Literatur-Nachrichten

Wo die Wirklichkeit zum Märchen wird

Am 2. April 2005 jährt sich der Geburtstag von Hans Christian Andersen zum 200. Mal. In Kopenhagen, wo er zu Weltruhm gelangte, und in seiner Heimatstadt Odense ist die Erinnerung an den großen dänischen Märchendichter lebendiger denn je.

Es war einmal ein ungelenker Junge mit viel zu langen Armen und Beinen und Füßen wie Elbkähnen. Seine Nase war groß und spitz, seine Augen dagegen waren winzig wie bei einem Schweinchen. Schon früh starb der Vater, ein armer Schuster. Die Mutter, eine Wäscherin, schickte den Jungen, der viel lieber Kostüme für sein Puppentheater nähen wollte, in eine Fabrik, damit er helfe, das tägliche Brot zu verdienen. Doch dort wurde er nur gehänselt, andere Kinder zogen ihm seine Kleider aus und nannten ihn ein Mädchen. Was sie ihm aber nicht wegnehmen konnten, waren seine Träume. Als er 14 wurde, machte sich der Junge auf in die große Stadt Kopenhagen, mit nur ein paar Talern in der Tasche und Luftschlössern im Kopf. Ein berühmter Schauspieler wollte er werden oder wenigstens ein Tänzer beim Ballett. Wir können uns vorstellen, wie traurig und verzweifelt der Junge da war. Ganz allein in der fremden Stadt, kaum Geld, der Magen knurrte erbärmlich. Das muss eine gute Fee gerührt haben, die in jenem Moment über die Dächer von Kopenhagen schwebte. Und weil Märchen sich nicht nur in Büchern abspielen, sondern auch manchmal in unserer so nüchternen Welt, wurde aus dem hässlichen Entlein ein wunderschöner Schwan der Dichtkunst. Und weil er schon gestorben ist, der Hans Christian Andersen, spendiert sein Heimatland Dänemark 26 Millionen Euro, um sein 200. Geburtsjahr mit Pomp und Pracht und der ganzen Welt zu feiern. Ein bisschen übertrieben? Wer meint, Märchen seien Kinderkram, kennt seinen Andersen nicht. Oder nicht mehr. Denn seine 211 Märchen hat er auch für Erwachsene geschrieben. Zudem umfasst sein Werk Novellen, drei Autobiografien, Erzählungen, Reiseberichte und Theaterstücke. Andersen war, ist ein Weltdichter. „Die Prinzessin auf der Erbse“ und „Die Schneekönigin“ haben Menschen unterschiedlichster Kulturkreise in Amerika, Brasilien, Indien oder Japan gleichermaßen in den Bann geschlagen. Seine Geschichten wurden in mehr als 130 Sprachen übersetzt. All das wissen heute die vielen Bücherfreunde natürlich nicht, weil es Andersen so ergangen ist wie Stevenson, Swift oder Defoe: Ihre Werke landeten irgendwann verstümmelt im Kinderzimmer. Schon darum ist es gut, dass die Dänen jetzt zu Ehren ihres wunderbaren Erzählers das größte Kulturfestival Europas auf die Beine stellen und die Verlage uns mit vielen Neuübersetzungen und Biografien Mensch und Dichter Andersen nahe bringen. Aber schauen wir doch erst mal, wie es damals in Kopenhagen weiterging mit dem armen Tölpel, der so gern berühmt werden wollte. Zur damaligen Zeit blieb allein die Flucht in die Kunst, in die Dichtung. Wohl auch dank einer für uns kaum noch nachvollziehbaren Durchlässigkeit der spätfeudalen Gesell-schaft fand das schüchterne Landei mächtige Gönner, darunter sogar König Friedrich IV., die ihm Lateinschule und Studium finanzierten. Sein erstes Buch schrieb Andersen mit 24: „Fußreise von Holmens Kanal“. In wenigen Tagen war der Erstling vergriffen. Es lohnt noch immer, nach dieser humorigen Reiseerzählung durch Dänemark zu wandern. Selbst in Kopenhagen würde sich der Dichter heute zurechtfinden. Die Häuser, in denen er lebte, sind erhalten. Das Königliche Theater, das Andersen so liebte, sogar seine bevorzugten Cafés und Restaurants – alles noch da. Die meiste Zeit seines Lebens wohnte er in drei verschiedenen Häusern am Kanal Nyhavn. Seine erste Wohnung befand sich im 2. Stock von Nr. 20. Hier schrieb er auch seine ersten Märchen. Von 1845 bis 1864 lebte er bei der Familie Anholm in Nr. 67. Seine letzten Jahre verbrachte Andersen in Nr. 18, neben seiner ersten Wohnung. Heute ist die malerische Hafenstraße ein Szenetreff mit Restaurants und Open-Air-Bars. Andersen als Tourist Von 1837 bis 1848 residierte der da schon sehr erfolgreiche Poet im Hotel du Nord, das dem Magasin du Nord den Namen gab. Das Kaufhaus liegt am westlichen Ende der Einkaufsmeile Strøget. Im dritten Stock befindet sich ein Zugang zu Andersens authentisch erhaltener Dachbodenkammer in der Vingårdstræde 6, die während der Öffnungszeiten des Kaufhauses kostenlos zugänglich ist. Auch in dem neuen „Eventyrhuset“ (Märchenhaus) dreht sich alles um die schillernde Welt des Hans Christian Andersen. Es liegt am Rathausplatz im Herzen der Altstadt im Keller von „Ripley’s Believe It or Not!“ direkt an der Strøget. Die berühmte kleine Meerjungfrau wurde erst 1913 nach Andersens Tod von der Carlsberg Brauerei gestiftet. Der Dichter war 1875 im Alter von 70 Jahren an Lungenkrebs gestorben. Er wurde mit einem Staatsbegräbnis auf dem Friedhof Assistens Kirkegård in Nørrebro beigesetzt. Mehr als 50 Jahre verbringt Andersen in der dänischen Hauptstadt, unterbrochen von zahlreichen Reisen durch Europa. Sein Roman „Der Improvisateur“ und seine Märchen hatten ihm den internationalen Durchbruch verschafft. Der Junge aus dem Armenviertel traf Hugo, Dickens und Heine. Und er wurde der erste Tourist. Fortwährend war er auf Achse. Die Unruhe und der stetige Strom neuer Menschen und neuer Erlebnisse entsprachen seinem nervösen Temperament und der angeborenen Neugier. Dokumentiert sind allein 29 Trips durch Europa und Kleinasien – für damalige Verhältnisse mit Postkutschen statt ICE und Billigfliegern eine enorme Leistung. Nun war der Dichter aber ein arger Hypochonder! Ständig hatte er Angst, seine schlechten Zähne zu verlieren, was ihn später zu dem Märchen „Tante Zahnweh“ veranlasste. Er war oft depressiv, verreiste nie ohne einen Strick: Sollte sein Hotel Feuer fangen, würde er sich noch rechtzeitig aus dem Fenster abseilen können. Neben Kopenhagen hat Andersen seine Geburtsstadt Odense entscheidend geprägt. Wo genau er am 2. April 1805 zur Welt kam, weiß man nicht, seine Eltern, knapp zwei Monate verheiratet, hatten keinen festen Wohnsitz. Erst als der Dichter 1867 bereits Ehrenbürger von Odense war, wurde das kleine, gelb gestrichene Fachwerkhaus an der Ecke Hans Jensen Stræde und Bangs Boder als Geburtshaus festgelegt. Seit 1908 ist es ein Museum, mit Briefen und Bildern, Scherenschnitten und Zeichnungen, wertvollen Werkausgaben und Zitaten von Zeitzeugen. Im modernen Odense ist Andersen überall präsent. Hinter dem Dom blickt er mit großer Nase und hohem Zylinder von seinem Sockel. In der Fußgängerzone posiert der eitle Kaiser nackt mit seinen neuen Kleidern, da balanciert der standhafte Zinnsoldat stumm auf einem Bein, und Däumelinchen schaut aus einer Blume heraus. Unbedingt aufsuchen sollte man die Munkemøllestræde 3–5. Dort steht das Haus, in dem der Blondschopf bis zum 14. Lebensjahr nachweislich aufwuchs. Heute ist es eine Außenstelle des Andersen-Museums. Drei Familien mit zwölf Personen teilten sich das Fachwerkhaus. Der junge Hans Christian lebte dort in seiner eigenen Traumwelt. Oft lief er zu den alten Frauen im Armenhaus des Hospitals. Sie erzählten dem Jungen uralte Volksmärchen, die er später zu Papier bringen sollte und die seine eigenen, selbst erfundenen Märchen inspirierten. Mehr noch: Sie wurden seine ständigen Begleiter, das Mädchen mit den Schwefelhölzern, Tölpel-Hans, die kleine Meerjungfrau und all die anderen wundersamen Geschöpfe, deren Geschicke stets etwas von der Person und dem Schicksal des hochsensiblen Andersen widerspiegelten. „Mein Leben ist ein Märchen“, hat er immer wieder gesagt. Belassen wir Andersen im ewigen Zustand kindlicher Unschuld.

Hans Schloemer

Titel

  1. Hans Christian Andersen
    • VerlagInsel Verlag
    • ISBN 3458172513

    bestellen

  2. Die schönsten Märchen von Hans Christian Andersen
    • VerlagDiogenes
    • ISBN 3257234848

    bestellen

  3. Hans Christian Andersen Märchen
    • VerlagBeltz
    • ISBN 3407798792

    bestellen

  4. Kopenhagen - Stadt der Dichter
    • VerlagArtemis & Winkler
    • ISBN 3538072027

    bestellen

  5. Marco Polo
    • VerlagMairDuMont
    • ISBN 3829702973

    bestellen

  6. Hans Christian Andersens Kopenhagen
    • VerlagSchöffling
    • ISBN 3895615838

    bestellen

  7. Dänemark - Handbuch
    • VerlagReise Know-How
    • ISBN 3923716133

    bestellen

Kommentar schreiben

Wie in Foren üblich werden sexistische Äußerungen, persönliche Beleidigungen, Drohungen, Diskriminierungen, antisemitische und rassistische Aussagen und jede Art von strafbaren Äußerungen entfernt. Bitte diskutieren Sie sachlich und in freundlichem Ton. Netiquette
Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

Ihr Kommentar

(E-Mail wird nicht veröffentlicht)

Bitte geben Sie diese Buchstabenfolge hier noch einmal ein:. Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination. TIPP: Zwischen Klein- und Großbuchstaben müssen Sie nicht unterscheiden.

* Pflichtfeld