Romane

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03.07.2006

Mord ist ihr Geschäft

Ihr Empire regiert Elizabeth George mit stählernem Willen, Leidenschaft und Disziplin. Ihre Romane sind allesamt weit ausgreifende englische Gesellschaftsbilder. Dicht gewoben, mit detailreichen Nebenhandlungen, komplexen Charakteren und akribisch recherchierten Landschaftsbildern und Orten. Was treibt die Amerikanerin mit der Vorliebe für alles Britische an?

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Elizabeth George ist eine zierliche, schlanke Frau mit dunklen Augen und weicher Lockenfülle. Sie lebt in Seattle, über lange Jahre hin war Huntington Beach in Kalifornien ihr Zuhause. Warum also Großbritannien? „Seit meiner Kindheit hat mich England gefesselt, der britische Way of life, die Geschichte, die englische Literatur. Ich habe alles verschlungen, Shakespeare, Jane Austen, Charles Dickens. Vor allem die klassischen englischen Krimis von Agatha Christie, Conan Doyle und Dorothy Sayers. Schon damals habe ich geschrieben, und ich wollte es einmal können wie sie.“

Ihren Arbeitsrhythmus hat sie straff durchorganisiert. „An Werktagen stehe ich um fünf Uhr auf, mache ein Workout mit Fahrradtrainer und Hanteln.“ Nach dem Frühstück setzt sich Elizabeth George dann sofort an den Schreibtisch. Der steht in einem Studio zwei Blocks von ihrem Haus entfernt. „Ich schreibe mindestens fünf Seiten pro Tag. Immer. Auch im Urlaub. Wenn ich zum Beispiel mit meinem Mann und Freunden zum Skifahren bin, stehe ich eben noch früher auf. Sonst komme ich raus und muss erst mühsam wieder den Faden finden. Auf Lesereisen lasse ich mir den Morgen freihalten und habe, wenn es gut geht, am späten Vormittag mein Tagespensum schon hinter mir. Und mit jedem neuen Roman entsteht parallel auch ein Journal, in dem ich Schwierigkeiten und Assoziationen, Fortschritte, Gedanken zu meiner Lektüre niederschreibe. Das ist sehr hilfreich. Wenn mich nämlich Selbstzweifel und Ängste plagen und wenn ich dann nicht weiterkomme, kann ich auf das letzte Journal zurückgreifen: Hier siehst du es, du hast es damals geschafft, und es wird auch diesmal gehen.“

Die Kunst des Schreibens
Studiert hat sie englische Literaturgeschichte und Psychologie; mehr als ein Jahrzehnt lang arbeitete sie als Lehrerin, wurde sogar zur besten ihrer Zunft gekürt. Zu diesem Zeitpunkt besuchte sie schon Seminare für Kreatives Schreiben. 1988 gelang ihr mit dem Krimidebüt „Gott schütze dieses Haus“ sofort der Durchbruch. Seither steht in allen Romanen das Scotland-Yard-Team und Ermittler-Duo mit dem adeligen Inspector Thomas Lynley und seiner proletarischen Assistentin Barbara Havers im Mittelpunkt. Wunderbar ausgefeilte Charaktere mit Ecken und Kanten. Sie ermitteln kreuz und quer im Inselreich, und mit ihnen eröffnet sich das Kaleidoskop britischer Lebenswirklichkeit. Georges Credo: „Ein Roman fesselt seine Leser nur durch die Personen, und die Handlung ist das, was sie in einer bestimmten Situation tun.“ Lange hat die Autorin immer wieder auch Seminare für Kreatives Schreiben geleitet, und wenn sie zu Hause ist, wird bei ihr jede Woche einmal mit jungen Talenten über deren Arbeit gesprochen, auch scharf kritisiert. „Es kommt ja immer wieder vor, dass sich jemand verzweifelt die Haare rauft, weil er zwar den Plot im Kopf hat, aber nicht weiß, wer die handelnden Personen sein sollen. So herum geht’s nie.“ Für jede ihrer Figuren hat Elizabeth George eine detaillierte Charakteranalyse und passende Lebensumstände entworfen – die Mappen füllen ein ganzes Hängeregister. „Ich bin ihr Psychologe, Biograf und Bewährungshelfer.“ Georges erzählerisches Rückgrat bilden Lynley und Havers. Thomas Lynley, 8. Earl of Asherton, mit Bentley und Butler, einem jahrhundertealten Familiensitz in Cornwall, standesgemäß mit Townhouse im noblen Mayfair und ererbtem Blasé ist überaus höflich, feinsinnig und ein bisschen verklemmt. Seine Assistentin Barbara hingegen stammt aus der Working Class, ist zupackend und meistens verdrießlich. Ihre Kleidung ist labberig, ihre Wohnung ein Chaos. Mit bildreichen Flüchen und respektloser Direktheit sagt sie ihrem
Chef auch gern, was Sache ist, und holt ihn aus luftigen Gefilden zurück auf den Boden der Wirklichkeit.

Ihr Personal steht fest. Aber woher nimmt sie die Ideen für die immer neue Handlung? „Es kann eine Zeitungsnotiz sein, ein zufällig mitgehörtes Gespräch oder eine selbst gestellte Herausforderung: Gelingt es mir zum Beispiel, einen Roman über Kidnapping zu schreiben? Oder wie ist es möglich, dass ein guter Mensch zum Mörder wird, indem er einen ebenfalls guten Menschen tötet? Welche Umstände, welche Motive liegen einer solchen Tat zugrunde?“

Mit Gummistiefeln und Laptop
Elizabeth George hat eine Wohnung in London, in South Kensington, und für jeden Roman fährt sie nach England, manchmal dreimal. „Ich mache alle Orts-Recherchen selber. Und ich mache sie alleine. Begleitung würde mich stören.“ Mindestens zwei Wochen lässt sie sich Zeit, um mit dem Ort vertraut zu werden. Bei ihren Streifzügen durch die potenziellen Schauplatzgegenden, Yorkshire oder Guernsey, Kent oder die Highlands, hat sie Kamera und Aufnahmegerät dabei, sucht und findet winzige
Dörfer, verlassene Häuser und einsame Windmühlen, die sie inspirieren. Täglich werden Fotos und Notizen in den Laptop übertragen. Zu Hause sichtet sie dann das ganze Material, schiebt Abbildungen hin und her, sortiert um und aus. „Am Schreibtisch verwandelt sich dann der Ort durch die Magie der Worte in den Schauplatz.“ Während der Schreibphase fährt sie noch einmal los, um Details nachzuprüfen.

Typisch George und doch anders
In ihrem neuen, 13. Roman „Wo kein Zeuge ist“ wird das Ermittler-Duo Lynley und Havers mit seinem bisher härtesten und brutalsten Fall konfrontiert. In London sind vier halbwüchsige Jungen ermordet worden, an unterschiedlichen Orten, innerhalb von drei Monaten. Die ersten drei Opfer hat niemand vermisst, sie blieben namenlos, und mit dem vierten Leichenfund wird überhaupt erst klar, dass es sich um Ritualmorde eines Serienkillers handeln könnte. Hochbrisant und politisch heikel ist die Hautfarbe der Opfer. „Nur das jüngste Opfer war weiß. Eines der drei früheren war schwarz, die anderen beiden gemischtrassig. Schwarz und asiatisch vielleicht. Schwarz und philippinisch. Schwarz und Gott allein wusste was, dachte Barbara. Laut sagte sie: Institutioneller Rassismus. Das werden sie uns nachsagen, oder? Unbedeutende Morde, kaum der Ermittlung wert, das werden sie sagen, sobald die Sache herauskommt.“

Natürlich kommt sie heraus und wird an die große Glocke gehängt. Trotz fieberhafter Ermittlungen ereignet sich ein fünfter Mord. Nur weicht dieser vom bisherigen Muster ab ... Zündstoff auch für Lynley und Havers: Barbara, wegen Unbotmäßigkeit im Dienstgrad zurückgestuft, ist zu öder Routinearbeit am Computer verdonnert. Zu Lynleys Ärger verfolgt sie allerdings eine eigene heiße Spur und stößt dabei auf eine undurchsichtige wohltätige Organisation für gefährdete Jugendliche.

Knapp 800 Seiten lang hält uns Elizabeth George in Atem. Es ist ihr bestes Buch: ein meisterhafter Balanceakt auf dem schmalen Grad zwischen schonungsloser Schärfe und Schrecken einerseits, beruhigender Vertrautheit und dem familiären Gleichmaß im Alltagstrott andererseits. Dieses Erzählmuster kennen wir aus all ihren Romanen. Doch diesmal fallen wir mit Lynley und Havers in den Abgrund: Es ereignet sich eine Tragödie, so traurig, schmerzhaft und bewegend, dass empfindsamen Seelen auch mal die Tränen kommen.

Die Thriller von Elizabeth George machen süchtig, und so ist es kein Wunder, dass sie inzwischen alle formidablen „Ladies of Crime“ überrundet hat. Sämtliche ihrer Bücher wurden von der BBC verfilmt und weltweit ausgestrahlt. Bei uns liefen sie zur verlängerten „Prime Time“, am Sonntag gleich nach dem „Tatort“, im ZDF. Die Serie war so erfolgreich, dass Elizabeth George mit dem Schreiben nicht nachkam. So hat die BBC die Rechte an ihrem „Dauerpersonal“ erworben und eine neue Staffel mit vier Filmen produziert, die von George streng überwacht und abgesegnet wurde. Auch bei uns wurde die Staffel ausgestrahlt, und zahlreichen Zuschauern mag aufgefallen sein, dass Lynley schon mal Jeans trägt, Barbara nicht mehr ganz so wurschtig herumläuft, öfters die Klappe hält, hübscher aussieht. Zwischen Lynley und Havers herrscht ein milderer Umgangston, und man sichtet sogar einen tröstlich um die Schulter gelegten Arm. Die beiden werden doch nicht etwa …?

Garantiert nicht. Denn das so reizvolle Konfliktpotenzial basiert nicht auf einer möglichen Lovestory, sondern auf den Klassenunterschieden, ihren Ausprägungen und Erscheinungsformen. Es geht um class und crime – ein reiches Feld für Ironie, Fettnäpfchen, heitere Skurrilitäten und konträre Verhaltensweisen. Für die Briten bietet sich auch die immer willkommene Spiegelung ihrer eigenen Befindlichkeiten.

Geht es nach dieser Tragödie überhaupt weiter mit Lynley und Havers? „Ich wusste schon immer, dass dieser dramatische Einschnitt kommen wird“, antwortet Elizabeth George. „Aber damit habe ich unzählige Möglichkeiten gewonnen, um neue Konstellationen zu schaffen.“ Das klingt nach einem immerwährenden, endlosen Roman. Ein großes Versprechen einer großartigen Autorin.

vita
Elizabeth George wurde 1949 in Warren, Ohio, geboren, hat Englische Literatur und Psychologie studiert. Sie unterrichtete als Lehrerin und Professorin, gab Seminare und Kurse für Kreatives Schreiben. Seit ihrem Debüt 1988 („Gott schütze dieses Haus“) hat sie unzählige Preise erhalten und bis heute 13 Kriminalromane geschrieben. Daneben hat sie das Schreiben selbst thematisiert: Talent, Leidenschaft, Disziplin als notwendige Eigenschaften für eine literarische Karriere („Wort für Wort oder Die Kunst, ein gutes Buch zu schreiben“, 2004). George lebt mit ihrem zweiten Mann in Seattle. Demnächst zieht sie in ihr neues Haus auf Whidbey Island im Staat Washington.

Ingrid Nowel

Titel
Elizabeth George
Wo kein Zeuge ist
Blanvalet Verlag - 22,95 € (D) / 23,60 € (A) / 40,20 sFr
Format: ca. 800 S.
ISBN: 3764501650
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