Literatur-Nachrichten

Oliver Kahn - Nummer Eins

Er braucht immer ein Ziel vor Augen. Und auf dem Platz wirkt er manchmal geradezu furchteinflößend. Aber Torwartstar Oliver Kahn kann auch anders, wie er im Gespräch mit dem Buchjournal unter Beweis stellt.

Eine berühmte Erzählung von Peter Handke heißt „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“. Gibt es diese Angst? Oliver Kahn: Nein. Wenn ein Tormann vor etwas keine Angst hat, dann vor dem Elfmeter. Da kann er nur gewinnen. Halte ich ihn, bin ich der Held. Wenn nicht, trifft mich keine Schuld. Wenn jemand Angst haben muss, dann der Schütze. Sie betonen, wie wichtig es ist, nicht nur keine Angst zu haben, sondern das dem Gegner auch zu zeigen. Lässt sich das trainieren? Körpersprache, Charisma, Ausstrahlung – das ist enorm wichtig. Ich glaube, es gibt viele gute Torhüter. Der feine Unterschied zur Weltklasse liegt vielleicht in der Ausstrahlung auf dem Platz. Die ist untrainierbar. Manchmal wirken Sie tatsächlich bedrohlich ... Ich weiß. Mit meinem Buch will ich auch zeigen, dass da nicht ein brüllender Gorilla im Tor steht, sondern ein Mensch mit vielen Facetten. Das Tagesgeschäft Fußball lässt ja kaum Zeit, sich so darzustellen, wie man ist. Vielleicht wollte ich das bisher auch gar nicht zulassen. Außerdem ist es jetzt an der Zeit, einige Gedanken niederzuschreiben, in der Hoffnung, dass sie vielleicht auch jungen Menschen bei bestimmten Entscheidungen weiterhelfen. Der Panther in seinem Käfig ist ein Bild, das Sie für sich gewählt haben. Empfinden Sie den Strafraum manchmal als Gefängnis? Als Panther schon, in einem Käfig weniger. Man reagiert ja als Torhüter immer nur auf das, was vor einem geschieht. Und oft geschieht erst einmal gar nichts, und plötzlich fängst du dir ein Tor ein, bevor du auch nur warm bist. Du kannst deine Aggressionen nicht abarbeiten wie ein Feldspieler. Der grätscht, rennt sich alles von der Seele und tritt zur Not auch einmal jemanden weg. Kommt es deshalb auch immer wieder zu den berühmten Ausbrüchen? Als Torhüter muss man eine ungeheuer große Frustrationstoleranz haben. Irgendwann ist jede Grenze erreicht, und dann kommt es zu solchen Ausbrüchen. Ein guter Torhüter braucht aber dieses Maß an Aggression. Welche Eigenschaften muss ein Torhüter sonst noch haben? Er muss mentale, psychische Stärke besitzen, die sicherlich stärker ausgeprägt ist als bei einem Feldspieler. Ein Torhüter ist beinahe ein Einzelsportler, er muss mit einem viel größeren Druck umgehen, weil er genau weiß, dass er jederzeit spielentscheidend sein kann. Sie schreiben von „positivem Hass“, der Ihnen entgegengebracht wird. Was ist das? Manchmal provoziere ich negative Reaktionen gegnerischer Fans geradezu, weil ich daraus Kräfte für mich selbst ziehen kann. Das ist fast ein bisschen grotesk. Sie geben aber selbst zu, dass ein wenig mehr Gelassenheit nicht schaden könnte. Das ist ein schwieriger Prozess: gelassen sein und trotzdem die Spannung aufrechterhalten. So, wie ich immer war und heute auch noch bin, bin ich dreifacher Welttorhüter geworden. Also kann das alles nicht so falsch gewesen sein. Zum Sport gehören auch Verbissenheit und Ehrgeiz. Ob das mit Gelassenheit zu bewältigen ist? Ich bin nicht sicher. Sie stehen dauerhaft unter Druck: Meisterschaft, Champions League, Nationalmannschaft. Wie entspannen Sie? Das geht schon. Golf spielen ist für mich zum Beispiel ganz wichtig, um auch mal an etwas anderes zu denken als an Fußball. Oder lesen. Auch mache ich viel mit meinen Kindern. Runter komme ich wahrscheinlich erst dann, wenn ich irgendwann mit dem Sport aufhöre. Die körperliche Belastung im Profisport ist unglaublich hoch. Ärgert sich ein Perfektionist wie Sie manchmal über die Grenzen, die der Körper setzt? Im Grunde genommen weiß ich meinen Körper sehr gut einzuschätzen und kann mit 34 Jahren immer noch Trainingsprogramme durchziehen, vor denen weitaus Jüngere kapitulieren. Das Schlimmste, was mir je passiert ist, war diese Augenentzündung letztes Jahr. Da hatte ich auf einem Auge nur noch 50 Prozent Sehfähigkeit und habe trotzdem gespielt. Das war fatal, auch für die Mannschaft. Sie sind angetrieben von Besessenheit, haben immer ein Ziel vor Augen. Könnten Sie sich vorstellen, ein zufriedener Mensch zu sein, wenn das irgendwann nicht mehr so ist? Was ist überhaupt Zufriedenheit? Das wüsste ich auch gern. Ich lese gerade ein Buch, „Anleitung zum Unglücklichsein“ von Paul Watzlawick. Er konterkariert diese ganze oberflächliche Glückspsychologie, die uns erzählen will, wie es uns gut gehen soll. So etwas finde ich mittlerweile platt und unerträglich. Ich glaube, es ist der Sinn des Lebens eines jeden Einzelnen, für sich selbst herauszufinden, wo und wie er sich wohl fühlt. Auf jeden Fall wäre ich nicht zufrieden, wenn ich keine Ziele mehr hätte. Dann müssten Sie ja im Moment ein zufriedener Mensch sein. Ich glaube schon. Die Ziele sind jedenfalls klar definiert. Ich will mit dem FC Bayern noch einmal die Champions League gewinnen, das ein oder andere Mal Deutscher Meister werden und mit der Nationalmannschaft bei der Europa- und Weltmeisterschaft erfolgreich sein. Angenommen, all das würde gelingen und Sie würden 2006 im eigenen Land Weltmeister. Dann müssten Sie ein zweites Leben beginnen, sich neue Ziele stecken. Denken Sie jetzt schon daran? Das muss ich so oder so, Weltmeister oder nicht. Wenn der Fußball Ihre Droge ist, dann wäre das ein kalter Entzug. Eine sehr schwierige Situation. Man sieht ja jetzt gerade wieder an Diego Maradona den Fluch des Superstar-Daseins und die Leere, die sich auftun kann, wenn der letzte Beifall verhallt ist. Ich beschäftige mich gedanklich sehr oft mit diesen Dingen und glaube deshalb auch, dass ich davon nicht überrascht werde. „Jeder Held ist eine einsame Figur.“ So steht es in Ihrem Buch. Sie sind mit zweierlei Einsamkeiten konfrontiert: der des Torwarts auf dem Spielfeld und der des Profifußballers zwischen Hotelzimmern und Stadien. Haben Sie sich schon einmal gefragt, ob sich das lohnt? Das überlegt man sich sehr oft. Letztendlich aber geht es immer nur um die 90 Minuten auf dem Platz, und die sind ja auch das eigentlich Schöne. Nur: Diese Monotonie, die man dafür auf sich nimmt, Zeit totschlagen, versuchen, etwas Vernünftiges zu tun – das ist anstrengend. Man muss diese Lücken füllen. Trotzdem darf man aber auch nicht vergessen, dass wir alle sehr gut bezahlt werden, und da muss man solche Dinge selbstverständlich in Kauf nehmen. Das gehört dazu. Sprechen Sie auch mit Kollegen über andere Themen als Fußball? Sicher. Der Fußballer wird ja gerne noch immer so dargestellt, als könne er nur sein Trikot und seine kurzen Hosen herumtragen und sonst nichts. Das stimmt aber nicht. Ich kann natürlich mit Kollegen über Politik, Wirtschaft oder das aktuelle Tagesgeschehen sprechen. Sie bezeichnen den englischen Fußball als Vorbild. Hat es während Ihrer aktiven Zeit einen Sittenverfall im deutschen Fußball gegeben? Nein, im Gegenteil. Ich glaube, früher war der Fußball sogar teilweise noch brutaler, die Schiedsrichter haben nur nicht so extrem durchgegriffen. Es gibt ja auch für einen Spieler gar keine Möglichkeit mehr, etwas ohne Beobachtung der Kameras zu tun. Wissen Sie eigentlich, wie groß ein Fußballtor ist? Ich glaube, 7.35 auf zweinochirgendwas. Richtig? Es kommt auch immer auf meine Verfassung an. Manchmal ist es größer und manchmal kleiner. Oliver Kahn Geboren am 15.6.1969, Torhüter des FC Bayern München. Sportliche Erfolge: Weltpokal- und Champions League-Sieger (beides 2001), UEFA-Cup-Gewinner und Europameister (beides 1996), 5-mal Deutscher Meister und 3-mal DFB-Pokal-Sieger mit dem FC Bayern, 3-mal Welttorhüter des Jahres, bei der Weltmeisterschaft 2002 als bester Spieler des Turniers ausgezeichnet.

Christoph Schröder

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