Literatur-Nachrichten

Toni Morrisons "Liebe"

Toni Morrison erzählt in „Liebe“ von Frauen und ihren Bemühungen, einen Platz im Leben zu finden.

Männer werden in den Romanen von Toni Morrison in der Regel argwöhnisch beäugt. Vorsichtig gesagt. Schließlich hat die Galionsfigur der afroamerikanischen Literatur in „Menschenkind“ oder „Paradies“ genug Männer geschildert, die zur Gattung „Ekel“ gehören. Die mit physischer und psychischer Gewalt Frauen unterjochen und sich auf deren Kosten bereichern. Kein Zweifel: Die 73-Jährige steht auf der Seite der Frauen. Oder genauer: auf der der Unterdrückten und das sind, zumal in der afroamerikanischen Geschichte, eben zumeist die Frauen. Umso mehr verwundert es, dass Morrison in den Mittelpunkt ihres neuen Buches „Liebe“ einen echten Kerl stellt, ein Kraftgenie, einen Traumtypen. Bill Cosey heißt er. Er ist der Besitzer eines luxuriösen Strandhotels im amerikanischen Osten. Ihm gelingt es, seine Herberge nach dem Prinzip „gutes Essen und Fats Waller“ zu einer Institution zu machen. Soll heißen: Die angesagtesten schwarzen Musiker gehen bei Cosey ein und aus. Und zwar zur Vordertür. Die Rassenfrage stellt sich für ihn nicht. Obwohl er schwarz ist, hat er die weißen Honoratioren der Gegend für sich eingenommen. Sein Wort gilt etwas. Und ein Herz hat er „wie Santa Claus“. Da ist es kein Wunder, dass Cosey die Frauen magisch anzieht. Sie bewundern ihn und lieben ihn. Und zwar ohne Ausnahme. Das gilt für Heed, die er heiratet, nachdem seine erste Frau gestorben ist. Dass sie erst elf ist – was soll’s? Das gilt für seine Köchin genauso wie für seine Schwiegertochter May. Und das gilt für Christine, Coseys Enkelin, die stets von neuem an den Falschen gerät. Cosey ist ihrer aller Gott. Um ihn kreisen sie wie Planeten um die Sonne. Als er dann stirbt, brechen gottlose Zeiten an. Die Gegend verkommt, das Hotel wird dichtgemacht. Und die Cosey-Frauen verschwenden ihre Energie, indem sie Gift spritzen. Vor allem für Heed und Christine gilt das. Sie hausen in einem heruntergekommenen Anwesen und bekriegen sich bis aufs Messer. Um ein Erbe dreht sich ihr ewiger Streit, das in Wirklichkeit nicht mehr der Rede wert sein dürfte. Doch bis sie das einsehen, fügen sie sich etliche Wunden zu. Bis sie den Mut haben, sich einzugestehen, dass ihr geliebter Bill Cosey vielleicht gar nicht der große Wohltäter gewesen ist, sondern eher ein Teufel in Menschengestalt, vergehen bittere Jahre. „Wir hätten unser Leben Hand in Hand verbringen können, statt überall nach dem großen Daddy zu suchen“, lautet schließlich Heels und Christines desillusioniertes Fazit. Da ist sie wieder, die Botschaft, die wir von Morrison kennen. Sei stark, sei du selbst, ruft sie den Unterdrückten zu. Und das sind auch in „Liebe“ einmal mehr die Frauen.

Peter Zemla

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