Literatur-Nachrichten

Unten wie Oben

Von Hans Hottmann

Der Kalender zeigte den 13. November des Jahres 2015.

Es sollte eigentlich eines der üblichen 15:00 Uhr Freitags-Meetings im Sitzungssaal des HöllenVorstandes werden.

Der Oberteufel, gerade von einer längeren Dienstreise zurückgekommen, betrat pünktlich den Raum und man sah es ihm an, das er missmutig gelaunt war.

Er setzte sich schnell auf den reichverzierten goldenen Chefsessel an der Stirnseite des für 5 Unterteufel bestuhlten Beratungstisches.

Ohne große Begrüßungszeremonien, die eigentlich üblich waren, kam er gleich zur Sache.

„Wir haben heute nur einen einzigen Tagungsordnungspunkt zu besprechen.

Warum haben wir seit zwei Wochen keine Neuzugänge an Menschenseelen mehr ?

Das gab es in den letzten zweitausend Jahren der Menschengeschichte noch nie !"

Des Oberteufels Hörner begannen in einem schwachen Rot zu leuchten und er  sah zornig in die gedrückt wirkende Runde der Unterteufel, und .…. er forderte Antworten.

Wie immer in diesen Meetings, galt die erste Frage an den rechts vom Oberteufel sitzenden Unterteufel,  also an den, der für die äußeren Beziehungen zu den befreundeten Mächten zuständig ist. Dieser gab folgende Erklärung ab:

„Das Ausbleiben der sündhaften Seelen  ist nicht von den Menschen gemacht“- sagte der auch für die Sponsorenverträge verantwortliche Unterteufel - „sondern vom Obergott gewollt, denn dieser hat vor 14 Tagen den über Jahrhunderte mit uns bestehenden Vertrag aufgekündigt.“

„Wieso ?“ - fragte der Oberteufel - „was heißt aufgekündigt und vor allem, warum wurde ich nicht sofort darüber informiert?!“

Die Hörner desselben nahmen in ihrer Rotfärbung noch etwas zu und der sich zuständig fühlende ITUnterteufel versuchte eine Erklärung:

„ Zunächst waren wir uns in unserer Abteilung noch nicht sicher, ob es eine wirklich echte Mail vom Obergott war oder eine, in Trojanern eingebettete.

Die, allerdings vielleicht zu lang dauernde Überprüfung über 2 Tage, erbrachte dann die Bestätigung: die Mail ist echt!  Da ihr aber auf Dienstreise in empfangsschwachen Gebieten der Unterwelt unterwegs ward, hatten wir keine Chance, ihnen darüber eine Mitteilung zukommen zulassen.“

„Holt euch doch der ..... ihr IT-Spezialisten“ - sprach der Oberteufel,  „wir haben doch  ausgebildete Eilboten-Teufel, die mich in kurzer Zeit überall in der Welt erreichen können !“

„Diese Eilboten-Teufel"- sprach der Unterteufels des Inneren, „ wurden auf ihre Weisung hin, vor 10 Jahren entlassen, da sie mit der Einführung der Computertechnik für überflüssig angesehen wurden.“

„Ja, dann hättet ihr „Jetzt-Oberschlauen“ damals meiner Weisung widersprechen müssen!“

„Ja, das hätten wir vielleicht tun sollen ."-sprachen die Unter-Teufel und ihre Hörner begannen in einem leichten Grün zu leuchten, welches Untergebung signalisierte.

„Nun“, sagte der Oberteufel, „ dann hören wir  hoffentlich etwas Positives von unserem Advocatus diaboli, der bestimmt die Kündigung des Sponsorenvertrages  gründlich unter die Lupe genommen, und dessen noch bestehende Rechtmäßigkeit schon vor Tagen dem Obergott mitgeteilt hat.“

„Verehrter Oberteufel, natürlich habe ich mir sofort nach Eingang der obergöttlichen Kündigung, den Vertrag aus dem Jahr 20  u.Z.  noch mal durchgesehen und auf eventuelle Fallstricke untersucht. Das mehr als 100-seitige Dokument ist wasserdicht, vielleicht bis auf einen Passus des Paragraphen 41 im Punkt 17.

Dieser besagt, „das Nichtigwerden des Sponsorenvertrages zwischen den Geschäftsstellen des Obergottes und des Oberteufels tritt automatisch in Kraft, wenn es länger als 8 Tage keine gegenüber den 10 Geboten des Obergottes verstoßenden,  sündhaften Handlungen, Gedanken und Meinungsäußerungen von verstorbenen, also ehemals lebenden Menschen gegeben hat, die sonst zur Überstellung in die Hölle geführt hätten. Absatz Ende.

Es scheint so, als ob sich der Obergott und seine Rechtsberater auf diesen Paragraphenabsatz des Vertrages berufen.“

Sogleich begannen die Hörner des Advokaten-Unterteufels vorsichtshalber in einem etwas stärkeren   Grün zu leuchten.

„Ja, hat er sich nun auf diesen Absatz berufen,“ fragte der Oberteufel, „ oder scheint es so ? Euer Advokaten-Kauderwelsch ist weder verständlich, noch anscheinend zu etwas Nütze.“ sagte der Oberteufel und wandte sich dem nächsten Unterteufel zu, zu dem, der für die technische Unterhaltung
der Hölle zuständig ist.

„Verehrter Oberteufel, ich will nicht um den heißen Brei herumreden, die Lage ist alles andere als befriedigend. Wir haben nur noch Brennmaterial für 2 Tage, um die Kessel mit den Millionen sündigen Seelen zu beheizen, und doch mussten wir schon heute in dem noch nicht auf moderne Brennanlagen umgestellten Kesselhaus 2, deren Beheizung außer Betrieb nehmen. Die in den Kesseln befindlichen Seelen klagen über das Ausbleiben von Wärme, frieren, und ......, fangen an, zu meutern .“

„Die Seelen in der Hölle fangen an, zu meutern??!!  Ja kann man sich denn etwas Absonderlicheres vorstellen??!!.“ rief der Oberteufel, und seine Hörner nahmen ein bedrohliches Rot an.

„Das sind ja tolle Nachrichten ! Aber weiter“, sagte der Oberteufel  „obwohl ich mir fast denken kann, dass die Ausführungen des jetzt zu befragenden Unterteufels der Finanzen ebenfalls nichts Positives beinhalten wird, wollen wir ihn dennoch anhören.“

„Verehrter Oberteufel, ich kann meinem Bericht, wie ihr richtig vermutet, auch nichts Positives abgewinnen.  Die Lage ist folgende:

„Die Ausgaben für Brennmaterial, Wassernachfüllungen, Kesselinstandsetzungen, Beleuchtung, für die Monatsrate zur Feuerversicherung, der Wartung der IT-Anlage und  der Flate-rate, für euren Salär und für  die  Gehältern der Unterteufel,  haben in den  letzten 14 Tagen: 1.240.362  Teufels-€  betragen. Die Einnahmen waren durch die ausbleibenden Sponsorengelder:  0,00 Teufels - €.

Die deshalb notwendige Entnahme aus Rückstellungen aus den in den  letzten Jahrhunderten gebildeten aktiven Vermögenswerten, betrug : 1.240.362,- Teufels -€.

Die noch vorhanden aktiven Vermögenswerte betragen : 27 Teufels-Euro und 53 Teufels-Cent. Mit anderen Worten bedeutet dies, das wir mit dem heutigen Tag rein buchhalterisch,  Pleite sind !!

„Aber“, fragte der sich der Brisanz seines Vorschlages bewusste Finanzunterteufel, "vielleicht könnten Sie, verehrter Oberteufel, die hoffentlich bald beendete finanzielle Durststrecke, durch eine Zuwendung aus ihrer Privatschatulle überbrücken helfen ?“

In Bruchteilen einer Sekunde begannen die Hörner des Oberteufels ein weißglühendes Aussehen anzunehmen und er sprach in höchster Erregung:

„Einen solchen Vorschlag hat es seit Bestehen der Hölle noch nie gegeben. Wer auch nur Solches denkt, dass aus dem Privatbesitz des Oberteufels nur ein Cent zum Kauf von Brennmaterial für die büssenden Seelen bereitsteht, hat seine Berufung zum Finanzunterteufel verwirkt und ....., ist entlassen.!  Räumen sie ihren Stuhl ! Der Personalunterteufel wird sie in die Personalabteilung begleiten und ihnen die Entlassungspapiere überreichen. Eine Abfindung ist selbstverständlich nicht vorgesehen."

Das Licht in den Hörnern des abgesetzten Finanzunterteufels erlosch und mit eingezogenem Schwanz verließ er den Sitzungssaal zusammen mit dem Personalunterteufel, dessen Hornfärbung an Grüntönung zunahm.

„Die Leitung der Finanzen übernimmt mit sofortiger Wirkung der Stellvertreter des bisher zuständigen Unterteufels.“

„Verehrter Oberteufel,“ sagte der Advocatus -Unterteufel , „wir haben alle keine Stellvertreter mehr, sie wurden gemäß ihrer Weisung mit Aktenzeichen  „OT- 02-08-1513„  vor 500 Jahren entlassen und ihre Stellen ersatzlos gestrichen.“

Der Oberteufel rang zunächst nach Worten, sagte dann aber: „Ich werde sicherlich damals meine Gründe dafür gehabt haben. Sei es drum, dann übernehme ich ab sofort das Aufgabengebiet des Finanzunterteufels selbst. Die Sitzung ist für 60 Minuten unterbrochen!“

Der Oberteufel verließ, wie es sich geziemt, als erster den Versammlungsraum, die Unterteufel folgten in gebührlichem Abstand, mit selbstverständlich noch grün leuchteten Hörnern.
Nach 50 Minuten nahmen  die Unterteufel wieder ihre Plätze ein, schalteten ihre Hörnerbeleuchtung auf mittleres Hellgrün und erwarteten den Oberteufel.

Zu ihrer großen Überraschung betrat er den Sitzungssaal mit zufriedener Mine und völlig entspannt leuchtenden Hörnern in Weiß-Grau.

„Ich habe die Pause, nicht so wie ihr zum Rauchen genutzt, sondern habe mich ans „Rote Telefon“ gesetzt und mit dem Obergott gesprochen. Dieser war völlig überrascht über die finanzielle Lage in der wir uns befinden und versprach einen Rückruf in 10 Minuten. Nach nur 5 Minuten war er wieder am Telefon und teilte mir mit, dass die Ursache für die Irritationen zwischen unseren beiden befreundeten Einrichtungen in der unzureichenden Abstimmung über die Aufgaben, ihm unterstellter Mitarbeiter war. Eine Urlaubsbewilligung für den Erzengel Gabriel, der ja bekanntlich für die Entscheidung über den Verbleib der im Himmel ankommenden  Seelen der Verstorbenen zuständig ist, hat zu den 
eingetretenen Verhältnissen geführt.

Zwar wurde eine Urlaubsvertretung benannt, diese aber nicht richtig in die Entscheidungsfindung  zwischen „Himmel oder Hölle“ eingewiesen. Er hat einfach alle ankommenden Seelen in Richtung Himmel durch gewunken.

Der Obergott teilte mir am Ende des Gespräches mit, dass der Erzengel Gabriel ab morgen wieder seinen Dienst antreten wird, die Urlaubsvertretung entlassen ist und die uns vertraglich zustehenden Sponsorengelder unverzüglich überwiesen werden.“

Die Unterteufel spendeten ihrem Oberteufel einen ungewöhnlich langen Applaus und verließen sichtlich erleichtert - was auch an der Wiedererlangung der natürlichen  Hornfärbung abzulesen war - zusammen mit dem Oberteufel den Sitzungssaal und gingen wieder an ihre gewohnte Arbeit.

Wer nun aber annimmt, dass damit die Turbulenzen in der Hölle vorüber waren, der irrt sich. Aber dies ist eine andere Geschichte, die zu gegebener Zeit zu erzählen ist.

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