Literatur-Nachrichten

Alles Roger

Nach seinem Ausstieg beim ZDF begab sich Roger Willemsen auf innere und äußere Erkundungstour und landete mit der Deutschlandreise einen Bestseller. In seinem neuen Buch Gute Tage porträtiert er Berühmte und Berüchtigte, und nebenbei ist er mit der Schweizer Büchersendung Literaturclub wieder ins Fernsehen zurückgekehrt.

Roger Willemsen ist der Kosmopolit schlechthin. Weit gereist, weltoffen, gewandt. Das Italienische kommt ihm leicht von den Lippen – er hat in Florenz studiert. Das Englische ist ihm zweite Sprachheimat – er hat in London als Korrespondent gearbeitet. Und wie er die Empfangsdame des Schweizer Fernsehens in Zürich mit einem melodischen „Grüezi“ begrüßt, als er zur Aufzeichnung seiner Fernsehsendung „Literaturclub“ eilt, hat das etwas so verbal Umarmendes, unverstellt Menschenfreundliches, dass die sprichwörtliche Schweizer Zurückhaltung dahinschmilzt wie das Make-up des Moderators unter den Fernsehscheinwerfern. Willemsen liebt die Bühne, liebt den Auftritt. Und doch trat er 2001 nach elf Jahren Fernsehen zunächst einmal ab, nachdem ihm Quotengerangel und Qualitätsmangel zunehmend zu schaffen machten. Er löst vorzeitig seine Verträge mit dem ZDF auf – „Ich habe eine unheimliche Bürde abgeworfen“ – und reist einige Monate durch Deutschland, um herauszufinden, „wie die Leute leben, was in Wirtshäusern und auf Arbeitsämtern, in U-Bahnhöfen und auf Minigolfplätzen passiert“. Doch sein Glück findet er bei dieser Reise nicht. Vieles erscheint ihm trostlos, langweilig. Vielleicht weil er nach der Fernsehzeit ein bisschen bitter geworden war. Und so liest sich seine Reisebeschreibung als eine teils grimmige, teils wütende Bestandsaufnahme eines Landes, in dem das Pragmatische, das Zweckgebundene überwiegt und sich fast alles ums Geld dreht. Gespräche über Politik, über Bücher, über Musik, über Liebe? Fehlanzeige. Dass sich dieser Eindruck aus seiner Perspektive verfestigen muss, gibt Willemsen zu. „Ich bin ein typischer Deutscher darin, dass die Deutschen sich nie gemocht haben. Alle Deutschlandreisen der klassischen Literatur sind Gegendeutschlandreisen.“ Er beruft sich auf Hölderlin und Heine und zitiert Goethe: „Die Deutschen werden schwer über allem und alles wird schwer über ihnen.“ Das Merkwürdige nur sei, und dabei wirkt Willemsen aufrichtig erstaunt, dass die Menschen bei seinen Lesungen unheimlich viel gelacht hätten. Das ist gar nicht merkwürdig. Vermutlich haben die Leute gespürt, was sich auch in unserem Gespräch vermittelt: dass Willemsen ein äußerst witziger, komischer Erzähler ist, im Grunde genommen das, was man als fröhliches Naturell bezeichnet. Und doch wechselt diese Heiterkeit und schlagfertige Präsenz mit einer Melancholie, die sich aus seiner Klugheit speisen mag, einer Art intellektueller Überlegenheit, die einsam macht und – weil sie tiefere Einblicke gestattet – auch traurig. Der staunende Höfling Aufgewachsen ist Willemsen in einem kleinen Dorf in der Nähe von Bonn. Unter sehr kuriosen Umständen. Sein Vater war Maler. Doch damit konnte er Frau und drei Kinder nicht mehr ernähren und so wurde er Restaurator. Er mietete ein zu einem Fürstenschloss gehörendes Häuschen, zehn Kilometer von Bonn entfernt – der Fürst selbst ein Mann mit sieben Töchtern und keinem Sohn. 1955, im Jahr von Willemsens Geburt, weilte Thomas Mann in diesem Schloss, und Adenauer kam zur Donnerstagsgesellschaft, die dort stattfand. „Die ersten fünf Jahre meines Lebens habe ich keine Außenwelt gesehen, sondern nur höfisches Leben.“ Dann zieht die Familie ins Nachbardorf, wo die Eltern ein Haus gebaut haben. Willemsen ist 15, als sein Vater, mit dem er sich sehr gut versteht, an Krebs stirbt. „Der Verlust meines Vaters ist das bestimmende Erlebnis in meinem Leben, und es hat ewig gedauert, bis ich darüber geredet habe.“ Die Mutter beginnt unmittelbar nach dem Tod des Vaters in einem Kölner Auktionshaus zu arbeiten, die Kinder sind sich selbst überlassen. „Die Familie fiel auseinander“, beschreibt Willemsen diese Phase, in der die Waisenrente nicht reicht beziehungsweise für das Abzahlen des Hauses gebraucht wird. Also suchen sein Bruder und er sich neben der Schule einen Job. Für ihn eine logische Konsequenz aus den familiären Verhältnissen – es geht schlicht um Selbsterhaltung. Der junge Willemsen vergleicht damals nicht, ob es andere einfacher haben. Er geht pragmatisch vor, gepaart mit einem hohen Verantwortungsbewusstsein. Dieses Prinzip zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben. Später, als er Germanistik, Philosophie und Kunst studiert, arbeitet er als Nachtwächter in Bonn – bei der FDP, im amerikanischen Konsulat, im Schlachthof, bei der Bundesbaudirektion, beim Bundespresseamt, 30 verschiedene Stationen insgesamt. Dabei liest er unglaublich viel, schreibt seine Seminararbeiten, schläft morgens vier Stunden und marschiert in die Uni. Er promoviert über den Selbstmord in der Literatur, geht 1984 als Dozent nach München, steigt aus seinem Fünfjahresvertrag an der Uni aus und reist in den Dschungel Borneos zu den Orang-Utans. Willemsen, der Lebenserfahrene, der Lebenshungrige. Ein Forschender. Ein Fragender. Der fragende Provokateur Er fragt präzise und provokant. Durch seine unverwechselbare Gesprächsführung in den 90er Jahren avanciert er zum Kultmoderator, mit dem Talk-ohne-Tabu-Magazin „0137“ bei Premiere und von 1994 bis 1998 mit „Willemsens Woche“ beim ZDF. Ein Fragender bleibt er, wenngleich er das Medium gewechselt hat. Sein neues Buch „Gute Tage“ handelt von Begegnungen mit Menschen und Orten, „die für mich persönlich in irgendeiner Weise signifikant waren“. Insofern erzählen diese Porträts viel über Willemsen selbst. „In gesteigertem Sinne suche ich immer Erfahrung. Ich gehe nie in ein Interview, ohne nicht mindestens einmal auf der äußersten Kante meines Stuhls zu sitzen und zu denken: Was wird er damit machen? Was wird er darauf antworten?“ Seine Gespräche bergen alle Facetten vom Gelingen bis zum Scheitern – auf beiden Seiten. Bei Harald Schmidt und Madonna stehen das eigene Versagen und Vermasseln im Vordergrund. Die Porträts über die Schauspielerinnen Jane Birkin und Jean Seberg und den irischen Popstar Sinead O’Connor changieren zwischen Bewunderung, Verehrung und Rührung – Willemsen bringt die erloschenen Sterne noch einmal zum Leuchten. Margaret Thatcher begegnet er mit kaltem Respekt. Und bei Yassir Arafat ist es diese doppelte Perspektive auf Macht, die ihn fasziniert, dieses Nebeneinander von Hohem und Profanem, das entsteht, als er den Präsidenten bittet, ihm sein Badezimmer zu zeigen. Es ist ein trostloser Raum, in dem ein zerborstener Schlauch hängt, eine Tube Zahnpasta liegt und ein Trockenrasierer – ein Ambiente wie im Asylantenheim. Gefragt, warum er bei seinen Gesprächen ausgerechnet zwei älteren Herren seinen persönlichen Liebeskummer anvertraut – es sind der britische Romanautor John LeCarré und die französische Schauspiellegende Michel Piccoli –, kommt Willemsen wieder auf das sein Leben bestimmende Erlebnis zurück. „Beides waren Vaterfiguren, auf eine unterschiedliche Weise. Es gibt bestimmte Männer, auf die reagiere ich mit Pawlow’schem Reflex sohnartig.“ In Sachen Liebe haben ihn diese Gespräche, seine Erfahrungen – „ich habe mich mehrmals verbrannt“ – und die Zeit zu einer Art Frieden, einem „merkwürdigen, selbstgenügsamen Glück“ geführt. „Liebe hat immer mit einer Form von Mangel zu tun. Wenn man keinen tiefen Mangel empfindet, weiß ich nicht, wie man lieben soll. In dem Augenblick, wo ich keinen tiefen Krater mehr in mir füllen kann, bin ich unterfordert, von mir selbst unterfordert und komme in eine Form von Wiederholung, Langeweile. Es brennt nichts mehr.“ Seine letzten Beziehungen waren alle nicht besonders lang, aus ebendiesem Grund. Wir sind beim Schweizer Fernsehen angekommen, im „Literaturclub“, den er seit April 2004 moderiert. Es ist eine Art Literarisches Quartett, nur sehr viel älter als die populäre ZDF-Sendung, mit einer Stammmannschaft und einem Gast. Willemsen führt souverän durch die Bücherschau. Er lässt die Journalistin Gunhild Kübler, den Literaturwissenschaftler Hardy Ruoss und die Kunstprofessorin Corinna Caduff ausreden, selbst als die Studioleiterin die letzten Minuten signalisiert. Nachdem jeder seinen persönlichen Buchtipp abgegeben hat, bleiben Willemsen noch 60 Sekunden. Doch die reichen ihm, sich auf seine Schnellrednerqualitäten zu besinnen und gleich zwei Tipps abzugeben: den eigentlichen und den außerplanmäßigen, der ihm in diesen Tagen besonders am Herzen liegt. Es ist der amnesty international Report 2004.

Irene Nießen

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