Romane

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04.07.2006

Big Benn und B.B.

Sie waren Nachkriegsdeutschlands Dichter-Galionsfiguren: 2006 jährten sich die Todestage von Gottfried Benn und Bertolt Brecht zum 50. Mal.

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In ihren Anzügen sollt ihr sie erkennen. Anfang der 1950er Jahre waren Gottfried Benn und Bertolt Brecht Institutionen, literarisch, auch gesellschaftlich. Ihr Wort hatte Gewicht. Der eine gab im Westen des geteilten Deutschlands und seiner geteilten Hauptstadt den Sound vor, der andere residierte in Ost-Berlin, machte engagiertes Theater und versuchte, gegen den allmählich frostiger werdenden Kalten Krieg Zeichen zu setzen.

Der eine – Benn – ließ sich grundsätzlich wie aus dem Ei gepellt fotografieren. Am massigen Leib ein edler Zweiteiler in gedeckten Farben, korrekt gebunden die Krawatte, das spärliche Haar streng nach hinten gekämmt, auf dass der Schädel noch titanenhafter zum Ausdruck komme, so saß er aufrecht und mit starrer Miene vor seiner Bücherwand. Der andere – Brecht – lümmelte dagegen schon mal vor einem profanen Bretterverschlag und blinzelte, den Zigarrenstumpen im Mundwinkel, listig hinter der Brille hervor. Ein knittriger Kragen ist zu sehen und darüber eine Joppe aus grob gewirktem Stoff.

Hier der Herr, dort der Proletarier. Unterschiedlicher hätten Dichter damals nicht auftreten können. Gegensätzlicheres als Benn und Brecht waren in der Frühphase der beiden deutschen Republiken in der Tat kaum denkbar. Die beiden standen nicht allein für ihre Bücher, sie standen Lagern vor. Die Wertkonservativen auf der einen Seite, die Weltverbesserer auf der anderen.

Dabei begannen die literarischen Karrieren von Benn und Brecht gar nicht so abweichend voneinander. Benn, am 2. Mai 1886 im brandenburgischen Dorf Mansfeld als Sohn eines protestantischen Pfarrers geboren, machte 1912 mit der expressionistischen Lyriksammlung „Morgue“ Furore. Diese schockartigen Gedichte, in denen Leichenberge und Krebsgeschwüre das einzig noch Wachsende sind, machten den jungen Arzt mit einem Schlag berühmt. Von Benns illusionslosem und respektlosem Ton hat sich der Kleinbürgerspross Brecht, der bereits als Schüler wusste, dass er nichts als Schriftsteller werden wollte, einiges abgeschaut. Als er 1927 seine Gedichte unter dem Titel „Hauspostille“ veröffentlichte, stand nicht nur Rimbaud, sondern auch Benn Pate.

Doch 1927 war für beide bereits eine Menge passiert. Benn hatte als Sanitätsarzt den Krieg hinter sich gebracht und eine Praxis für Haut- und Geschlechtskrankheiten in Berlin eröffnet. Seine erste Frau Edith war gestorben, und der literarische Erfolg hatte ihn verlassen. Brecht hingegen, dem am 10.2.1898 geborenen Wunderkind aus Augsburg, gelang alles. Seine Textmaschinerie lief im Takt der wilden 20er Jahre auf Hochtouren. Insbesondere die „Dreigroschenoper“ erwies sich als Riesenerfolg. Dann wurden die Zeiten härter. Die Schriftsteller hatten sich zu positionieren. Brecht entdeckte für sich den Marxismus, seine Literatur wurde laut Biograf Werner Mittenzwei zum „Gesellschaftsexperiment“. Benn andererseits sah sich in seiner pessimistischen Weltsicht und fatalistischen Welthaltung bestätigt. 1929 schrieb er: „Die Geschichte ist ohne Sinn, keine Aufwärtsbewegung, keine Menschheitsdämmerungen, keine Illusionen mehr darüber, kein Bluff …“

Benn und Brecht, ohne dass sie je etwas direkt miteinander zu tun gehabt hätten, waren zu Gegenspielern geworden. Und sie wurden es mit noch größerer Konsequenz, als die Nationalsozialisten die Macht an sich rissen. Für Brecht gab es fortan nur eins: den Kampf gegen die Braunen („Adolf Hitler, dem sein Bart / Ist von ganz besondrer Art. / Kinder, da ist etwas faul; / Ein so kleiner Bart und ein so großes Maul.“). Benn hingegen – geschmeichelt, endlich Anerkennung zu erfahren – diente sich den Nazis an. In seiner Funktion als Mitglied der Preußischen Akademie der Künste diffamierte er jüdische Autoren und wetterte gegen die Emigranten. Zu denen gehörte ab 1933 auch Brecht. Seine Flucht führte ihn durch halb Europa und schließlich in die USA. Für Benn wurde es ebenfalls ungemütlich. Sein Nihilismus, vordergründig auch sein semitisch klingender Nachname waren Anlass für Anfeindungen. Von 1938 an erhielt er Schreibverbot. Da war er bereits seit drei Jahren Oberstabsarzt bei der Wehrmacht. Seinen freiwilligen Wechsel zum Militär bezeichnete er als „aristokratische Form der Emigration“. Aus dieser tauchte Benn nach dem Krieg phönixgleich auf. Allein 1949 erschienen vier Bücher. Zwei Jahre später gab es mit dem Büchner-Preis die höchsten literarischen Weihen. Mit seinen „Statischen Gedichten“ hatte er den Nerv getroffen: Zu verkünden, das Leben sei eine Scheußlichkeit, die aber mit Anstand zu ertragen sei, gab er der Täter-Nation eine Haltung vor, die es erlaubte, mit der unseligen Geschichte fertig zu werden.

Für Brecht wäre dergleichen einer Kapitulation seines Menschseins gleichgekommen. Sein Ziel war eine Gesellschaft, in der „der Mensch dem Menschen ein Helfer ist“ („An die Nachgeborenen“). Um diesen Prozess voranzutreiben, machte er Theater. Im Herbst 1949 gründete er mit seiner Frau Helene Weigel das Berliner Ensemble. Dieses als moralische Anstalt zu führen, war Brecht Hauptaufgabe bis zu seinem Herzinfarkt-Tod am 14. August 1956. Fünf Wochen zuvor, am 7. Juli, war sein Gegenspieler Gottfried Benn an Knochenkrebs gestorben.

Peter Zemla

Titel
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Format: 544 S.
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Format: 235 S.
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Format: 289 S.
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