Literatur-Nachrichten

Liebe lernen

Deutsche Autoren haben die Schule als Stoff entdeckt. Was sich in den Klassenzimmern abspielt, ist äußerst lehrreich. Aber nicht immer lehrplangemäß.

Ganz leise zogen sie sich zurück. Sie wollten herausfinden, was sich versteckt unter den Kleidern des anderen. Was vielleicht noch zum Vorschein kommt unter Haut und Haaren und hinter den Lippen. Aus dem Staub gemacht haben sie sich nach einer Theaterprobe, die beiden Gymnasiasten Viktor Haberland und Tizia Jentsch. Im Heizungskeller ihrer Frankfurter Schule sollte es passieren. Alles hätte wunderbar sein können. Doch dann war da ein Schrei, der zu dem Ganzen nicht passen wollte. Der Hausmeister alarmierte das Lehrerkollegium. Die Tür zum Heizungskeller wurde aufgerissen, und von Romantik wollte keiner mehr reden. Natürlich wäre all das schnell wieder vergessen worden, hätte am nächsten Tag nicht plötzlich das Wort „Vergewaltigung“ – von Tizia ausgesprochen – im Raum gestanden. Soweit die Ausgangssituation, aus der Bodo Kirchhoff, der 56-jährige Spezialist für die Untiefen der Liebe, seinen Roman „Wo das Meer beginnt“ entwickelt. Zwei Jahre nach seinem „Schundroman“ hat Kirchhoff eine Schulgeschichte geschrieben. Auffallend ist, dass von dieser Gattung in diesem Herbst gleich mehrere Bücher erschienen sind. Offenbar haben die deutschen Autoren Gefallen gefunden an muffigen Fluren, an Matheformeln und in der Früh eilig abgeschriebenen Hausaufgaben. Wirkt sich hier PISA literarisch aus? Schon eher dürfte eine Rolle gespielt haben, von jungen Menschen zu erzählen, die ihren Platz im Leben zu finden versuchen. Und von Lehrern, die ihnen dabei zur Seite stehen oder aber mit dieser Aufgabe hoffnungslos überfordert sind. Zurück zu Kirchhoff. Dr. Branzger heißt der Lehrer, der bei ihm die Regie des Buches übernimmt. Er ist in die Jahre gekommen, Schülern wie Kollegen gilt er als höchst unscheinbar. In Wirklichkeit aber ist Branzger ein scharfer Denker und zugleich ein Gefühlsmensch ganz besonderer Ausprägung. Er schließt mit Viktor ein Abkommen: In allen Einzelheiten wird er von der Lehrerkonferenz berichten, in der über den vermeintlichen Vergewaltiger beraten worden ist, wenn der Schüler ihm im Gegenzug erzählt, was sich im Heizungskeller zugetragen hat. Zu Letzterem kommt es in „Wo das Meer beginnt“ allerdings nicht. Anderes ist Kirchhoff wichtiger. Dass dazu ein kaum verschlüsselter Kommentar zum Suhrkamp-Machtwechsel und etliche, das Buch aufblähende Frankfurter Lokalreminiszenzen gehören, muss man nicht unbedingt gutheißen. Sehr hingegen, dass Kirchhoff der Lehrerkonferenz viel Platz einräumt. Sie gerät dem Autor zur Posse, in deren Verlauf sich die Pädagogen als karrieregeil, betoniert oder beziehungsgestört entlarven. Was sich in dieser Runde rar macht, sind einfühlsame Erzieher, die ihren Schülern Wegweiser durch den Lebensirrgarten sein könnten. Branzger gehört zu dieser seltenen Sorte. Aus den Gesprächen, die sich zwischen ihm und Viktor entspinnen, lernt der junge Mann mehr als in zwölf Schuljahren, mehr, als ihm seine alkoholkranke Mutter und sein dauerabwesender Politikervater je beigebracht haben. Viktor erfährt, was das Leben ausmacht, und dass der Tod zu allem dazugehört. In erster Linie aber steht die Liebe auf dem Lehrplan, die große, wahre, die einen unsterblich machen kann, selbst wenn sie nur einen Augenblick währt. Aus Branzger spricht kein angelesenes Buchwissen, sondern Erfahrung. Was der ältere Herr aus einer Beziehung mit einer sehr viel jüngeren Kollegin preisgibt, hat Kirchhoff erschütternd und ohne Effekthascherei beschrieben. Viktor Haberland erinnert sich an diese todtraurige und doch unendlich tröstliche Liebesgeschichte zwölf Jahre später. Er arbeitet inzwischen für das Goethe-Institut in Lissabon und hat die Schauspielerin Tizia Jentsch zu einem Vortragsabend eingeladen. Vielleicht wird Viktor sich wieder in das Labyrinth der Liebe wagen. Bestimmt aber wird er die Sackgasse meiden, in die er einst im Heizungskeller seiner Schule geraten ist. Immerhin hat er den Ariadnefaden in der Tasche, den Branzger ihm vermacht hat. Urenkel der Nihilisten Auf die Suche nach einem solchen Faden begibt sich auch Ada in Juli Zehs Roman „Spieltrieb“, dem Nachfolger von „Adler und Engel“, mit dem die heute 30-jährige Juristin Zeh vor drei Jahren extrem erfolgreich debütiert hat. Die 15-jährige Ada ist der Prototyp dessen, was Zeh als „Urenkel der Nihilisten“ bezeichnet: „Diese jungen Menschen hatten keine Wünsche, keine Überzeugungen, geschweige denn Ideale, sie strebten keinen bestimmten Beruf an, wollten weder politischen Einfluss noch eine glückliche Familie, auch keine Kinder, keine Haustiere und keine Heimat, und sehnten sich ebenso wenig nach Abenteuern und Revolten wie nach der Ruhe und dem Frieden des Althergebrachten.“ Was bleibt dann noch? Man lässt sich treiben. Oder man spielt. Als der mysteriöse Alev auf Adas Schule, ein Bonner Privatgymnasium, kommt, weiß sie, dass sie den richtigen Spielgefährten gefunden hat. Alev, ein Jung-Mephisto, der gefährliche Liebschaften zu entfachen und Menschen zu manipulieren liebt, entwirft einen perfiden Schlachtplan mit dem naiven Sportlehrer Smutek im Zentrum. Ada wird ihn verführen und auf diese Weise erpressbar machen. Denn Ada und Alev sind Kinder, die die Welt noch nicht oder auch nicht mehr verstehen. Sie nehmen sich das Spielzeug, das ihnen gefällt. Sie machen es kaputt, um dahinter zu kommen, wie es im Innersten funktioniert. Doch alles, was sie finden – so Zehs düstere Zeitdiagnose –, ist schaudernde Leere. Verkünder des Nichts Sieben Jahre älter als Zeh ist ihr Hamburger Autorenkollege Marcus Jensen. Auch wenn dessen bereits im Frühjahr erschienener Roman „Oberland“ stilistisch ganz anders ausgefallen ist, weist er in dem, was er über deutsche Jugendliche aussagt, über ihre Perspektivlosigkeit, ihren Flirt mit der Gewalt, erstaunliche Parallelen zu „Spieltrieb“ auf. Jensen schildert im Hauptteil ein neuntes Schuljahr an einem Pinneberger Gymnasium. Er erzählt von Pubertäts- und Selbstfindungsqualen. Er schildert, wie sein Held vom Außenseiter zum spirituellen Führer aufsteigt, zu einem Verkünder des Nichts. Wie dieser auf Distanz geht zu seinen ihn missverstehenden Eltern, wie er mit Selbstmord experimentiert, einen Mord begeht und einer Klassenkameradin verfällt. Neunt- und Zehntklässler sollten irgendwie unbeschwerter sein als jene, die uns Jensen und Zeh in ihren vielschichtigen Büchern vorführen. Sie sollten anderes im Kopf haben als Erpressung und Demagogie, als Wertlosigkeit und Tod. Aber wer könnte ihnen dies Andere aufzeigen? Verdrängungskünstler Ein Lehrer, dem sein pädagogischer Auftrag angesichts übermächtiger persönlicher Probleme über den Kopf wächst, sicher nicht. So einen porträtiert Jakob Arjouni in „Hausaufgaben“. Der mit seinen Krimis um den türkischen Ermittler Kayankaya berühmt gewordene Frankfurter mit südfranzösischem Wohnsitz hat einen ebenso gewitzten wie hinterhältigen Roman geschrieben, bei dem der Leser bis zuletzt im Unklaren gelassen wird, ob er es mit einem Täter oder einem Opfer zu tun hat. In jedem Fall hat der 40-jährige Arjouni ein Exemplar der 68er Spezies aufs Korn genommen. Deutschlehrer Joachim Linde ist immer locker, immer diskussionsbereit. Jedenfalls sieht er sich so und hätte es gerne, die anderen würden ihm da gleichtun. Dabei stehen Lindes Toleranz und Gutmenschentum auf wackeligem Fundament. Seine Frau schwankt von einem Nervenzusammenbruch in den nächsten. Die Tochter ist aus dem Elternhaus geflohen, während der Sohn sich schwer tut, seine Rolle im Leben zu finden. Kann es sein, dass Linde der Grund dafür ist? Hat er sich wirklich einst an der eigenen Tochter vergriffen? Als in seiner Klasse die Sprache auf die braune deutsche Vergangenheit kommt, drängt mit aller Macht auch all das Beiseitegeschobene in Lindes eigener Biografie an die Oberfläche. Mit geradezu chirurgischer Präzision und mit gnadenloser Lust verwandelt Arjouni innerhalb kürzester Zeit das Leben seines Lehrers in einen Strudel aus Katastrophen. Ob Linde darin untergeht, lässt der Autor offen. Unstrittig ist jedoch die Botschaft, die uns Arjouni mit auf den Weg gibt: Jeder muss seine Hausaufgaben machen. Kirchhoff, Zeh und Jensen dürften ihm dabei zustimmen.

Peter Zemla

Titel

  1. Wo das Meer beginnt
    • VerlagFrankfurter V.-A.
    • ISBN 362700115X

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  2. Spieltrieb
    • Verlagbtb Verlag
    • ISBN 3442733693

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  3. Hausaufgaben
    • VerlagDiogenes
    • ISBN 325706442X

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  4. Oberland
    • VerlagFrankfurter V.-A.
    • ISBN 3627001044

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