Literatur-Nachrichten

Afrikanischer Albtraum

Die Sängerin Senait Mehari hat sich die Qualen ihrer Kindheit von der Seele geschrieben.

Senait Mehari hat einen Traum, der immer wiederkehrt. Darin sieht sie sich, gepflegt und gut gekleidet, auf einer Straße. Neben ihr geht ein kleines Mädchen, zerlumpt, verzweifelt, halb verhungert. Das kleine Mädchen ist sie selbst. Dann wacht sie auf, und es brennt wie immer eine Lampe im Zimmer. Bei Dunkelheit kann Senait nicht schlafen. Wenn es finster wird, ist die Panik wieder da. Dann hört sie erneut das Bersten der Granaten, sieht die zerfetzten Leiber, spürt die alles erstickende Todesangst. Die Geschichte der Senait Mehari ist ein einziger Albtraum, ein afrikanischer Albtraum. Dass sie ihn überlebt hat, grenzt an ein Wunder. Statt Liebe, Schutz und Fürsorge hat sie in ihrer Kindheit nichts als Gewalt, Hass und Tod erlebt. Als Senait 1976 geboren wurde, tobte am Horn von Afrika ein blutiger Bürgerkrieg. Das bitterarme Eritrea kämpfte im längsten Krieg der afrikanischen Geschichte um die Unabhängigkeit von Äthiopien. Senait nannten damals alle nur das „Kofferkind“. Weil ihr Vater die Familie im Stich gelassen hatte, setzte ihre Mutter das wenige Wochen alte Baby in einem Koffer aus. Zum Glück wurden Nachbarn auf das Wimmern aufmerksam. Senait kam in ein Waisenhaus, ihre Mutter wurde zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Nach ein paar Jahren holte die Familie ihrer Großmutter Senait zu sich. Erstmals spürte das kleine Mädchen so etwas wie Geborgenheit. Und dann kam der Vater zurück. Der, ein Frauenheld und brutaler Schläger, machte dem Kind schnell deutlich, dass er es als Belastung empfand. Einmal nahm er Senait wutentbrannt mit in den Wald, und es war nur den inständigen Bitten seiner damaligen Lebensgefährtin zu verdanken, dass er das Mädchen nicht totschlug. Senait war sechs Jahre alt, als ihr Vater sie gemeinsam mit ihren beiden älteren Schwestern ins Lager einer eritreischen Guerillaorganisation steckte. Aus Senait wurde eine Kindersoldatin. Es war üblich, dass die verfeindeten Parteien im Bürgerkrieg Kinder einsetzten. Sie sind billige Kämpfer, weil sie weniger essen als Erwachsene und keinen Sold verlangen. Nach jüngsten Untersuchungen der UN kämpfen noch heute weltweit mehr als 300 000 Kinder in Armeen, Milizen oder in Trupps lokaler Warlords. Senait war eines davon. In Jahren voller Qualen und Grauen wurde sie von fanatischen Mordbrennern zum Töten gedrillt, sie wurde missbraucht und immer wieder geschlagen. Wenn es, wie so häufig, tagelang nichts zu essen gegeben hatte, stopfte sie sich Lehm in den Mund, um den quälenden Hunger zu stillen – ein kleines Mädchen in der Hölle auf Erden. Doch Senait hat überlebt. Sie war neun Jahre alt, als ein Onkel ihr und den beiden Schwestern zur Flucht verhalf. Wer Senaits Geschichte kennt und sie heute sieht, der fragt unwillkürlich, wie sie all das Schreckliche hat verarbeiten können. Ihre Antwort: „Ich habe mein Leben niedergeschrieben, und jetzt bin ich frei.“ „Feuerherz“ lautet der Titel ihrer Biografie. Vom Zuviel an Krieg, an Gewalt und Vernachlässigung handelt sie. Aber darüber hinaus stellt dieses Buch auch ein großes Bekenntnis zum Wert des Lebens dar. Wenn Senait Mehari, die einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde, als sie bei der deutschen Vorentscheidung zum Grand Prix 2003 den vierten Platz belegte, heute auf ihr Leben zurückblickt, empfindet sie weder Verbitterung noch Hass. Selbst ihre Eltern, Hauptschuldige an ihrem Leiden, erscheinen da noch als Opfer der Umstände. „Ich will nicht, dass die Menschen nur das Schreckliche sehen“, sagt sie. „Ich will, dass bei der Lektüre eine Tür aufgeht. Dass ein Licht zu sehen ist, eine Hoffnung.“

Hans Schloemer

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