten‘ habe ich deshalb wirklich gegeben, was ich konnte, um genau das für unsere Zeit zu schaffen.“

Eckart Baier

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