Literatur-Nachrichten

Von Lebenslust und Selbstvermarktung

Das Leben ist ein Jammertal. Aber jammern bringt nichts. Wie man auf Du und Du mit dem Ich lebt.

"Scotty, Energie!“ Mit diesem legendären Satz endete fast jede Folge von „Raumschiff Enterprise“, und flugs flog das Raumschiff neuen Welten zu. Von dieser Energie könnte man heute etwas brauchen. Viele haben das Gefühl, in Warp-IX-Geschwindigkeit zu arbeiten und gleichzeitig nicht vom Fleck zu kommen. Man tröstet sich: „Na ja. Besser Warp IX als Hartz IV“ und klagt sich am Abend gegenseitig das Leid. Völlig falsch, sagen die neuen Ratgeber zum Thema Selbstmanagement. Auch die halbherzige Anpassung an den Markt oder der Killerinstinkt hinterm Schreibtisch bringe nichts. Der Rat der Ratgeber lautet wie dereinst bei Sokrates: Erkenne dich selbst! Baue darauf deine Arbeit und deine Beziehungen auf. Sei achtsam mit dir und mit deiner Umgebung. Das Buch der Coachausbilderin Talane Miedaner „Coach dich selbst, sonst coacht dich keiner“ ist ein Programm zur richtigen Lebensführung. Schaudernd blickt man mit ihr tief hinab in unsere „Energielöcher“. Ein abgerissener Knopf, den wir nie annähen, der Mundgeruch des Partners, über den wir gnädig hinwegsehen, eine Beleidigung, die wir einfach nicht vergessen können: All dies schluckt unsere Energie. Was dagegen hilft: Dinge jetzt sofort tun, Dinge sachlich beim Namen nennen, Listen erstellen und mit Ritualen arbeiten. Auch um sich herum Raum zu schaffen, ist wichtig. Etwa nach der „Zwei-zusätzlich-Formel“. Die besagt, dass man von allen Gebrauchsgegenständen höchstens drei behalten soll. Danach knackt Miedaner härtere Nüsse: Warum nicht mal an Stelle einer Essdiät eine Gelddiät machen, also zwei Wochen lang nur Ausgaben tätigen, die absolut unerlässlich sind. Befreiend wirken solche Experimente. Spätestens nach Tipp 100 hat sich das Leben um 180 Grad gedreht. Christiane Gierkes Ziele in „Persönlichkeitsmarketing“ sind weniger allumfassend. Sie will konkrete Hilfe dabei leisten, ein fragiles Produkt zu vermarkten: das eigene Ich. Aber aufgepasst: Nicht der „smarte ICH-ling“ soll dabei zum Vorschein kommen, sondern die authentische „Powerpersönlichkeit“. „Sich gut verkaufen, ohne sich zu verkaufen“, lautet Gierkes Devise. Wie in einem Kurs bekommt der Leser Übungen und Tabellen zum Ankreuzen an die Hand, um eigene Potenziale und Werte zu erkennen. Gierke bringt einen dazu, sich wie ein Unternehmen zu betrachten. Nicht die Lebenshilfephilosophie des Coaching, sondern die betriebswirtschaftliche Analyse stand dafür Pate. Wichtig dabei ist das Ermitteln des USP. Hinter dem Kürzel verbirgt sich das „Alleinstellungsmerkmal“, die Fähigkeiten und Kenntnisse also, die einen von anderen unterscheiden. Weil man die Mitbewerber auf dem Markt meistens nicht kennt, empfiehlt Gierke, die Internetauftritte von Stellenbewerbern in der gleichen Branche zu analysieren. Nach vielen Kennzahlen runden praxis-nahe Hinweise zu Verhaltensregeln im Geschäftsleben, zum Dresscode und zur Körpersprache das „Persönlichkeitsmarketing“ gekonnt ab. Miedaner hat das Buch fürs Leben insgesamt geschrieben, Gierke für die eigenen Stärken, der Persönlichkeitscoach Horst Conen für unsere Schwächen. Um falschen Antrieb geht es ihm, um Versagensängste, das Unerledigte in unserer Vergangenheit, das Sich-selbst-unter-Druck-Setzen. Conen wartet mit Übungen und Selbsttests auf, die helfen, ein sich selbst schädigendes Verhalten zu erkennen und zu verändern. Selbstsabotage basiert oft auf Botschaften, die wir als Kind empfangen haben: Das schaffst du nicht, du bist niemals gut genug, du störst. Conens Gegengift: Geben Sie der negativen Stimme im Inneren einen ironischen Namen („das kleine Monster“) und arbeiten Sie mit positiven Sätzen dagegen. Und wenn schon klagen, dann richtig: An sicheren Orten zu schluchzen, sorgt für inneren Druckausgleich. Wenn man bei der Arbeit gemobbt wird, hilft Blickveränderung. Betrachten Sie die Kollegen einmal mit dem Blick eines Ethnologen: Was für seltsame Rituale gibt es da! Und schon wird man das alles weniger ernst nehmen. Conens Schlusstipp: Lachen Sie mehr. Das setzt körpereigene Endorphine frei und wirkt wie ein Energieschub. Mehr lachen, jawohl, aber worüber? Zum Beispiel über die so genannten „Rettungsreime“ des Dichters und Rundfunkautors Fritz Eckenga. Versammelt sind diese in „Jahreshauptversammlung meiner Ich-AG“. In ironischen Couplets zwischen Morgenstern und Gernhardt besingt der Dichter den traurigen Stand der Alltagsdinge: Von der „Patientenpassion“ über die „Berufsberatung“ bis zur „Letzten Ansprache des Trainers“ – hier finden sich alle Sorgenthemen wieder, aber in äußerst komische Sonette verwandelt. Und auf einmal verliert man all die Schwere. Auf zu neuen Taten! Scotty, Energie!

Bert Bresgen

Titel

  1. Coach dich selbst, sonst coacht dich keiner!
    • VerlagRedline
    • ISBN 3636070398

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  2. Persönlichkeitsmarketing
    • VerlagGabal
    • ISBN 3897495104

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  3. Sei gut zu dir, wir brauchen dich
    • VerlagCampus
    • ISBN 3593371847

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  4. Jahreshauptversammlung meiner Ich-AG
    • VerlagKunstmann
    • ISBN 3888973864

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