Literatur-Nachrichten

Deutsche Autoren surfen auf der Unterhaltungswelle

Dieter Hildebrandt – im Ruhestand. Harald Schmidt – abgedankt. Und Anke Engelke – nun ja. Unser Zwerchfell liegt in den letzten Zuckungen. Doch Rettung naht.

Uns Deutschen wurde einst bescheinigt, wir seien ein „Volk ohne Witz“. Das war einmal. Die komische Welle rollt. Auf ihr reiten auffallend viele Männer, Anfang 30 bis Mitte 40. Einer der prominentesten ist Sven Regener. Eine halbe Million Mal ging „Herr Lehmann“ über den Ladentisch, 700 000 sahen Leander Haußmanns Verfilmung. Und lachten über den streitbaren, notorisch muffligen, ewig mit sich und der Welt hadernden Hallodri, der 30 wird, ohne erwachsen geworden zu sein. Selbst Reich-Ranicki outete sich nach Erscheinen des Buches im „Literarischen Quartett“ als Mitlacher – und das will etwas heißen. Jetzt erfahren wir, woher der Hang zu Grübelei und Schlendrian rührt. Regener erzählt die Jugend von Herrn Lehmann, der diesmal nur beim Vornamen genannt wird. Frank lebt im Bremer Stadtteil Neue Vahr Süd in zwei Welten: Er muss zur Bundeswehr, weil er das Verweigern verpennt hat. Und er zieht in eine WG mit Möchtegern-Genossen, die die Revolution planen, aber schon an der Renovierung der Wohnung scheitern. Sie sehen in Frank den „Stachel im Fleisch der Nato“, „die Spaßbremse des Imperialismus“. Das ist er natürlich nicht – und irgendwie doch. Bei der Bundeswehr, ja ohnehin nicht als diskussionsfreudige Spaßtruppe bekannt, redet sich Frank dem Baron von Münchhausen gleich wortreich in jeden Schlamassel hinein, um sich dann selbst am Schopf einer wunderbar gesponnenen Dialektik wieder herauszuziehen. Das treibt bei dem Versuch, während der Dienstzeit doch noch zu verweigern, schillerndste Sumpfblüten. Beharrte Herr Lehmann aus Prinzip auf Schweinebraten als Frühstücksgericht, so schafft es Frank, tobsüchtigen Ausbildern mit lapidaren Fragen wie „Was gibt’s denn?“ den Zahn zu ziehen. Sven Regener, geboren 1961 in Bremen und seit 1985 Sänger und Texter der Band „Element of Crime“, baut in „Neue Vahr Süd“ weniger auf Situationskomik als bei seinem Debütroman. Stattdessen schreibt er das Lehmann-Prinzip fort: Frank sitzt weiter zwischen allen Stühlen – diesmal vor allem zwischen den beiden, auf denen Birgit und Sibille Platz genommen haben – und setzt wie ein Katalysator Reaktionen in Gang, aus denen er selbst unverändert hervorgeht. Klassisch komisch Prallste Situationskomik bietet dagegen Tommy Jaud, Jahrgang 1970. Er erreicht auf der Nick-Hornby-Skala satte zehn Punkte. Und das nicht von ungefähr: Er ist Pointen-Profi, Comedy-Createur fürs TV – der Mann hinter „Ladykracher“. Ihm hat Anke Engelke zu seinem Romandebüt bereits gratuliert. Wäre sie in ihrer Late-Night-Show nur so nah dran am Zeitgeist und nur halb so komisch-bissig wie Jaud – ihre Einschaltquoten wären sicherlich kein Thema. Simon Peters heißt bei Jaud der Widergänger des neudeutschen Michels, der all unsere Egoismen und Eitelkeiten spiegelt: von Putzfrauen-Lyrik bis zum Shrimpsdöner. Er verkörpert den typischen Romantiker in uns, der sich hinter seinem Zynismus verschanzt – genial in die Gestalt eines desillusionierten T-Punkt-Verkäufers gekleidet. Simon klopft Sprüche und kriegt außer Pizza trotzdem nichts gebacken. Als folgte er einer inneren Anleitung zum Unglücklichsein, zieht es ihn frisch versinglet samstags zu IKEA unter Horden jungverheirateter Paare, sein Fitnesscenter entpuppt sich als Schwulenclub, und weil er Frauen hochgradig paarungsbereit gegenübertritt, landet er statt im Bett eben im Fettnapf. Nichts ist komischer als Sex, wenn er nicht stattfindet. Davon lebt Jauds Roman „Vollidiot“. Und vom Erfolg, den man nicht will. So gibt es eigentlich keinen besseren Spruch, um eine Frau loszuwerden, als „Du erinnerst mich an meine Mutter“. Eigentlich. Als sich der trotzige Tunichtgut Simon dann in eine Latte Macchiato aufschäumende Traumfrau verguckt, erzählt Jaud das alte Märchen: Wer eine Prinzessin küsst, hört danach nur noch Gequake. Abgründig amüsant Jaud hat uns aufs Maul geschaut, Wladimir Kaminer blickt in unsere Seele. Mit den arglosen Augen eines Kindes sieht er in „Ich mache mir Sorgen, Mama“ in die Welt. Bedenkt man, dass bis vor kurzem die Behörden mit seinen in Berlin geborenen Kindern ein schildbürgerhaftes Spießrutenlaufen in Sachen Staatsbürgerschaft veranstalteten, so ist es bewundernswert, mit welcher Gelassenheit der längst eingebürgerte Russe („Ich bin ein deutscher Schriftsteller“) von den Fallstricken der Bürokratie erzählt. Bei Kaminer, geboren 1967 in Moskau, amüsiert man sich immer ein wenig am Rande des Abgrunds. Beim Kindergeburtstag zum Beispiel: wenn die Erwachsenen den Kampf der Kulturen diskutieren, während die Kleinen der Schildkröte Räder an den Panzer kleben und sie durch die Wohnung sausen lassen. Damit knüpft Kaminer, der zwischendurch mit „Militärmusik“ etwas geschwächelt hatte, wieder bei den Prosa-Perlen aus „Russendisko“ an. Sein Deutsch atmet in jedem Satz jene seltsame Heiterkeit, die sich hinter der russischen Melancholie verbirgt. Brillant bizarr An englischen Romanen rühmt man das Gespür für Situationskomik, bei US-Amerikanern schätzen wir temporeiche Handlung. Einer, der von beiden gelernt hat, ist Jochen Till, 1966 in Frankfurt geboren. Bisher Autor von Jugendbüchern und Gedichten, macht sich jetzt bemerkbar, dass er vermutlich zu lange in einem Frankfurter Comicladen gearbeitet hat. Anders ist die Überdosis aus Tom Sharpes „Puppenmord“ und Tarantinos „Pulp Fiction“, die er uns in „Der letzte Romantiker“ verabreicht, nicht zu erklären. Am Anfang seines Roadmovies in Romanform steht der bizarre Koitus-Exitus einer Gangstertochter. Am Ende, so viel sei verraten, reiten Held und Geliebte auf dem Esel Naddel in den Sonnenuntergang. Dazwischen nimmt Till uns in Spaßhaft: Die Geschichte vom coolen Rocket, von seinem Bruder Koller, bei dem das Attribut verhaltensauffällig stark untertrieben wäre, einer wunderschönen Geisel und einer Pistole namens Lemmy – das ist des Wahnsinns fette Beute. Kunstvoll zelebrierter Trash: Das ist in Deutschland noch immer ein bemerkenswertes Novum. Schön skurril Nicht ganz so neu ist die Erkenntnis, dass Funny van Dannen das Surreale kultiviert. Schräge Töne und Texte sind die Spezialität des 1958 nahe der Grenze zu Holland geborenen Liedermachers, der zuletzt von „kleinen geilen Firmen“ sang. Und davon, dass das tollste Tier, das er jemals hatte, eine flache Ratte war. Wen wundert’s, wenn der Wortartist jetzt auch noch „Neues von Gott“ vermeldet. Allerdings hat das Ganze eher etwas von einem göttlichen Trip: „Hör mir auf mit Jesus“, schimpft bei ihm ein stinksaurer Gott. „Der ist für mich gestorben!“ Van Dannens absurde Miniaturen kreisen um die Zwillinge Tundra und Taiga oder um Yvonne, die bei Hans Meiser „schon mal als fette Sau und als süße Dicke“ war. Und wenn van Dannen völlig von Sinnen ist, dann kommt mitunter ein schöner Fisch dabei heraus, der auf einem rosa Floß den Fluss hinabtreibt. Das Floß entpuppt sich als Beauty-Case von Woolworth, und natürlich kann der Fisch nicht schwimmen. Was ist die Moral von der Geschicht’? Es gibt, da könnte nicht einmal Adorno widersprechen, ein richtig komisches Leben im falschen. Poetisch pointiert Richtig und falsch – das gilt auch für „Der perfekte Mann“. Bei einem solchen Romantitel dürften die meisten Frauen entweder auf die Barrikaden gehen – oder das ganze Buch hindurch schmunzeln. Sebastian Busch ist der perfekte Mann: verständnis- und liebevoll, ein guter Zuhörer – und er weiß, wie man die Geschirrspülmaschine bedient. Der Filmagent bereitet beruflich den Stars das Feld, und auch privat lässt er seiner Frau den Vortritt. Ein Traummann? Oder doch ein Kuckucks-Weichei, das keine Frau auf Dauer in ihrem Nest haben möchte?Morten Feldmann, geboren 1967 in Hannover, schreibt Drehbücher und lebt in Los Angeles. Die Nähe zu Hollywood spürt man: Geschliffene Dialoge, pointiertes Erzählen und Szenen mit Witz gehören dort zum Handwerk. Und Feldmann ist ein ziemlich guter Handwerker. Womit am Ende festzuhalten bleibt: Humordefizit? Darüber können wir nur lachen.

Ronald Dietrich

Titel

  1. Glitzerbarbie
    • VerlagFischer
    • ISBN 3596160774

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  2. Neue Vahr Süd
    • VerlagEichborn
    • ISBN 3821807431

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  3. Vollidiot
    • VerlagFischer
    • ISBN 3596163609

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  4. Ich mache mir Sorgen, Mama
    • VerlagGoldmann Verlag
    • ISBN 3442461820

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  5. Der letzte Romantiker
    • VerlagEdition Nautilus
    • ISBN 3894014458

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  6. Der perfekte Mann
    • VerlagKunstmann
    • ISBN 3888973651

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  7. Neues von Gott
    • VerlagKunstmann
    • ISBN 3888973724

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