Literatur-Nachrichten

Martin Walsers Roman über die Liebe

Ein Blick, ein Beben und nichts ist mehr, wie es war: Martin Walser schildert den „Augenblick der Liebe“.

Mit vielem, was Martin Walser in den vergangenen Jahren angepackt hat, war ihm kein Glück beschieden: seine Friedenspreis-Rede in der Paulskirche 1998 – ein Skandal, der Wellen schlug; der Roman „Ein springender Brunnen“ – abqualifiziert als Dokument des Wegschauens vor den NS-Verbrechen; sein Roman „Tod eines Kritikers“ – ein noch größerer Skandal als die Rede in der Paulskirche, Antisemitismus wurde dem Autor vorgeworfen. Dann auch noch Martina Zöllners Buch „Bleibtreu“, in dem diese unverhohlen über ihre Beziehung zu Walser berichtete, die keinesfalls immer züchtig war. Und schließlich Walsers Streit mit seiner alten Heimat, dem Suhrkamp Verlag, den er im Zorn verließ, um zu Rowohlt zu gehen. Es ist nicht anmaßend, dem Mann, der permanent – und nicht unfreiwillig – im Licht der Öffentlichkeit steht und ohne Zweifel einer der bedeutendsten literarischen Chronisten dieses Landes ist, jetzt ein gelungenes Comeback zu attestieren. „Der Augenblick der Liebe“, Walsers neuer Roman, ist schlicht und einfach – und endlich wieder – gelungene Literatur: tiefsinnig, verspielt, gedankenschwer, philosophisch und obendrein oft sogar witzig. Die Handlung ist simpel und doch so kompliziert: Beate, eine junge deutsche College-Studentin, besucht den Ex-Immobilienmakler und Privatgelehrten Gottlieb Zürn (bereits bekannt aus „Das Schwanenhaus“) in dessen Haus am Bodensee, um mit ihm seine Aufsätze über den französischen Philosophen La Mettrie zu besprechen. Es funkt zwischen dem gut 60-Jährigen und der mehr als 30 Jahre jüngeren Frau. Ab dem ersten Moment. Rückhaltlos und heftig. Sie kehrt wieder in die USA zurück, er bleibt bei seiner Frau. Heimliche Telefonate folgen, Briefwechsel, ungestilltes Verlangen. Dann die Einladung nach Amerika zu einem Kongress: Gottliebs Vortrag wird wegen angeblicher Verharmlosung deutscher Schuld – das konnte Walser sich dann doch nicht verkneifen – in der Luft zerrissen, und nach kurzer, aber heftiger Affäre wird die Leidenschaft zwischen Beate und Gottlieb schal. Wenn die Sehnsucht der Realität weicht, verschwinden die Illusionen. Von dieser Ernüchterung, von der Fassungslosigkeit, die sich breit macht angesichts der Tatsache, dass das Vorstellungsvermögen alles andere übersteigt, erzählt Walser leichthändig und mit eingebautem Rückstoß: Kaum ist Gottlieb zurück am Bodensee, geht das mit der Sehnsucht wieder los. Aber der Weg zurück bleibt endgültig versperrt. Gottlieb trinkt einen Calvados. Dann geht er segeln. Jetzt ist er endgültig ein alter Mann. Martin Walser, geboren 1927 in Wasserburg, lebt in Überlingen am Bodensee. Sein umfangreiches Werk wurde mit zahlreichen Preisen bedacht, darunter der Georg-Büchner-Preis 1981 und der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1998.

Stefan Velten

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