Literatur-Nachrichten

Messner: Massiv Mensch

Der Bergsteiger, Grenzgänger, Abenteurer feierte am 17. September 2004 seinen 60. Geburtstag.

Um über Reinhold Messner zu sprechen, kann man ganz unten anfangen. Er hat verwirklicht, was der Traum eines jeden Pubertierenden ist, der mit zitternden Knien vor der ersten Castingshow steht. Reinhold Messner ist weltberühmt. Vermutlich ist sein Name etwas weniger bekannt als der von Michael Jackson, Madonna oder Michael Douglas. Doch in unserem Kulturkreis werden nur wenige nicht wissen, dass er es war, der als Erster den Mount Everest ohne künstlichen Sauerstoff bestiegen und damit ein für allemal eine Grenze erreicht hat, die für uns Menschen absolut ist. Aus eigener Kraft und ohne technische Hilfe höher hinauf zu kommen ist unmöglich. Über dem höchsten Berg der Erde beginnt das kalte Nichts des Weltalls. Der Mensch Messner ist in einer Welt, in der es nur noch wenige wirkliche Provokationen gibt, eine dauernde Provokation. Dabei tut er eigentlich nur, was spätestens seit der popkulturellen Revolution der 60er Jahre als selbstverständliches Menschenrecht gilt: sich selbst zu verwirklichen. Die Provokation durch Messner besteht zum einen in seinen außerordentlichen, „übermenschlichen“ Leistungen und zum anderen darin, dass er darüber nicht schweigt. Mit seinen Büchern und seinen Vorträgen, aber auch durch die Medienberichterstattung, fesselt er unaufhörlich die Aufmerksamkeit. Sogar gegen unseren Willen. Reinhold Messner ist ein Phänomen, das trotz aller Selbsterklärungen, Porträts und Beschreibungen nicht ausgelotet werden kann. Den jüngsten Versuch hat der „Spiegel“-Reporter Thomas Hüetlin gemeinsam mit ihm unternommen. Sechs Tage lang hat der ewig Umtriebige sich den Fragen des Journalisten gestellt, herausgekommen ist eine „Autobiographie in Gesprächen“. Das Bild, das man „vom größten lebenden Bergsteiger“ (Hüetlin) gewinnt, ist das eines selbst gewissen und selbst bewussten Mannes, der noch im sechzigsten Lebensjahr gejagt wird – von was? Von den Ängsten einer Kindheit, drangsaliert von einem überstrengen, prügelnden Vater und gestützt von einer allverzeihenden Mutter; von der Sehnsucht, geliebt zu werden mit allen seinen Schwächen, aber niemals auch nur einen Millimeter seiner Autonomie aufgeben zu wollen. Auf vieles, was Messner getan oder unterlassen hat, gibt es keine Antwort, muss es vielleicht auch nicht geben. Vieles entzieht sich dem gewöhnlichen Verständnis. Was in den Extremzonen der höchsten Berge geschieht, kann nur von den wenigen nachvollzogen werden, die sich dort auskennen. Messner betont es immer wieder. Die Erfahrungen, die er machen musste, die er auch kalkuliert gesucht hat, sind singulär. Ihm ist wichtig, dass er nicht nur durch seine Erfolge zu dem geworden ist, was er ist, sondern mehr noch durch sein Scheitern. Alle vierzehn Achttausender hat er bestiegen – aber er ist auch dreizehnmal an Achttausendern gescheitert. Sein Bruder Günther wurde 1970 am Nanga Parbat verschüttet. Dieses Ereignis hat mehr als alle anderen Reinhold Messners Leben bestimmt. Als er 1978 nach zwei misslungenen Versuchen die mehr als 4000 Meter hohe Diamirflanke des Berges im Alleingang bezwingt, ist er ein neuer Mensch. Die Besessenheit, „aufzubrechen, wohin ich will“, ist es, die Messner immer neue Herausforderungen annehmen lässt: zu Fuß durch die Antarktis, fünf Jahre als Abgeordneter im Europaparlament. Jetzt arbeitet er an seinem „fünfzehnten Achttausender“: In Bozen auf Schloss Sigmundskron entsteht gerade das vierte und mit Abstand größte „Messner Mountain Museum“, in dem ab 2006 ausgestellt werden soll, was Reinhold Messners Lebensthema ist: die Beziehung Mensch – Berg. Obwohl das Wort im Gespräch nicht fällt: Messner ist ein Held. Das macht den Umgang mit ihm schwer, zumal wir ihn nicht gewohnt sind. Stark gemacht hat ihn der überragende Instinkt, seinen Weg zu finden: am Berg, im Eis, auch im Leben. Was ihn für andere manchmal schwer erträglich macht, ist seine Egozentrik. Zu seinem Glück ist er ehrlich genug, sich das einzugestehen. Ehrlichkeit ist, das macht diese Autobiografie deutlich, überhaupt seine Stärke.

Tobias Gohlis

Titel

  1. Mein Leben am Limit
    • VerlagPiper
    • ISBN 3492245358

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  2. Reinhold Messners Philosophie
    • VerlagSuhrkamp
    • ISBN 3518122428

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  3. Nanga Parbat - Der Schicksalsberg
    • VerlagAudiobuch
    • ISBN 3899640764

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