Literatur-Nachrichten

Das Leben des Entertainers Thomas Gottschalk

Immer schlagfertig, doch nie unter der Gürtellinie: Der Schriftsteller Gert Heidenreich erklärt das Phänomen Thomas Gottschalk.

Mein Name ist Thomas Rottschalk“, versichert ein blonder Lockenkopf dem Pförtner beim RIAS Berlin, „der Bruder von Gregor Rottschalk. Er erwartet uns.“ Ihm wird geglaubt – und schon steht der Teenager mitten im Studio seines Lieblingssenders. Der Besuchte, immerhin der Starmoderator des RIAS, schmunzelt über die Idee mit dem gemogelten Namen, lässt den Schummler live ein paar Sätze über seine Heimat Kulmbach erzählen – und der Junge weiß: „Das ist es. Das will ich. Radio! Radio live!“ So wie damals, als Thomas Gottschalk die Klassenfahrt nach Berlin für einen Abstecher zum RIAS nutzte, kennt man ihn bis heute: unerschrocken, frei heraus und originell. Egal, ob er samstagabends mit „Wetten, dass ...?“ ein Millionenpublikum unterhält, auf der Buchmesse ein Werk der Kanzlergattin vorstellt oder für Gummibärchen, Fastfood und Postdienste wirbt – Gottschalk kann nicht anders, als gute Laune zu verbreiten. Eine Gnade nennt der Schriftsteller Gert Heidenreich, langjähriger PEN-Präsident und Freund Gottschalks seit den gemeinsamen Zeiten beim Bayerischen Rundfunk, diese angeborene Fähigkeit in seiner Biografie über Deutschlands erfolgreichsten Entertainer und vergleicht Gottschalk mit dem Eichendorff’schen „Taugenichts“. Heidenreich, sprachlich präzise und wohltuend abwechslungsreich, führt den Leser zunächst in Gottschalks fränkischen Heimatort Kulmbach. Vater Hans und Mutter Rutila sind gläubige, konservative Menschen, die allerdings ihre drei Kinder nach ihrem Vorbild zu Selbstständigkeit und couragiertem Handeln ermutigen: So ist der Rechtsanwalt gegen alle damals herrschenden Konventionen 1950 bei der Geburt des Erstgeborenen Thomas dabei. Und Mutter Rutila – in diesem Frühjahr verstorben – lebt tätige Nächstenliebe, indem sie Landstreichern Dusche, Kost und eine Übernachtung bietet. Quasseln, was das Zeug hält Der kleine Thomas hat ein sonniges Gemüt und merkt schnell, womit er Lacher erntet. Als er 14 ist, stirbt der Vater. Von nun an lebt er mit der permanenten Angst, die Mutter zu bekümmern. Also gibt er den guten Sohn, der die Schwester wickelt, badet, spazieren fährt – und der lernt, kleine Geheimnisse zu haben. Zunächst sind das die verpönten Jerry-Cotton-Romane und das Radiohören unter der Bettdecke, später treten heimliche Kino- und Discobesuche an diese Stelle. Dass Kulmbach den Hobby-DJ mit den schrillen Outfits nicht halten kann, wird schnell klar. Nach dem mühsam geschafften Abitur zieht Gottschalk nach München, studiert Germanistik und arbeitet sich als f¤reier Mitarbeiter beim Bayerischen Rundfunk hoch. Was in der Schule als Untugend galt, wird hier zum Pfund, mit dem sich wuchern lässt: Er kann einfach die Klappe nicht halten. Selbst die Verkehrsnachrichten peppt er auf: „Autobahn München – Nürnberg, fünf Kilometer Stau vor der Abfahrt Eching. Wegen Ikea dort. Wird sicher bald Elching heißen.“ Mit seiner Sendung „Pop nach 8“ auf Bayern 3 kommt der Durchbruch. Gottschalk wird lokaler Star und von der Schickeria entdeckt. Der absolute Straßenfeger heißt ab 1985 „B3 Radio Show“ mit dem Moderatorengespann Gottschalk/Jauch. Noch heute kann man auf der Homepage des Bayerischen Rundfunks die besten O-Töne aus dieser Zeit anklicken. Die Hörer lieben Gottschalks munteren Plauderton, seinen nie gemeinen Humor, doch beim BR wächst ein Dossier mit allen Ungehörigkeiten des Moderators. Der wiederum stichelt öffentlich gegen den konservativen Geist des Senders – und geht 1989 endgültig. Schließlich ist er mit TV-Sendungen wie „Na sowas“ und seit 1987 „Wetten, dass ...?“ bereits zum bundesweit bekannten Showmaster geworden. Heute steht Thomas Gottschalk in einer Reihe mit Entertainer-Heroen wie Frankenfeld und Kuhlenkampf, macht – von seinen unsäglichen Kinofilmen abgesehen – solide Unterhaltung für die breite Masse. Gottschalk ist Mainstream und zugleich herausragend in seiner Fähigkeit, sich über Jahre in seiner Spitzenposition zu behaupten. Und in Zeiten öffentlich ausgetragener Scheidungsschlachten beweist er auch damit, wie er sein Privatleben aus der Yellow Press heraushält, dass er eine Klasse für sich ist. Schillernd sind allein seine extravaganten Autos, Uhren und Anzüge. Kein Wunder also, dass auch diese Biografie garantiert skandalfrei ausgefallen ist: Offene Rechnungen werden hier nicht beglichen. Privates wird so wenig wie möglich zum Thema gemacht. Seit 1972 sind Thomas und Thea ein Paar, seit 1976 verheiratet, 1982 kommt Sohn Roman zur Welt, 1989 wird Tristan adoptiert. Über immer wieder kolportierte außereheliche Affären der flirtfreudigen Frohnatur Gottschalk sagt Gert Heidenreich nur so viel: „Er spekuliert darauf, ein Schwerenöter zu sein. Aber fühlt er sich zu sehr begehrt, schaltet er sekundenschnell von Mann auf Kind und erwirbt sich gleichsam ,Welpenschutz‘.“ Keine Frage: Diese Biografie schont Thomas Gottschalk, das gibt der Autor auch unumwunden zu. Gert Heidenreich hat vor allem die Entwicklung einer beispiellosen Karriere beschrieben – vielleicht die letzte ihrer Art in Deutschland. Schon deshalb ist dieses Buch so lesenswert.

Bettina Klee

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