Literatur-Nachrichten

Schreien, röcheln, flüstern

Wie aus Tad Williams' 3 650 Seiten starken SF-Epos Otherland ein 24-stündiges Mammut-Hörspiel wird.

Die beiden Schauspieler Sylvester Groth und Susanne Lothar stehen, mit großen Kopfhörern auf den Ohren, im Aufnahmestudio 7 des Hessischen Rundfunks. „… wie ein Stück Code!“, haucht Groth ins Mikrofon. Er spricht den Paul Jonas, eine der Hauptfiguren aus Tad Williams’ Fantasy-Epos „Otherland“. Jetzt meldet sich ein Tontechniker des HR, bei dem im Moment „die größte Hörspielproduktion in der Geschichte der ARD“ entsteht, zu Wort: „Das Wort ,Code‘ klingt einfach bescheuert.“ Walter Adler, der Regisseur, hochkonzentriert, nickt kurz: „Stimmt!“ Der in Köln lebende Adler, Jahrgang 1947, zählt mit mehr als 200 inszenierten Hörspielen, darunter etwa die „Tagebücher“ von Victor Klemperer, zu den „alten Hasen“ im Metier. Das ist gut so, denn die vierbändige Saga „Otherland“ des US-Autors Tad Williams umfasst immerhin 3650 Buchseiten. Ein stolzes Werk, und wer erst einmal angefangen hat zu lesen, dem wird es schwer fallen, wieder aufzuhören. „Otherland“ ist ein virtuelles digitales Rückzugsgebiet, geschaffen von den mächtigsten Menschen der Welt, um darin über ihren physikalischen Tod hinaus weiter zu leben. Doch „Otherland“ besteht aus vielen unterschiedlichen Welten, wie zum Beispiel dem alten Ägypten, den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges oder einer Umkehrung der Insektenwelt. Alle diese Sphären sind durch einen Fluss miteinander verbunden und der Realität so verblüffend ähnlich, dass die Grenzen zwischen Sein und Schein ständig verschwimmen. Magisch zieht dieses digitale Netzwerk Kinder an, die darin verschwinden und dann im „richtigen Leben“ in eine Art Koma fallen. Um dagegen etwas zu tun, loggt sich eine bunt zusammengewürfelte Gruppe, darunter die Informatikerin Renie Sulaweyo, der Buschmann !Xabbu und der Hauslehrer Paul Jonas, in das Netzwerk ein und begibt sich auf die Suche nach den verschwundenen Kindern. So weit, knapp zusammengefasst, das Handlungsgerüst von „Otherland“. Doch wie soll aus 3650 Buchseiten ein Hörspiel entstehen? „Das Manuskript dazu“, sagt die Dramaturgin Karoline Naab, „hat Walter Adler selbst geschrieben.“ Mehr als 220 Schauspieler sprechen über 250 Rollen, wobei sich die Besetzungsliste wie ein Who’s who der deutschen Schauspielerzunft liest: Rufus Beck, Michael Rehberg, Nina Hoss, Sophie von Kessel, Ulrich Matthes, Sophie Rois … – alle sind sie dabei. „Die Sprachaufnahmen“, erzählt Naab, „dauern mehr als elf Wochen, sind sehr eng getaktet und müssen hinhauen. Die Musik, von Pierre Oster komponiert, kommt bei der Mischung dazu. Insgesamt kommen wir auf eineinhalb Jahre Produktionszeit!“ Und wie organisiert man so etwas? Das Besetzungsbüro von Gudrun Eggert sieht aus, als hätte gerade ein Kreativ-Workshop im Kleben von gelben Zetteln stattgefunden: „Wir sind wieder auf die gute Handarbeit mit Papier und Schere umgestiegen“, sagt sie und deutet auf die unzähligen Notizen an den Wänden. „Es war einfach nicht möglich, so viele Personen, Daten und Termine, die sich auch noch ständig ändern, im Computer zu organisieren.“ Dazu kommt, dass „Otherland“ nicht chronologisch, sondern nach dem Puzzleprinzip aufgenommen wird. Soll heißen: heute eine Sequenz aus dem dritten Buch, morgen eine aus dem ersten … Das erfordert von allen Beteiligten viel Aufmerksamkeit, Improvisations- und Einfühlungsvermögen. Doch Walter Adler ist nicht nur ein erfahrener, sondern auch ein guter Regisseur: „Sylvester“, sagt er jetzt bestimmt durchs Mikro, „das war schon sehr gut. Aber das Wort ,Code‘ klingt doof. Könntest du es noch mal mit ,Software‘ probieren? Danke!“ Die Atmosphäre ist einen Moment lang gespannt. Doch dann kann Sylvester Groth – und sogar richtig gut. Wieder ist ein kleines Puzzlestück aus einer anderen Welt im Kasten, sprich im Computer. Denn dort werden alle Aufnahmen nach einem ausgeklügelten System abgespeichert, um sie dann bei der Mischung – mit passenden Geräuschen und der Musik versehen – richtig zusammenzufügen. Am Ende wird aus jedem der vier „Otherland“-Bücher ein sechsstündiges Hörspiel mit einer Gesamtlaufzeit von 1440 Minuten entstanden sein. Walter Adler weiß, was er will. Egal, ob gerade geschrieen, geröchelt oder geflüstert werden soll, er entlockt es seinen Schauspielern, die er am liebsten vom Theater nimmt. „Denn dort lernen sie, ihre Texte zu sprechen und zu spielen. Es muss sich bei einer Regieanweisung wie ,bindet sich dabei die Schuhe zu‘ so anhören, als ob der Schauspieler sich dabei nach vorne beugt, obwohl er natürlich direkt ins Mikro spricht. Diese Qualität will ich.“ Doch warum hat er sich gerade auf „Otherland“ gestürzt? Seine Antwort ist recht umfassend, enthält den „Herrn der Ringe“ genauso wie „Alice im Wunderland“, den „Zauberer von Oz“ oder William Gibsons „Neuromancer“. Und: „,Otherland‘ hat eine hochbrisante gesellschaftspolitische Aussage: nämlich dass wir mit dem, was an technischen Innovationen auf uns in den nächsten Jahren zukommt, sehr sehr vorsichtig umgehen müssen. Im Kern geht es darum, was wir unseren Kindern antun und was wir ihnen nicht antun sollten.“

Stefan Becht

Titel

  1. Otherland: Band 1
    • VerlagKlett-Cotta
    • ISBN 3608934219

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  2. Die Brautprinzessin
    • VerlagRoof Music
    • ISBN 3936186073

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  3. 20 000 Meilen unter den Meeren
    • VerlagDer Hörverlag
    • ISBN 3899402855

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  4. Der Letzte seiner Art
    • VerlagLübbe Audio
    • ISBN 3785713959

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  5. Die Mars-Chroniken
    • VerlagHörbuchproduktionen
    • ISBN 3896140906

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  6. Otherland: Die Stadt der goldenen Schatten
    • Verlag Der Hörverlag
    • ISBN 3899401166

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  7. Der Blumenkrieg
    • VerlagKlett-Cotta
    • ISBN 3608933565

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