Literatur-Nachrichten

Spurensicherung

Bertolt Brecht wusste, wo zu seiner Zeit die besten Krimis herkamen: „Wie die Welt selber, wird auch der Kriminalroman von den Engländern beherrscht.“ Die Welt wird heute von Amerikanern beherrscht – und der Krimi? Neuigkeiten über eine ehemalige literarische Weltmacht.

Deutsche Krimileser müssten die glücklichsten auf der Welt sein. Von überall her bekommen sie Stoff ins Land, aus Island und Israel, aus Südafrika und Kamerun. Doch der Maßstab aller Dinge scheint immer noch der englische Krimi zu sein, wie ihn Bert Brecht in den 30er Jahren las: Die Verbrechen spielen unter höheren Kreisen in abgeschiedenen Landhäusern, komplexe psychische Motive gibt es nicht, gerätselt wird, wer die Gelegenheit hatte, Indizien und die – oft sehr spekulativ arbeitenden – grauen Gehirnzellen eines genialen Detektivs überführen den Täter. Und alles ist wieder gut ... erklärt. Wem man vertrauen kann - Elizabeth George Diesem Muster entsprechen heute vielleicht am ehesten die Bücher von Elizabeth George. Ihre Krimis sind durch und durch englisch, vermutlich weil Elizabeth George eine waschechte Amerikanerin ist. Kaum ein Leser würde vermuten, dass sie in Ohio (1949) geboren wurde. Sie entwickelt ihre Stoffe, wie sie sagt, nach „der Formel“ der englischen Landhauskrimis, ein Erfolgsrezept, das die heute in Kalifornien lebende Ex-Lehrerin auch in Creative-Writing-Kursen weitergibt. Im Herbst 2004 erscheint auf Deutsch ein Buch von ihr über das Schreibhandwerk. Von der ersten Beatles-Platte an gefiel ihr England besser als die USA. Die englischen Schauplätze bieten ihr mehr Geschichte, Romantik und Atmosphäre. Davon gibt es auf der Kanalinsel Guernsey, wohin es die kalifornische Fotografin China und ihren Bruder Cherokee verschlägt, reichlich. Die Traumreise der Geschwister endet abrupt. Der reiche Mann, der sie eingeladen hat, liegt tot am Strand. China wird festgenommen, ihr Bruder holt den Kriminalwissenschaftler Simon St. James samt Ehefrau Deborah zu Hilfe. Die Ankunft der beiden Hobby-Ermittler löst das George-Fans vertraute Gewucher aus Hinweisen und Verdachtsmomenten aus. Verschollenes aus der Zeit der Nazibesatzung, verschlungene Biografien, Erbschaftsstreitigkeiten, Familienkonflikte aller Art tauchen auf und gehen unter. Jeder scheint verdächtig. Das Ehepaar St. James – Freunde und Partner des hierzulande durch eine Reihe exzellenter Fernsehfilme bekannten georgeanischen Ermittlerduos Inspektor Lynley / Sgt. Barbara Havers – kann zwar seiner kalifornischen Freundin nicht helfen, rettet aber immerhin seine Ehe. Fairplay, das Brecht als Vorzug des englischen Krimis lobte, herrscht bei George nicht: Keineswegs breitet sie dem Leser „alles Material aus“, mit dem er „instand gesetzt wird, den Fall selber zu lösen“. Doch das macht nichts. Es werden so viele Geheimnisse und Intrigen ausgegraben, dass die Leser nach 736 Seiten erschöpft und vielleicht sogar ein wenig beglückt das Buch zuschlagen. Hilf dir selbst – Val McDermid George schreibt sehr dicke Bücher mit zwei Paaren von Helden. Die Schottin Val McDermid (Jahrgang 1950) schreibt mit 300 bis 400 Seiten etwas dünnere Bücher, beschäftigt aber gleich drei Teams in drei verschiedenen Buchreihen. Persönlich am nächsten steht der Ex-Journalistin wohl die Heldin ihrer ersten Krimis: Lindsay Gordon ist Enthüllungsjournalistin in Glasgow, zuletzt heftig in Beziehungskrise mit der Gynäkologin Sophie Hartley. Heldin Nummer zwei Kate Brannigan ist Privatdetektivin in Manchester. Die Romane um das Duo aus Inspektorin Carol Jordan und Profiler Tony Hill wurden verfilmt und waren Erfolge in England und Deutschland. Zu McDermids Romanen ohne eine Serienfigur gehört „Echo einer Winternacht“. Darin geht es wiederum um das Schicksal einer kleinen Gruppe aus den besseren Kreisen. Vier Studenten eines noblen Colleges im schottischen St. Andrews, die vergeblich einer niedergestochenen Kellnerin das Leben zu retten versuchen, sehen sich plötzlich selbst verdächtigt. 25 Jahre schwebt der Mordverdacht über ihnen, und als der Fall mit anderen ungelösten wieder aufgenommen wird, wird ihr halbwegs bürgerlich gesichertes Leben bedroht. Es scheint, als wolle jemand die Tote auf eigene Faust rächen und die Verdächtigen von damals töten. Buchstäblich in letzter Minute entlarven die beiden Überlebenden den wahren Täter. Kein Gott und kein Recht – Ian Rankin Noch weniger Vertrauen in die Macht von Staat und Vernunft verbreitet Ian Rankin, ebenfalls Schotte, mit seinen Romanen um Inspektor Rebus. Von den noblen grauen Zellen eines Hercule Poirot ist sein Detective Inspector so weit entfernt wie der Hintern vom Gehirn. Egoistisch, obszön, frech und aufsässig ist er ein Bulle, wie er kaum je im Buche stand, sensibel, ehrpusselig bis zur Selbstzerstörung, verschlossen, ein Trinker und der beste Kriminalist, den die Lothian and Borders Police in Edinburgh je hatte. Rankins Romane um Rebus und die Sergeantin Siobhan (gesprochen: „Schie-Wahn“) Clarke könnte man als die Quintessenz des modernen englischen Krimis ansehen. Die Fälle sind wie aus dem wirklichen Leben gegriffen. Doch was wie eine publikumserschütternde Illustriertenstory beginnt, wird von Quertreiber Rebus so lange umgedreht, bis die Geschichten zutage treten, die niemand wahrhaben will und an deren Ende auch niemals so etwas Plumpes wie die irdische Gerechtigkeit triumphiert. In „ Die Kinder des Todes“, seinem jüngsten Fall, ist Rebus selbst Objekt einer Untersuchung. Er soll einen miesen kleinen Gangster in dessen Wohnung verbrannt haben. Angesichts seiner störrischen Weigerung, irgendjemandem ausreichend darüber Auskunft zu geben, beginnt auch der Leser an seiner Unschuld zu zweifeln. Rebus ähnelt den hartgesottenen Privatdetektiven Raymond Chandlers und Dashiell Hammetts, die mit ihrer leidensbereiten Abgebrühtheit die Kälte einer kannibalisierten Gesellschaft offenbarten. Edinburgh, wo Rankin 1960 geboren wurde, ist hierfür ein idealer Schauplatz: eine Stadt im Umbruch, voller Pubs, Nebel und Selbstzweifel. Auf dem Umweg zum Ziel – Reginald Hill Bei Altmeister Reginald Hills Romanen kann man durchaus den Eindruck gewinnen, man sei direkt mit dem schöpferischen Chaos konfrontiert. Hill schreibt zwar über die Ermittlungen einer Polizeieinheit im fiktiven Mittleren Yorkshire. Doch die Aktivitäten seiner beiden (nie alternden) Inspektoren Peter Pascoe und Andy Dalziel (gesprochen: Dii-el) sind eingesponnen in ein Netz aus Anspielungen auf Werke der Weltliteratur. Hills Romane erinnern an die snobistischen Schnörkel einer Dorothy Sayers und die Literatur-Krimis des Oxfordprofessors Michael Innes. Irgendwie sind sie Urenkel von Laurence Sternes „Tristram Shandy“, der als eine einzige große Abschweifung und sich selbst parodie- rende Fußnote in die Literaturgeschichte eingegangen ist. Assoziationen, Abschweifungen, Fußnoten – das geht mit der Zielgerichtetheit eines Kriminalromans bei Hill so gut zusammen, dass er in seiner Heimat, wo der 1936 geborene Literaturdozent mehr als 40 Kriminalromane veröffentlicht hat, zu den ganz Großen des Genres gezählt wird. Bei uns leider noch nicht. Das hat seine Gründe: Hill ist etwas schwieriger – und dafür aber auch interessanter. Und wahnsinnig witzig: Wer seinen despotisch-raffinierten, hinterhältigen, pöbelhaften und jede Art höherer Bildung verabscheuenden Superintendenten Dalziel nicht kennt, hat im Leseleben etwas versäumt. Und wer „Ins Leben zurückgerufen“ nicht kennt, hat vielleicht einen der besten Kriminalromane verpasst, der in den vergangenen zwanzig Jahren geschrieben wurde. 1963 wird auf einem englischen Landsitz eine Amerikanerin in einem geschlossenen Raum erschossen, die Täter sind rasch gefasst. 27 Jahre später wird der Fall neu aufgerollt: Dubiose politische Interessen spielen herein. Dalziel stöbert herum, um zum einen eventuelle Ermittlungssünden von damals zu vertuschen und zum anderen seinen Konkurrenten eins auszuwischen. Dabei werden mehr Versionen ein und desselben Mordgeschehens aufgedeckt als im Kurosawa-Film „Rashomon“. Allerdings präsentiert Hill im Gegensatz zu Akira Kurosawa in diesem Fall eine, natürlich völlig überraschende, Lösung. Die aber bringt Dalziel aus Amerika mit, von dorther also, wo Conan Doyles bester Roman „Eine Studie in Scharlachrot“ zu großen Teilen spielt, wo Edgar Allen Poe den Superdetektiv erfunden hat und Elizabeth George an ihrem 13. englischen Landhauskrimi schreibt.

Tobias Gohlis

Titel

  1. Die Kinder des Todes
    • VerlagManhattan
    • ISBN 3442545501

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  2. Ins Leben zurückgerufen
    • VerlagEuropa
    • ISBN 3203780119

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  3. Wer die Wahrheit sucht
    • VerlagBlanvalet Verlag
    • ISBN 3764500999

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  4. Echo einer Winternacht
    • VerlagDroemer Knaur
    • ISBN 342663158X

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