Literatur-Nachrichten

Nur der Scheich ist wirklich reich

Walter Moers, Erfolgsschriftsteller und Comiczeichner, ist extrem medienscheu. Deshalb führt er Interviews grundsätzlichnur per E-Mail.

Herr Moers, Ihr neues Buch spielt in Buchhaim, dem literarischen Zentrum Ihrer fiktiven Welt Zamonien. Muss man Sie sich als Büchermenschen mit einer Riesenbibliothek vorstellen? Ich kann gut gemachten illustrierten Büchern jeder Art nur sehr schwer widerstehen. Ich rede mir dann immer ein, dass ich sie für meine Arbeit brauchen kann. Insofern habe ich mittlerweile eine Kollektion zusammen, um die mich manch ein Antiquariat beneiden würde. Trotz aller Büchereuphorie – ein Teil der Literaturszene kommt bei Ihnen nicht gerade gut weg: Kritiker werden als „Abschaum“ bezeichnet und ein profitgieriger Literaturagent gehört zur Gattung „Wildschweinling“. Haben Sie da beim Schreiben an eigene schlechte Erfahrungen gedacht? Ich bin von der Buchbranche bislang eher verwöhnt worden. Weder wurde ich von einem Kritikerfürsten mit Verrissen attackiert noch von einem Agenten aufs Kreuz gelegt. Insofern besteht bei mir kein Anlass, eine Abrechnung mit dem Literaturbetrieb zu schreiben. Die dramatischen Verhältnisse in meinem Roman dienen der Spannungssteigerung. Ich wünschte mir ein bisschen davon für meinen beruflichen Alltag, dann wär’s nicht so langweilig. Ist Ihnen denn langweilig im normalen Leben? Der Beruf des Schriftstellers ist ja nicht gerade der glamouröseste, wenn man ihn ernst nimmt. Aber langweilig ist mir beim Schreiben eigentlich nie. „Wirklich gute Literatur wird zu ihrer Zeit selten gewürdigt. Die besten Dichter sterben arm. Die schlechten verdienen das Geld.“ Heißt es in „Die Stadt der Träumenden Bücher“. Sind Sie reich? Ich bin die Ausnahme, die die Regel bestätigt: ein ausgezeichneter Schriftsteller, der auch noch obszön viel Geld verdient. Was verstehen Sie in diesem Zusammenhang denn als „obszön“? Argh! Meine Frau hat mich gewarnt, derart flapsig in Geldfragen zu antworten. Solche Zitate können einem jahrelang nachlaufen. Natürlich war das nur ein Scherz. Nur der Scheich ist wirklich reich. Wer sich auskennt in Literatur und Film, wird bei Ihnen viel Bekanntes wiederentdecken. In Ihrem neuen Buch lassen grüßen Verne, Lovecraft, Star Wars und und und … Machen Sie solche Beutezüge bewusst oder fließt das automatisch ins Schreiben ein? Lovecraft hat ganz großen Einfluss auf die Entstehung dieses Buches gehabt. Der blinde Riese ist Lovecraft pur. Einer der Dichter im Buch trägt anagrammiert Lovecrafts Namen. Überhaupt entstand die ganze Romanidee bei einer Reise, auf der wir seinen Lebenswegen nachgefahren sind, in der Gegend von Providence in Neu-England. Dabei waren wir in vielen Antiquariaten und haben nach seinen Büchern gefahndet. Amerikanische Provinzantiquariate haben oft so eine labyrinthische Qualität, die ich dann im Buch monströs übertrieben habe. Eines Tages hatte ich den Gedanken: „Was wäre, wenn Lovecraft, Mary W. Shelley oder Bram toker Humor gehabt hätten?“ Daraus entstand die Idee zu einem komischen Horror-Roman. Früher zeichneten Sie das Kleine Arschloch oder Hitler und betrieben damit knallharte Satire. An deren Stelle sind inzwischen Wolpertinger und dichtende Dinosaurier getreten. Setzen Sie jetzt auf Phantasie statt auf Provokation? Ob mich schon die Altersmilde in den Klauen hat, die Vorstufe vom Altersschwachsinn? Eine charmante Frage, vielen Dank! Ich habe meine Comics nie als Provokation begriffen, sondern als selbstverständlichkeit. Als ich angetreten bin, hatte es vor mir schließlich schon Leute wie Robert Crumb oder Jean-Marc Reiser gegeben. Ich war wirklich erstaunt darüber, dass sich Leute danach noch von Comics provozieren ließen. Ist der Comiczeichner Moers ganz hinter den fabulierenden Schriftsteller Moers zurückgetreten? Ohne den Comic klein machen zu wollen: Der Roman ist nun mal die kreative Königsdisziplin. Ich genieße den Luxus, so viele Ideen einfließen zu lassen, wie ich für nötig halte. Ein Comic hält nur eine begrenzte Seitenzahl und Ideenfülle aus. Aber wenn mal wieder eine tragende Idee für ein Comicbuch kommt, hätte ich nichts dagegen, eins zu machen. Hat das Kleine Arschloch noch eine Chance auf eine Wiedergeburt? Ich habe gerade das Drehbuch für den Film „Der alte Sack“ geschrieben. Darin spielt das Kleine Arschloch eine tragende Rolle. Kann man schon sagen, wann das zu sehen sein wird? Wahrscheinlich beginnt die Produktion noch in diesem Jahr, so dass der Film im nächsten fertig sein könnte. Woran entzündet sich Ihre Kreativität, am Bild oder an der Idee? Bei den Romanen geht das wechselseitig. Ich sammle in Notizbüchern schriftliche und zeichnerische Ideen durcheinander. Bei der Reinzeichnung der Illustrationen, die mir irgendwie immer arbeitsreicher geraten, habe ich dann Zeit, über den dazugehörigen Text nachzudenken. Bild und Text gehören bei mir immer zusammen, das ist wohl eine vom Comiczeichnen bedingte Berufskrankheit. Mein Verleger wünscht sich von mir mal ein illustrationsfreies Buch, aber mir fällt einfach keines ein. Die Leser lieben literarische Welten à la Tolkien, in denen sich eins aus dem anderen entwickelt. Hatten Sie dergleichen im Sinn, als Sie sich zum ersten Mal nach Zamonien aufmachten? Nein, damals hatte ich wirklich nur ein etwa 100-seitiges Buch mit Käpt’n Blaubär im Kopf, und danach sollten wieder brav Comics gezeichnet werden. Dann übernahm dieser Kontinent die Kontrolle über mein Gehirn, und jetzt bin ich dieser geisteskranke Zamonien-Schriftsteller. Haben Sie die 128-bändige Zamonien-enzyklopädie im Regal stehen oder erfinden Sie immer wieder neue Figuren und Orte, die sich dann ins bereits Vorhandene einpassen müssen? Im ersten Roman sind so viele Fäden ausgeworfen, dass ich ein Leben dran stricken könnte. Die Grundhandlungen für vier weitere Bücher sind skizziert, und aus jedem Zamonien-Buch ergeben sich neue Ableger. Aber da es auch Ideen für völlig zamonienfreie Stoffe gibt, hoffe ich, mich irgendwann auch einmal lösen zu können. Im Nachwort fordern Sie die Leser auf, abzustimmen, was Sie als Nächstes schreiben sollen: eine Fortsetzung aus Buchhaim oder lieber Abenteuer aus der Friedhofsstadt Dullsgard. Haben Sie ein Faible für Basisdemokratie oder ist das ein geschickter Schachzug, die Fangemeinde noch fester an sich zu binden? Nein, es gibt tatsächlich diese beiden Alternativen, aber ich möchte nur eine davon schreiben. Seit Jahren zeigen Sie sich nicht mehr in der Öffentlichkeit. Warum? Ich habe ziemlich früh in meiner Laufbahn erkannt, dass mir persönliche Popularität kein Vergnügen bereitet. Damals habe ich mich noch für meine Bücher und andere Anlässe fotografieren lassen, bin sogar im Fernsehen aufgetreten – auch wenn mir das heute keiner mehr glaubt. Plötzlich fingen wildfremde Leute auf der Straße an, mich anzuglotzen oder anzuquatschen. Da dachte ich: Das ist doch nicht normal. Da ich aber Wert auf ein weitgehend normales Leben lege, habe ich dann strikt keine Fotos mehr machen lassen. Sie könnten auf diese Weise den größten Unsinn über sich erzählen … Bei meinem letzten Buch druckte der „Focus“ neben einer Rezension ein Bild eines Freundes von mir ab – keine Ahnung, wie sie daran kamen. Allen, die dieses Foto gesehen haben, möchte ich hiermit sagen: So sehe ich jedenfalls nicht aus. Sondern viel besser. Was sehen Sie, wenn Sie aus dem Fenster schauen? Geht Ihre unmittelbare Umgebung in Ihre Arbeit ein? Da sehe ich ziemlich weit über Hamburg hinweg. Hamburg hat aber in meiner Arbeit noch keine wesentliche Rolle gespielt. Halt, doch, einmal – das war eine Szene mit Käpt’n Blaubär auf der Reeperbahn, im Drehbuch zum Blaubärfilm. Die wurde gestrichen, wegen der Nutten. Ich meine: Prostituierten – war ja ein Kinderfilm. Sie haben einmal einen Comic gezeichnet mit der Überschrift „Moers zum König gewählt – alles wird gut!“ Wäre in diesem Fall wirklich alles gut? „Zum König gewählt“ – wie kann man einen König wählen? Da können Sie mal sehen, was für einen Mist ich teilweise gemacht habe. Daher: Nö. Im Buch heißt es: „Schreib nie einen Roman aus der Perspektive einer Türklinke.“ Haben Sie noch weitere gute Ratschläge für aufstrebende Jungautoren? Tragen Sie niemals braune Schuhe zu einem blauen Anzug! Walter Moers, 1957 in Mönchengladbach geboren, veröffentlicht seit 1984 Bilderbücher und arbeitete für Kindersendungen wie das „Sandmännchen“. 1988 erblickt sein Käpt’n Blaubär das Licht der Welt. Der Lügenbold mit dem blauen Pelz macht über „Die Sendung mit der Maus“ Karriere und bringt es zu einem eigenen TV-Format und einem Kinofilm. In der Erwachsenen-welt berühmt wird Moers 1990 mit dem Comic „Das kleine Arschloch“, der ihm Preise, beträchtliche Verkaufszahlen, aber auch mehrere Strafanträge wegen Jugendgefährdung beschert. Es folgen weitere Comics wie „Adolf“ oder „Der Fönig“, ehe Moers 1999 mit dem Roman „Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär“ den fiktiven Kontinent Zamonien zu besiedeln beginnt. In dieser höchst skurrilen Fantasywelt spielen auch die Romane „Ensel und Krete“ und „Rumo“. Moers lebt mit seiner Frau zurückgezogen in Hamburg, oft und gerne aber auch in den USA.

Peter Zemla

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