Literatur-Nachrichten

Kammerspiele des Scheiterns

Vergeblichkeit und Einsamkeit sind seine Themen: Mit Richard Yates ist ein amerikanischer Klassiker der Moderne wiederzuentdecken.

Sie hassen ihre Arbeit, trinken zu viel und träumen von besseren Zeiten. Richard Yates’ Figuren schlingern zwar dem Untergang entgegen, halten aber hartnäckig fest an ihren Illusionen. Yates, einer der Vergessenen der amerikanischen Literatur, wird bei uns gerade wieder entdeckt. Zu unserem Leseglück, denn Yates’ Sätze sind so makellos wie sorgsam geschliffene Diamanten. Zudem begleitet seine Prosa-Kammerspiele des Scheiterns ein unterschwelliges Vibrieren, das einen als Leser nicht ruhen lässt. 1961 war die amerikanische Literaturszene von diesem eigentümlichen Vibrieren kurzzeitig elektrisiert. Yates, der damals 35-jährige Werbetexter, hatte seinen ersten Roman vorgelegt: „Revolutionary Road“, auf Deutsch „Zeiten des Aufruhrs“. Besagte Straße liegt in einer New Yorker Vorstadt, die mit ihren schmucken Einfamilienhäusern, den Veranden und Garagen den Anschein erweckt, als stamme sie aus der Modelleisenbahnschachtel. Hier wohnt die junge Familie Wheeler mit ihren Kindern und ihren netten Nachbarn. In Wirklichkeit wohnen hier Lüge, Selbstbetrug und die Sehnsucht als die von allen verleugnete Untermieterin. Wie mit dem Skalpell legt Yates Schicht um Schicht frei. Während April Wheeler sich der Illusion hingibt, eine verkappte Schauspielerin zu sein, redet sich ihr Mann Frank beim allabendlichen Whiskey ein, er könnte seinen drögen Schreibtischjob jederzeit hinschmeißen und als Schriftsteller arbeiten. Dafür ist es längst zu spät. Die Hoffnung der Wheelers, aus dem bleiernen Stillstand ihrer Bürgerlichkeit auszubrechen und ein unkonventionelles Künstlerleben zu beginnen, ist nur mehr eine Chimäre. „Zeiten des Aufruhrs“ rüttelt an den Grundfesten des amerikanischen Traums. Der Roman schlug in den USA mächtig ein und wurde für den National Book Award nominiert. Plötzlich war Yates in aller Munde, der Mann, 1926 in Yonkers im US-Bundesstaat New York geboren, der nach der High School zur Armee ging, im Zweiten Weltkrieg in Frankreich kämpfte und lungenkrank aus dem Krieg heimkehrte. Lange hielt die Begeisterung allerdings nicht vor. Yates war der falsche Mann zur falschen Zeit: kein Everybody’s Darling wie Truman Capote, kein Lautsprecher wie Norman Mailer. Yates versilberte seinen Ruhm kurzzeitig als Redenschreiber für Robert Kennedy – und verfasste sechs weitere Romane und zwei Bände mit Erzählungen. An den Erfolg seines Debüts konnte er nie mehr anknüpfen. Er blieb – ähnlich wie J. D. Salinger oder Joseph Heller – ein One-Shot-Autor. Doch er wirkte stilbildend für zahlreiche Schriftsteller nach ihm. Die Vorort-Scheinheiligkeit eines John Updike, die bissige Kälte eines Richard Ford wären vielleicht nicht möglich gewesen ohne die Schneise, die Yates ihnen literarisch geschlagen hat. Schon gar nicht die ungemein präzise Erzählweise der modernen amerikanischen Shortstory, die vor allem zwischen den Zeilen stattfindet. Neben John Cheever gilt Richard Yates als Vorreiter dieser Gattung, die ein Raymond Carver Jahre später zur Meisterschaft geführt hat. Der Band „Elf Arten der Einsamkeit“, 1962 im Original erschienen, macht den deutschen Leser erstmals mit Yates’ kurzer Form bekannt. Junge Büroangestellte, Kriegsversehrte, Lehrerinnen: Wie die Figuren in „Zeiten des Aufruhrs“ steht auch das Personal dieser Geschichten unter dem Stern der Vergeblichkeit. Grace und Ralph etwa. In „Alles, alles Gute“ erleben wir sie am Vorabend ihrer Hochzeit. Die letzten Stunden des Junggesellenseins machen ihnen klar, dass sie nicht füreinander geschaffen sind. Die Kraft, sich das einzugestehen, haben sie nicht. So klingt das abschließende „Ich werd’ da sein“, das Grace ihrem Bräutigam mitgibt, wie das resignierte Fazit für die kommenden verpfuschten Jahrzehnte. „Wenn meine Arbeit ein Thema hat“, erklärte Yates einmal, „ist es vermutlich ein einfaches: dass die meisten menschlichen Wesen unentrinnbar allein sind und dass darin ihre Tragödie liegt.“ Der Vater dreier Töchter war selber zweimal geschieden. Er starb 1992 im Veterans Administration Hospital in Birmingham, Alabama, an Tuberkulose.

Peter Zemla

Titel

  1. Elf Arten der Einsamkeit
    • VerlagDVA
    • ISBN 3421058598

    bestellen

  2. Zeiten des Aufruhrs
    • VerlagManesse
    • ISBN 3717520865

    bestellen

Kommentar schreiben

Wie in Foren üblich werden sexistische Äußerungen, persönliche Beleidigungen, Drohungen, Diskriminierungen, antisemitische und rassistische Aussagen und jede Art von strafbaren Äußerungen entfernt. Bitte diskutieren Sie sachlich und in freundlichem Ton. Netiquette
Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

Ihr Kommentar

(E-Mail wird nicht veröffentlicht)

Bitte geben Sie diese Buchstabenfolge hier noch einmal ein:. Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination. TIPP: Zwischen Klein- und Großbuchstaben müssen Sie nicht unterscheiden.

* Pflichtfeld