Literatur-Nachrichten

Geschichte vom König der Züge – Die Kondomwolke

Von Rolf Bernhard Koch

Der König saß - wie jeden Tag - in der Bahnhofsgaststätte,

schlürfte schwarzen Tee und machte sich ansonsten Gedanken um gar nichts.

Am Spätnachmittag trafen sich dort - wie jeden Tag - die Huren aus der Nachbarschaft,bevor sie zur Arbeit gingen.

Wie an jedem Tag schrien sie Morddrohungen gegen brutale Zuhälter, perverse Kunden und die Lehrer ihrer Kinder an den erblindenden Spiegel hinter dem Tresen.

 

Der König beschloß, zum Bahnhof zu gehen.

Dort hatte der dicke Bahnangestellte Dienst, der die Opfer der Mafia von den Gleisen holt, die diese dort gefesselt ablegt, um sie vom IC nach Stralsund überfahren zu lassen. Bisher war allerdings noch nie jemand überfahren worden, was sich positiv auf die Statistik traumatisierter Lokführer auswirkte.

Der König hoffte, selbst einmal jemanden retten zu können – eine hübsche Blondine vielleicht. Außerdem hatte der dicke Bahnangestellte immer Kuchen dabei.

Als der König zum Bahnhof kam, telefonierte der Mann jedoch. Er hatte einen roten Kopf und war noch dicker als sonst. Vielleicht war sein Vorgesetzter ein Mitglied der Mafia und hatte herausgefunden, daß sein Angestellter die Opfer befreite.

Dem war aber nicht so. Der Kollege von der Nachtschicht ging in Rente und der dicke Bahnangestellte mußte jetzt auch noch nachts arbeiten. Der König fand das nicht schlimm. Was konnte es denn Schöneres geben, als Tag und Nacht den Zügen hinterherzusehen.

Solange der dicke Bahnangestellte telefonierte, mochte der König das Fahrdienstleiterbüro nicht betreten. So schlenderte er die Gleise entlang, schaute aufmerksam nach links und rechts in der Hoffnung, ein Opfer der Mafia zu erspähen.

Leider waren weder eine Blondine noch ein Herr im grauen Anzug an die Gleise gekettet. Der König war etwas enttäuscht. Da hörte er das Ticken. Etwas tickte. Der König schaute sich um, ob eine der Bahnsteiguhren tickte - diese aber waren elektrisch und tickten nicht. Er bewegte sich unauffällig in die Richtung, aus der das Ticken kam - dann sah er die Bombe!

Ein Sprengsatz, verborgen in einer Getränkeflasche der Sorte Kräuterbranntwein, die Leute trinken, nachdem sie schwer verdauliche Speisen gegessen haben. Manche trinken diesen Branntwein sogar vor dem Essen, um sich so die Kosten für die Mahlzeit zu sparen.

Wie dem auch sei - das Ticken wurde lauter und der König wäre gerne in Panik geraten. Als Staatsoberhaupt hatte er jedoch Vorbildfunktion und konnte sich das nicht erlauben. Auch ein Herzanfall oder eine Ohnmacht wären der Öffentlichkeit gegenüber niemals zu rechtfertigen gewesen. Er überlegte fieberhaft. Das Ticken wurde zunehmend lauter - sicherlich blieben ihm nur noch wenige Minuten oder gar Sekunden, um zu handeln.

Der König rannte zum Fahrdienstleiterbüro, aber der dicke Bahnangestellte telefonierte immer noch. Nach seiner Hautfarbe zu urteilen war er am Rande eines Schlaganfalls, weshalb es dem König nicht ratsam erschien, ihn mit einer drohenden Bombenexplosion zu konfrontieren.

Kurzentschlossen eilte der König über die Straße in die Bahnhofsgaststätte und alarmierte die Huren, die immer noch Verwünschungen und Morddrohungen ausstossend am Tresen versammelt waren. Sie ergriffen ihre Handtaschen und stürzten hinter dem König her zum Bahnhof, vorbei an dem telefonierenden Bahnangestellten auf den Bahnsteig und zu der Stelle, wo die Bombe jetzt immer lauter tickte, so als wollte sie selbst verzweifelt um Hilfe rufen. Die Angelegenheit drohte zu eskalieren.

An der Bombe angekommen, rissen die Huren ihre Handtaschen auf, holten alle Kondome heraus die sie in der Eile ergreifen konnten – der König war erstaunt über die gewaltige Anzahl - und warfen diese auf die in ihrer Verzweiflung immer schneller tickende Bombe (sie hatte wohl erkannt, dass sie ihren Auftrag nicht würde erfüllen können).

Im Handumdrehen bedeckte eine geballte Ladung feinstes Gummi den Sprengkörper in der Magenbitterflasche. Es war buchstäblich in letzter Sekunde!

Mit entsetzlichem Getöse entlud sich die Bombe in eine gewaltige Eruption. Der König und die Huren wurden in das nahestehende Wartehäuschen und zusammen mit diesem in einen dahinter gelegenen Schrebergarten geschleudert. Der Besitzer (möglicherweise hatte er das Anwesen auch nur gemietet) verlor zwei Schneidezähne, weil er im Augenblick der Explosion gerade eine Bierflasche an den Mund führte. Glücklicherweise trug ansonsten niemand nennenswerte Verletzungen davon, weil in dem Anwesen schon seit Jahren nicht mehr gemäht worden war und sich eine dschungelartige Vegetation entwickelt hatte, die in der Lage war, die auftretenden Kräfte entscheidend zu egalisieren .

Der mit Unmengen von Kondomen bedeckte Sprengkörper blies mit dem bei der Explosion entstehenden Druck die Präservative auf und so entstand die bisher einzige, aber deswegen nicht weniger gewaltige Kondomwolke, welche die Welt jemals gesehen hat. Der König war sehr beeindruckt.

Aufgeschreckt von der Geräuschentwicklung stürzte der dicke Bahnangestellte aus dem Fahrdienstleitergebäude und erlag - wie es zuerst den Anschein hatte - unverzüglich einem Herzversagen.

Glücklicherweise stellte sich das später als nicht ganz so dramatisch heraus und er konnte - wie es sein Vorgesetzter geplant hatte – von jetzt ab Tag und Nacht seinen Dienst versehen.

So nahm auch dieses Abenteuer ein gutes Ende.

 

Idee, Text und Zeichnungen: Rolf B. Koch

©Atelier Bild@Sprache/Rolf B. Koch

Alle Rechte vorbehalten - all rights reserved

4 Kommentar/e

1. Daniela 01.09.2016 13:34h Daniela

Kommentar an die Jury: Ich bin erstaunt und enttäuscht, dass es scheinbar auch in diesem Jahr (wie schon in 2015) keine Rolle bei der Beurteilung gespielt hat, um welche Art von Beiträgen es sich handelt. Ich kann leider kein einziges Merkmal einer Kurzgeschichte finden (trifft nicht nur hier zu). Wirklich schade. Vielleicht sollte das Wettbewerbsthema einfach lauten: Macht, was Ihr wollt.

2. Melanie 05.09.2016 20:18h Melanie

Zum angeblichen Nichtvorhandensein von Merkmalen einer Kurzgeschichte möchte ich dann doch folgende kurz anmerken:

-kurze Erzählform in Prosa (verwandt mit Novelle, Anekdote, Schwank etc.)
-strukturelle Offenheit
-unvermitteltes Einsetzen
-offenes Ende
-einschneidende Situation/Umbruchsituation im Leben eines Individuums
-punktuell-ausschnitthaft
-unerwarteter, pointierter Schluss
-....

3. Maria Ana 07.09.2016 09:57h Maria Ana

Verstehe den Kommentar von Daniela an die Jury nicht. Da sitzen mit Sicherheit keine Laien, die nicht wissen, welche Merkmale eine Kurzgeschichte aufweisen muss...

4. Daniela 07.09.2016 12:11h Daniela

Hallo zusammen,
ich empfehle "Das Brot" oder "Die Küchenuhr" von Wolfgang Borchert. DAS sind Kurzgeschichten. Voller Metaphern, keine erklärenden Ausführungen. Der Leser muss sein Urteil selber treffen, indem er "zwischen den Zeilen" liest.

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