Literatur-Nachrichten

Keine Panik

Etwa 17 Millionen Angstkranke soll es nach Schätzungen in den deutschsprachigen Ländern geben. Die Ursachen dafür sind vielschichtig. Vier ungewöhnliche Ratgeber zeigen, wie man mit der Angst fertig werden kann.

Eine finstere, unbelebte Straße. Regen, Herzklopfen, heftiger Atem, ein Schrei! Angst – sie kann so schön sein, so telegen. 500 Morde und durchschnittlich 2300 Gewaltszenen aller Art werfen jede Woche blaue Schatten an die deutschen Wohnzimmerwände, erfunden zu unserem Vergnügen und Nervenkitzel. Die richtig gemeine Angst aber, der Stoff, aus dem im hellen Tageslicht Albträume gewebt werden, sieht so aus: „Ich muss morgen eine Präsentation machen, aber ich kann unmöglich vor all diesen Leuten sprechen.“ „Ich habe immer Kopfweh, wahrscheinlich ein Tumor.“ „Jeder an der Arbeit weiß, dass ich nichts kann.“ „Sie ist meine Traumfrau, aber was, wenn wir keinen wunderbaren Sex haben?“ Gefühle, die jeder ab und zu hat, Gedanken, die wie dunkle Wolken vorüberziehen. Über manchen aber bleiben diese Wolken für immer hängen. Sie wachen mit ihnen morgens auf und gehen mit ihnen abends zu Bett. Alltagstypen der Angst Diese unspektakulären Ängste sucht man in den Medien meist vergeblich, aber es gibt Ausnahmen. Zum Beispiel „Zwei bei Kallwass“ auf SAT1. In von Schauspielern nachgestellten Szenen deckt die Diplompsychologin Angelika Kallwass unbewusste Hintergründe alltäglicher Ängste und Konflikte auf. Kallwass erreicht ihr Publikum, ohne den voyeuristischen Schmuddelfaktor rauszukitzeln. Wer sich den eigenen Ängsten stellen möchte oder Verhaltensweisen von Kollegen und Freunden begreifen will, kann in ihrem neuen Buch „Stark gegen die Angst“ in 15 ausführlichen Fallgeschichten nach Parallelen suchen. Sie werfen Schlaglichter in die Dunkelkammern der Gefühle, in denen man bestimmte Typen wiederzuerkennen meint. Zum Beispiel den „Ich halte mich da raus!“-Harry. Harry wirkt freundlich und unkompliziert. Er hat Angst vor jedem Konflikt, aber ergießt privat seinen Spott über die Unfähigkeiten der anderen. Um sich durchzusetzen, erpresst er seine Freunde damit, dass es ihm schlecht geht. Kallwass blendet zurück in seine Kindheit: ein cholerischer Vater, der keine offene Aggression zugelassen hat. Also hat Harry ein falsches Selbst aufgebaut, hinter dem er sich verstecken kann. Von der schüchternen Susanne, dem Versager Peter bis zum ängstlichen Perfektionisten Max entwirft das Buch ein vielgestaltiges Personenpanorama der Alltagsangst, in dem Kallwass wie eine psychologische Detektivin agiert, die Wahrheit hinter den Fassaden sucht und praktikable Ausstiegsmöglichkeiten aus falschen Verhaltensweisen anbietet. Keine Angst vor Fragen Komplexer und ausführlicher informiert ein Buch, das einen wahrhaft furchterregenden Titel trägt: „Das Angstbuch“ von Borwin Bandelow. Okay, mit dem Titel vielleicht nicht das ideale Geschenkbuch zum Geburtstag, es sei denn, Sie beschenken einen Paranoiker. Aber eine schier unerschöpfliche Quelle der wissenschaftlichen Forschung zum Thema. Bandelow arbeitet in der Spezialabteilung für Angsterkrankungen in der Göttinger Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Dementsprechend zahlreich, theoretisch fundiert und praktisch informiert sind seine Fallbeispiele, Theorien, zitierten Experimente und therapeutischen Lösungsvorschläge. Glücklicherweise verfällt das Angstbuch aber niemals in den berufsnotorischen Medizinerkauderwelsch, sondern bleibt anschaulich und erfrischend respektlos. Man findet auf fast 400 Seiten den aktuellen Stand der Angstforschung, darunter viel Unerwartetes. Etwa, dass Angstpatienten keine Angsthasen sind. In realen Gefahrensituationen verhalten sie sich durchaus mutig. Oder, dass Angst ein Treibstoff für Erfolg ist. Ein mittleres Angstniveau haben Physiologen herausgefunden, motiviert zu Höchstleistungen. Woher kommen Phobien? Warum aber hat niemand eine Phobie Dingen gegenüber, die tatsächlich gefährlich sein können, beispielsweise Steckdosen? Bandelow erklärt dieses Phänomen damit, dass Phobien auf eine wahrlich steckdosenlose Zeit zurückgehen, die Frühzeit der Menschheit nämlich. Raubkatzen, Schlangen, Abgründe, dies alles war für uns einst gefährlich. Aus unserem kollektiven Unterbewusstsein holt sich die Angst weiterhin viele ihrer Motive. Bei Angstpatienten kommen ererbte Anfälligkeit und belastende Kindheitserfahrungen hinzu. Virulent wird diese Disposition meist in einer aktuellen Belastungssituation wie Ehescheidung, Arbeitsbelastung, Prüfungen … Der Körper reagiert dann mit Stresssignalen, erhöhtem Puls, flachem Atem, die physiologischen Symptome werden vom Körper überinterpretiert, das Gehirn blinkt: Alarmstufe rot! Panikattacke! Die Angst vor der Angst gebiert sich selbst. Diese Spirale scheint unaufhaltsam, aber man kann ihr entkommen. Bandelow geht sämtliche gängigen Behandlungsmethoden durch und plädiert für eine Mischung aus Verhaltenstherapie und brauchbaren Medikamenten (sorry, Naturfans: kein Johanniskraut, kein Kava-Kava). Und er sagt am Ende, was der Leser selbst tun kann: Sport, positiven Stress aufbauen oder auch die Angst als Teil des Lebens betrachten. Als Verhaltenstherapie empfiehlt Bandelow dem krankhaft schüchternen Sozialphobiker, einmal ohne Kaufwunsch in ein Handygeschäft zu gehen, sich alle Handys vorführen zu lassen, einen Streit anzufangen und den normalerweise superarroganten Verkäufer schweißgebadet stehen zu lassen. Das stählt ganz einfach für die tagtäglichen Konfliktsituationen. Ruhig und richtig atmen Bevor Sie jetzt dem nächsten Handyverkäufer das Leben zur Hölle machen, sollten Sie erst einmal tief durchatmen. Die Atempädagogin Magdalena Unger lehrt in „Die Angst bändigen, souverän bleiben!“, wie man verhindern kann, dass einem die Angst den Atem nimmt. Ihr Buch behandelt vor allem die Angst am Arbeitsplatz, ein Phänomen, das in Zeiten des wirtschaftlichen Umbruchs stark zugenommen hat. Das kann die Angst vor Konkurrenz sein, vor Kritik und Fehlern, aber auch die Angst vor einer neuen Verantwortung. 75 Milliarden Euro sollen die Auswirkungen der Angst am Arbeitsplatz jährlich kosten. Was sie jeden Einzelnen an Lebensglück kostet, ist nicht zu berechnen. Alkoholsucht, hektischer Aktionismus, Workaholismus, innere Kündigung und Krankheiten analysiert Unger als destruktive Umgangsformen mit der Angst. Demgegenüber sind Ungers Atemübungen eine einfache, sanfte, kostenlose und trotzdem wirkungsvolle Methode. Denn sie unterbrechen die von Bandelow beschriebene Spirale, bei der Atemnot als Zeichen von Angst Panik erzeugt. Kultur – das schöne Gegengift Die Angst am Arbeitsplatz hat viel mit unserer Sorge um den eigenen Status zu tun. Alain de Bottons „Statusangst“ bekämpft die gängige Befürchtung, für die anderen „Luft zu sein“, aber nicht mit dem bewussten Einatmen derselben. Der Autor des Erfolgsbuches „Trost der Philosophie“ greift ganz klassisch auf das zurück, was das Erbe der Menschheit außer der Erinnerung an Abgründe und Raubtiere für uns bereithält: Kunst, Politik, Religion und Philosophie. Kurz: die Kultur, deren Schönheit und menschliche Grundwerte. Wen die Angst um seinen Status quält, den erinnert de Botton daran, wie wechselhaft die Vorstellungen vom menschlichen Idealtyp waren. Im antiken Sparta war er ein aggressiver, sexuell potenter Krieger, im frühen Mittelalter ein mitleidiger, asketischer Heiliger, in England zwischen 1750 und 1890 „der Gentleman“, das hieß: ein guter Tänzer, der eigene Liegenschaften verwaltet und eine Mätresse in der Stadt hat. Warum messen wir uns also heute an dem Ideal, als erfolgreicher Geschäftsmann oder erfolgreiche Geschäftsfrau einem Termin entgegenzuhetzen? Stattdessen empfiehlt de Botton, durch die Weiten der Welt und der Kunst zu reisen. Die Lektüre von Tragödien wie „Ödipus“ oder „Madame Bovary“ lässt unsere Alltagsängste bedeutungslos erscheinen. Und wer sich auf die Fragen der Philosophie einlässt, wird vielleicht in der Lage sein, eines Tages den eigenen Ängsten souverän das zu antworten, was einst Diogenes dem damaligen Herrn der Welt, dem Feldherren Alexander, entgegenrief: „Geh’ mir aus der Sonne!“

Bert Bresgen

Titel

  1. Die Angst bändigen, souverän bleiben!
    • VerlagBeltz
    • ISBN 3407361335

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  2. Das Angstbuch
    • VerlagRowohlt
    • ISBN 3498006398

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  3. Stark gegen die Angst
    • VerlagKreuz
    • ISBN 3783124506

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  4. Statusangst
    • VerlagS. Fischer
    • ISBN 310046320X

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