Literatur-Nachrichten

Die Posaune Tut-ench Amuns

Von Melanie Winter

Ich komme wieder zu mir und meine nur kurz geschlafen zu haben, weil Klaus Lohne noch immer auf der Fensterbank sitzt und nach draußen sieht. Als ich eingenickt war, stand die Sonne außer Sichtweite oben am Himmel, aber jetzt glüht sie über dem Dach gegenüber und blendet mich.

Die Wunde in seiner Schulter hat sich nicht geschlossen, und die linke Brustpartie seines Oberhemds ist schon völlig durchnäßt. Aber obwohl die Kugel tief in seinem Körper sitzen muß, scheint er keine Schmerzen zu haben, er stöhnt nicht, klagt nicht. Fährt nur ab und zu mit der Zungenspitze über die Lippen. Blinzelt. Verfolgt alles, was unten auf der Straße passiert.

Weil er maskiert war, als er in die Bank kam, habe ich ihn nicht gleich wiedererkannt. Er schob mich zur Seite und bedrohte die Kassiererin mit seiner Pistole, warf ihr eine Sporttasche zu und forderte sie auf, sie mit Geldscheinen zu füllen. Sie gehorchte wortlos.

Er war schon auf dem Weg zum Ausgang, als ich das Martinshorn hörte. Sehr nahe schon. Klaus drehte sich um, griff nach meinem Arm und zog mich mit sich durch die Tür nach draußen. Da hielt auch schon der Streifenwagen, und weil er sich auf eine Schießerei mit den Beamten einließ, versuchte ich mich auf den Boden zu werfen, aber er riß mich einfach hoch und schob mich vor sich her in die Gasse neben der Bank. Dabei stolperte er und verlor die Tasche mit dem Geld, ließ sie aber liegen und eilte weiter. Am Ende der Gasse zog er die Skimaske vom Kopf und warf sie weg. Ich hoffte, er würde mich bald loslassen, um sich davon zu machen, aber als wir uns unter die Passanten in der Hauptstraße mischten, wurde er nur langsamer. Da sah ich ihn zum ersten Mal richtig an und erkannte ihn. Sein festes rotes Haar, die fast vornehme Blässe. Die kräftige, gedrungene Figur. Schon in der Bank hätte mir seine Stimme auffallen müssen, die rauhen, näselnden Laute, die er von sich gab, als er die Kassiererin anschnauzte. Ich kannte sonst niemanden, der so sprach.

Ich führte ihn zu meinem Wagen am Marktplatz, öffnete und stieg ein, er setzte sich auf die Rückbank und drückte mir den Lauf seiner Pistole in den Nacken. Befahl mir in die Südstadt zu fahren, in ein schäbiges Viertel mit tristen Mietskasernen aus der Vorkriegszeit. Während der Fahrt fragte ich mich ständig, ob er mich auch wiedererkannt hatte, obwohl mir das sehr unwahrscheinlich schien, weil ich damals schon, als ich mit ihm in Asbach zur Schule ging, ein sehr unscheinbares Wesen war. Weder hübsch noch häßlich, weder mager noch kräftig, weder blond noch brünett. Nichts an mir hebt mich von der breiten Masse ab, sogar meine Art zu sprechen und mich zu bewegen ist ganz gewöhnlich.

Ich hielt vor einem mehrstöckigen Bau mit Graffiti- und lehmbeschmierten Wänden, mußte Klaus den Autoschlüssel übergeben und ihn ins Haus begleiten. Über den Treppenaufgang, wo es nach Abfall und kalten Küchendunst stank, ging es in den dritten Stock. Dort schloß er eine Wohnung auf und stieß mich hinein, schob mich den Flur entlang in das Wohnzimmer. Als er die schwarze Nylonjacke auszog, sah ich, daß er verletzt war. Blut quoll aus einer Wunde in seiner linken Schulter und hatte den hellen Stoff seines Oberhemds tiefrot gefärbt. Aber er kümmerte sich nicht darum, warf die Jacke auf den Boden und setze sich mit der Pistole auf die breite Fensterbank, um von dort aus die Straße im Auge zu behalten.

Der Raum war spärlich möbliert, mittendrin ein zerschlissenes grünes Sofa und zwei Sessel, dazwischen ein mit Brandflecken übersäter Holztisch. Ein Bücherregal stand an der Wand, darin Pappschachteln und ein Stapel Zeitschriften. Keine Teppiche und keine Vorhänge, nicht einmal eine Fotografie aus besseren Tagen. Klaus befahl mir, mich aufs Sofa zu setzen und steckte sich eine Zigarette an. Während ich darauf wartete, was als nächstes geschehen würde, schlief ich unvermittelt ein.

Klaus raucht wieder, als ich zu mir komme, sieht mich an und fragt, ob ich Hunger hätte. Ich schüttele den Kopf, erstarre aber. Damals, als er nachmittags zu uns kam, um mit mir die Hausaufgaben zu machen, hat meine Mutter ihn immer gefragt, ob er hungrig wäre, weil sie wußte, daß es bei ihm nichts gab, bis sein Vater abends heimkam. Also machte sie ihm eine heiße Suppe und einen Teller mit belegten Broten, die er in Windeseile verdrückte. Er war ein miserabler Schüler und machte die Hausaufgaben nur, damit sein Vater ihn nicht verprügelte, und zu mir kam er nur, weil ich in der Nähe wohnte und bereit war, meine dürftigen Kenntnisse mit ihm zu teilen. Seine Mutter sei bei seiner Geburt gestorben, erzählte er einmal, aber alle wußten, daß sie mit einem Kerl durchgebrannt war und sich nie wieder bei ihm und seinem Vater hat blicken lassen. Konnte also aus seiner Sicht genausogut tot sein. Den Schulabschluß hat er mit Mühe geschafft und ist dann auf der Suche nach einer Lehrstelle mit seinem Vater nach Koblenz gezogen. Ich bin ihm nie wieder begegnet. Zwanzig Jahre sind seitdem vergangen, und in dieser Zeit habe ich keinen Gedanken an ihn verschwendet.

Er hat die Arme um die angewinkelten Beine geschlungen, sicher friert er wegen des Blutverlusts, zittert heftig und hat Mühe die Augen aufzuhalten. Als er mich bittet, ihm etwas zu trinken aus dem Kühlschrank zu holen, stehe ich auf, meide aber seinen Blick, der nun hektisch ist und unablässig an mir haftet.

In der Küche sieht es schlimm aus, schmutziges Geschirr und mit Essensresten verkrustete Töpfe und Pfannen türmen sich in der Spüle, eine Kiste mit zerbrochenem Spielzeug und einem abgewetzten Fußball steht auf der Waschmaschine. Im Kühlschrank finde ich eine halbleere Flasche Cola, im Schrank darüber ein Trinkglas. Das abgestandene Zeug plätschert wie Leitungswasser aus der Flasche.

Seine Hand schwankt, als er das Glas nimmt, und ein starker Geruch frischen Blutes steigt bei der Bewegung auf. Die Pistole liegt achtlos vor ihm, und mit einem gezielten Griff könnte ich sie an mich nehmen. Aber wozu? Bislang ist alles gutgegangen, und es scheint dumm, die Gewaltbereitschaft meines Geiselnehmers herauszufordern, der entnervt und am Ende seiner Kraft, zu allem fähig sein könnte.

Als er das Glas geleert hat, sagt er plötzlich: „Wo kommst du eigentlich her?“ Ich zögere, will lügen und wage es doch nicht.

„Aus Asbach im Westerwald.“

„Kenne ich“, sagt er. „Hab früher auch da gewohnt. War eine schöne Zeit. 
  
Manchmal wenigstens.“

Er stöhnt leise, als er das Glas abstellt, weil die kleine Bewegung irgendeinen Schmerz auslöst. Sein rotes Haar glänzt kupfern im rötlichen Licht der sinkenden Sonne, die jetzt mitten im Fenster vor uns schwebt.

„Du bist doch verheiratet“, sagt er mit Blick auf meinen Ehering. „Hast du auch Kinder?“

„Zwei Söhne“, erwidere ich. „Die uns viel Freude machen.“

„Ich hab noch nie jemanden Freude gemacht, glaube ich. Meine Frau ist vor fünf Wochen mit unserem Jungen abgehauen. Ohne ein Wort. Na ja, Worte haben wir vorher schon genug gewechselt, als man mich wieder gefeuert hat“, sagt er und lacht verlegen. Wie damals als meine Mutter mit der Suppe und den belegten Broten anrückte. „Weißt du, ich kann richtig zupacken, mir den Arsch bis zum Stehkragen aufreißen, aber ich halte es nirgendwo lange aus. Zwei, drei Monate, dann lege ich mich mit dem Chef an, weil mir irgendwas nicht in den Kram paßt. Blödheit ist das, wird aber nur schlimmer, wenn ich es nicht loswerde. Nur läßt sich keiner das lange bieten, und dann bist du ganz schnell draußen. Nicht mal beim Straßenbau wollte man mich noch haben, wo du erst den Polier mit Pflastersteinen bewerfen mußt, bevor man dir die Papiere gibt.“ Er seufzt und drückt seine Wange gegen die Fensterscheibe, als wollte er sie daran kühlen. „Sollte zum Seelenklempner hat Rike jahrein, jahraus gepredigt. Dabei hat alles ganz gut geklappt, als der Junge kam, und ich dachte, wir hätten es geschafft. Nun sind sie fort, und da verfiel ich auf die Idee mit dem Bankraub. Stellte mir vor in Mexiko unterzutauchen. Mit einer Hütte am Meer und einem kleinen Boot. Fischen für den Rest meines Lebens. Aber wie du siehst, ist auch das gründlich schiefgegangen.“ Er räuspert sich und fixiert mich mit nunmehr glasigen Augen. „Kennst du die Sache mit Tut-ench Amuns Posaune?“

Erstaunt erwidere ich seinen Blick, weil es mir seltsam vorkommt, daß einer wie Klaus weiß, wer Tut-ench Amun gewesen ist.

„Bei den Schätzen in seiner Grabkammer befand sich eine silberne Posaune. Das war 1923. Sechzehn Jahre später beschloß man sie endlich mal auszuprobieren. Man bereitete eine Tonaufnahme vor und bestellte einen Posaunisten. Zwei Töne brachte er zustande, zwei herrliche, reine Töne – einen tiefen und einen hohen. Dann zersprang die Posaune in tausend Stücke.“

Er lächelt und greift in die Brusttasche seines Oberhemds. Zieht den Wagenschlüssel mit zittrigen Fingern heraus und legt ihn zu der Pistole auf die Fensterbank.

„Ich bin sehr müde“, murmelt er.

„Du stirbst. Wenn du nicht ins Krankenhaus gehst, wirst du sterben.“

„Weiß ich. Ist aber egal.“

„Egal? Sterben ist dir egal?“

„Eigentlich nicht, aber wenn du nichts mehr hast, was dir genommen werden kann, fragst du dich, was das Ganze soll. Stimmt’s?“

Ich überlege, weiß aber nicht, was ich antworten soll, und womöglich gibt es auch nichts, das jetzt Wert wäre, gesagt zu werden.

„Ich hab noch eine Bitte“, sagt er. „Könntest du dich wieder aufs Sofa setzen? Nur solange, bis ich schlafe. Dann kannst du nach Hause fahren. Oder zur Polizei gehen. Würdest du das für mich tun?“

Ich nicke zögerlich und setze mich auf das zerschlissene grüne Sofa. Die Sonne hat ihren Lauf beendet und einen metallisch glänzenden Abendhimmel zurückgelassen. Irgendwann legt Klaus den Kopf auf die Knie, spricht nicht, gibt überhaupt keinen Laut mehr von sich. Und als draußen die Straßenbeleuchtung aufflammt und das Zimmer in strenge Rauten von hell und dunkel aufteilt, stehe ich auf und nehme den Wagenschlüssel vom Fensterbrett. Ohne zu wissen warum, lege ich meine Hand auf Klaus Lohnes Kopf und berühre sein festes, rotes Haar. Dann gehe ich zur Wohnungstür und verlasse das Haus. 

1 Kommentar/e

1. Falk Winter 02.09.2016 09:23h Falk Winter

Eine einfach wunderbare fesselnde Geschichte. 2 Daumen hoch.

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