Literatur-Nachrichten

Das erste Leben folgt immer nach dem Zweiten

Von Celia Schmidt

Das Baby schrie. Bäng. Bäng. Rataratarata. Grrrrrr. “Hey, ich bin direkt hinter dir! Achtung, er kommt von der Mauer!“ Boff. In Windeseile jagten seine Fingerspitzen über die Tastatur, klickten Zeige- und Mittelfinger auf den Tasten der Mouse. Er starrte gebannt auf den Bildschirm. In seinen Ohren dröhnten Schüsse, Explosionen, hetzende Schritte und Kreischen, dumpfes Schlagen und Fallen im hallenden virtuellen Raum. Dazwischen die Befehle, Kommentare der Anderen – vernetzt mit sechs Kumpels verteilt über Deutschland. Sie kannten sich nicht. Jede Nacht trafen sie sich am Computer, zockten durch bis zum Morgengrauen. Ein Heidenspaß! Er rückte am Headphone, verschob die Baseball-Cap mit dem üblichen ‚NYC’ – New York City - vorn eingenäht schräg zur Seite. Die Spannung brachte den Kick. Unberechenbar, wie die Anderen reagierten. Abknallen. Jagen. Verfolgen. Sprengen. Gefahr für das eigene Team. Attacke. Blut spritzte. Die Zahlen der Opfer summierten sich. Schneller sein. Noch schneller. Seine schmale Gestalt beugte sich über dem PC-Tisch. Konzentriert. Unbeweglich. Sein Gesicht eine Maske, bleich, hohle Wangen, scharfe Linien von der Nase zum Kinn. Starr die hellblauen kühlen Augen. Er war noch jung - eigentlich. Anfang dreißig. Mager, weil ohne Gefühl für das Essen. Sein Magen krampfte sich häufig, er erbrach, was er gerade zu sich genommen. Gegen die Schmerzen halfen manchmal die Kautabletten. Am besten mit Bier heruntergespült. Manchmal quälte ihn Durchfall, bohrende Messerspitzen im Bauch. Krämpfe. Übelkeit. Kopfschmerz. Er rauchte viel. Nur nicht während er spielte, aber davor und danach. Das brauchte er. Hinter ihm brannte noch Licht. Punktstrahler im Flur. Der kräftige Schein, der das Zimmer erhellte, kam vom Monitor her. Hektisch knallte er seine Befehle in die Welt, die reale, die virtuelle. Er wollte siegen. Sein Rücken war verspannt und schon krumm. Die Muskulatur seines Körpers schwach ausgeprägt. ‚Ja, ich bin süchtig nach dem nächtlichen Spielen’, würde er sagen, fragte man ihn. Er gäbe es zu, ohne Probleme. Und fügte eine lockeres ‚Na und?’ hinterher. Heute wieder Ballerspiel. Mit Leuten, die er wohl nie persönlich kennen lernen würde. Sie wechselten manchmal, schieden aus, neue kamen ins Spiel. Aber darauf kam es nicht an. Ab und an entlud sich ein heftiger Ehekrach. Seiner Frau reichte schon lange die Leidenschaft ihres Mannes. Sie liebte ihr erstes Leben. Das reale, das zum Anfassen, das in der Natur, auf dem Spielplatz, mit anderen Müttern und Freunden, sich unterhalten, zusammen lachen, Spaß haben mit ihren Kindern. Lange Spaziergänge mit den beiden Hunden am Ufer des heimischen Flüsschen. Während er schlief. Erschöpft. Mit dumpfem Schädel. Er spielte sein Spiel. Mechanisch akkurat. Gedanken formten sich irgendwo in seinem Unterbewusstsein, in seinem Hinterkopf. Nicht wirklich. Das Baby schrie.

 Second World im Cyberspace. Neue Dimension für das Abtauchen in eine andere Welt, nur nicht die eigene leben. Schnell erfasste ihn das Virus technischer Machbarkeit. Er plante das Morgen. Mit anderen Leuten, nicht die von heute. Ein paar Frauen waren auch dabei. Krieg, Kampf, Schießerei, Vernichtung. Sie bauten sie auf ihre neue Welt und zerstörten sie wieder. Systematisch. Nach Regeln. Aushandeln. Einigen. Team bilden. Losschlagen. Das Baby schrie. Er freute sich darauf. Uff, nicht aufgepasst. „Du Vollidiot!“ Sein Kumpel feuerte eine Salve zotiger Schimpfwörter durch den Wire. Die Ohrhörer schepperten. ‚Der soll sich nicht so anstellen, macht selber Fehler.’ Er konterte geschickt und sackte wieder Pluspunkte ein, sprich: Leichen im Zählwerk. Zufrieden grinste er vor sich hin. Das Baby schrie. Das Baby? Er fühlte sich herausgerissen, warf Wortbrocken ins Minimikrofon, den Kopfhörer auf die Tastatur, stürzte fast in der Drehung hoch aus dem Bürostuhl auf Rollen und rannte in den Nebenraum, das Schlafzimmer. Hochrotes Gesichtchen. Erbrochenes roch spitz in der Nase. Er nahm das kleine Kerlchen in seine Arme. Schuldbewusst. Das passierte ihm immer wieder. Nachts, wenn er spielte und seine Frau bei der Arbeit war. Er beruhigte sein Söhnchen, wusch den Kleinen, zog einen neuen Strampler an, legte ihn wieder schlafen, sah nach seinen beiden größeren Söhnen im Kinderzimmer. Alles in Ordnung, sie ließen sich durch nichts in ihrem Tiefschlaf stören. „Ich bin wieder da“, gab er das Zeichen an das Team zum Weiterspielen. Sie orientierten sich neu und los ging’s.

 Seine Frau arbeitete in einem Call-Center. Nachtschicht. Service rund um die Uhr. Den flimmernden Bildschirm vor Augen. Das Headphone drückte leicht. Mit flinken Fingern über die Tasten. Ablesen von der Maske. Alles war vorgegeben. Klick. Klick. Mouse-Machine. Sie war froh über diesen Job. Er brachte das bitter benötigte zusätzliche Geld. Kindergeld, Sozialgeld ihres Mannes. Es reichte nicht. Hartz IV. Er hasste die Gänge zu den Ämtern. Rede und Antwort stehen müssen für seine Lebensgestaltung vor wildfremden Menschen, für die er nur ein ‚Fall’ war. Case-Management. Alles in ihm wehrte sich. Er füllte die Formulare aus, schickte Bewerbungen. ‚Bis zur Frührente.’ Zum Scherzen war ihm nicht zumute. Allzu oft hörte er diese Bemerkung. Von seiner Mutter. Von seiner Frau. Er verkroch sich nach innen. Blühte auf in seiner zweiten Welt, in die er hineinballern konnte, die er beherrschte. Er war gut im Spiel. Doch die Erste holte ihn immer wieder ein.

 Er lebte eigentlich ungern hier. Der Traum vom Häuschen im Grünen für die Kinder. Irgendwann musste er das mal angehen. Die Wohnung wurde zu eng. Die Jungs brauchten Platz zum Spielen. Zwei Zimmer mehr. Ein eigenes Zimmer für sich selbst. Er fühlte manchmal, dass er störte in seiner PC-Ecke neben dem abgedunkelten Fenster. Und ihn störten die Anderen. Ein Wohnzimmer ist für die ganze Familie da. Streit gab es häufig. Nicht nur deswegen. Wenn er seine Hungerattacken bekam, zum Kühlschrank ging und nichts war da, was er essen mochte. Er konnte ausrasten. Er brüllte sie an, pfefferte die Kühlschranktür zu, dass es innen und im Schrank darüber klirrte. Wut packte ihn. Die Frau und die Söhne mieden seine Nähe in diesen Augenblicken. Schon manches Mal erlitten sie Stöße, Schläge oder Tritte. Nachher tat ihm leid, wenn er sie weinen hörte. Er fühlte selbst nicht, wie er stieß, schlug oder trat. Er fühlte nur diese Wut. Gegen seine Frau. Vielleicht auch gegen sich selbst. War er allein, schlug er gegen irgendwas, die Einbauküche, die Wand, die Tür. Fühlte er den Schmerz an der Hand, dann war gut. ‚Zorn verraucht’, wie man so sagt. Langanhaltend böse reagierte er nur, wenn er verlor, wenn irgendwas nicht klappte beim Spielen mit seinen virtuellen Kumpeln. Avatare oder echte Menschen. Funktionieren musste, was er sich vornahm. Nach der Wut kam die Reue, er schwachte ab, resignierte, manchmal heulte er. Selten kam das vor, er war kein Looser im Spiel. Er versagte in der Wirklichkeit.

 Jede Geburt seiner drei Söhne brachte ihm selbst einen Schub. Er bewarb sich, jobbte, um für sie zu sorgen. Familienvater. Bis es nicht mehr ging – aus gesundheitlichen Gründen. Seine Leidenschaft fürs Zocken blieb. Früher die Spielkonsole, jetzt Internet. Er wusste, er war süchtig. Es störte ihn nicht. Es gehörte zu ihm. Seine Welt.

 Unruhig wartete er bis seine Frau abgeholt wurde zur Arbeit. Die innere Spannung, die sich über den Tag in ihm aufgebaut hatte, entlud sich in aggressivem Spiel. Die Nacht konnte beginnen. Seine Schicht. Seine Spielschicht. Er, der Gewinner. Das Baby schrie in seinem Bettchen. Er hörte es nicht. Bäng. Bäng. Rataratarata. Grrrrrr. Boff. Es zerriss fast sein Trommelfell. Extra laut eingestellt. Der Rausch sollte kommen, seine Sinne betäuben, ihm den Adrenalin-Kick geben. Das brauchte er jetzt. Neben dem Monitor reihten sich kleine Fläschchen. Bier Wodka Bier. Kleiner Feigling. Jägermeister. Der heftige Schlagabtausch knallender Wortbrocken trocknete aus. Er spielte sich in Rage. Die Anderen machten mit. Irgendwo in Deutschland in ähnlichen PC-Ecken in ähnlichen Wohnzimmern. Die Mitspieler hatten keine Kinder, sagten sie. Ein Arzt war dabei, zwei Studenten, die anderen arbeitsuchend wie er selbst. Sie ließen sich fallen in den Abgrund mechanischen Tötens. Schnell. Der Schnellste wollte er sein. Das Baby schrie, würgte, röchelte – und verstummte. 

 Morgens um Sieben. Erschöpft kehrte die Frau zurück aus ihrem Call-Center, sah resigniert ihren Mann am Computer toben, zu imaginären Männern Befehle brüllen, im Kampf, um virtuelle Siege zu erringen. Sie ging zu den Kinderbettchen, sah die Kleinen friedlich darin liegen, wusch sich, kleidete sich um und zog die Decke über den Kopf, um schlafen zu können. Das war ihr Leben. Fast jeder Tag gleich. Der Wecker klingelte pünktlich. Sie trat an das Babybettchen. Kein Laut. Es regte sich nicht. Erschrocken nahm sie es auf. Blau war sein Gesichtchen. Violettblau.

 Jäh, mit verzweifelter Kraft riss die Frau ihren Mann aus seinem virtuellen Traum von Krieg, Tod und Vernichtung, der sein wirkliches Leben real und für immer zerstörte.

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