Literatur-Nachrichten

Fassade

Von Dietlinde Leopold

Er konnte direkt in die Fenster sehen. Von seiner Wohnung im vierten Stock hatte er einen ungehinderten Blick in die Räume gegenüber auf der anderen Straßenseite. Anfangs hatte er auf die Bewegung in einem erleuchteten Fenster reagiert und genauer hingeschaut. Mit der Zeit erging es ihm so, dass er einen zeitlichen Rhythmus erkennen konnte, wann dort Licht brannte oder jemand zu sehen war. Jedenfalls stellt er fest, dass er, bevor er sich zum Schlafen hinlegte, einen Blick hinüber warf. Wenn er einmal abgelenkt war und seine Gedanken nicht über die Straße ihren Weg fanden, spürte er einen Sog am Abend, der ihn unweigerlich zum Fenster lenkte.

Er erinnerte sich sehr genau an den Moment, als ihm bewusst wurde, dass auch er gesehen wurde. Im Spätsommer stapelte ein Mann Bücher auf der Fensterbank. Der Mann wandte sich um. In dem Moment, als er sich wieder umdrehte, schaute er aus dem Fenster und sein Blick traf sich direkt mit seinem. Hitze schoss ihm durch den Körper. Er tat so, als ob er etwas am Boden suchte, schaute wieder aus dem Fenster, geradezu blind, fühlte sich ertappt. Er verließ das Zimmer in einem unauffälligen Schritt. Es dauert mehrere Minuten, bis sein Herz wieder langsamer schlug. Er begann mit seiner Frau darüber zu reden, das Schlafzimmer mit dem Wohnzimmer zu vertauschen. Er redete über Vorhänge, Lampen. Seine Frau war irritiert. Die Couch kam vor das Fenster. Er saß mit der Fernbedienung auf dem Sofa, konnte sich nicht konzentrieren. Vor dem Schlafengehen ging er im Dunkeln in das Wohnzimmer. Ohne diesen letzten Blick konnte er nicht schlafen. Wenn es nicht passierte, wusste er nicht, was ihn davon abhielt, ins Dösen zu kommen, bis er erinnerte, was er ausgelassen hatte. Er musste hinsehen. Einmal vermutete er, dass die Frau sich umzog. Eigentlich konnte er nicht viel sehen, da sie im hinteren Teil des Zimmers war, aber er glaubte anhand der Bewegungen zu sehen, dass sie einen Pullover auszog. Er musste unbedingt seiner Tochter sagen, dass sie das Licht niemals anmachen sollte, bevor sie nicht die Vorhänge zugezogen hatte. Jetzt kam der Mann dazu, umarmte die Frau. War es seine Frau? Die Unruhe wuchs. Wusste denn der Mann oder die Frau, wen sie vor sich hatten? Wusste nicht er viel mehr als jeweils die Beiden? Aber konnte nicht auch er von einem Bewohner, den er bisher gar nicht bemerkt hatte, beobachtet worden sein und dieser wusste von seinen Blicken, von denen wiederum seine Frau überhaupt keine Ahnung hatte? Wohin schaute eigentlich seine Frau am Abend?

Kurz vor Weihnachten gegen zweiundzwanzig Uhr schaute er wie gewohnt kurz im Wohnzimmer auf die Fenster und sah die Frau Kerzen anzünden, die auf dem Fensterbrett standen. Sie schaute ebenfalls aus dem Fenster und blickte hinüber. Da er im Dunkeln stand, wusste er, dass er nicht gesehen werden konnte. Trotzdem beschlich ihn ein Kribbeln. Zwei Tage vor Silvester blieb er wieder auf dem Weg ins Bett stehen. Für diesen letzten Blick. Tagsüber dachte er nicht darüber nach. Es fing erst an, wenn er sich nach dem Abendessen langsam entspannte. Er konnte die Frau am Fenster erkennen. Sie lehnte am Fensterrahmen. Sie zerknüllte ein Taschentuch. War sie erkältet? Weinte sie? Wo war ihr Mann? Er konnte nicht ins Bett gehen. Er musste warten, ob etwas geschah. Sie blieb mindestens zehn Minuten stehen und wandte sich dann erst ab. Was war passiert? Ein Todesfall? War sie enttäuscht worden? Schließlich wurde ihm klar, dass er nichts mehr erwarten könne und ging aus dem Zimmer. Trotzdem blieb eine gewisse Unruhe. Wie bei einem Film, bei dem der Zuschauer genau wusste, dass demnächst etwas passieren würde. Weil die Musik sich veränderte. Nur dass er hier keinen Ton hatte. Er wusste nicht einmal, wie die Familie hieß. Er wäre nie, wirklich nie über die Straße gegangen, um anhand des Klingelschildes den Namen zu erfahren.

Silvester kam, ihre Tochter würde bei einer Freundin feiern. Das hatten sie seit vielen Jahren nicht mehr gehabt: ein Silvester zu zweit. Er stand im Wohnzimmer, spürte den vertrauten Sog im Nacken und schaute hinüber. Da ging Licht für einen Moment an, dann wieder aus. Sie waren da. Sollte er die Vorhänge zuziehen? Es war schön so, es wäre ihm komisch vorgekommen, wenn er sie jetzt zugezogen hätte. Er selbst und seine Frau würden heute Abend sehr gut im Licht der Kerzen und der herunter gedimmten Stehlampe zu sehen sein. Seine Frau rief aus der Küche und kam dann mit vorgewärmten Tellern herein. Sie stellte sie ab und kam zu ihm. Legte ihm den Arm um die Hüfte. Lehnte sich an. Schaute mit ihm raus. Welches Bild gaben sie jetzt ab? Was würde ein Anderer sehen? Ein Paar, entspannt, ruhig, am Fenster.

In diesem Moment ging das Licht in der Wohnung gegenüber an und der Mann kam herein, zog eine Jacke aus und warf sie irgendwo hin. Er öffnete das Fenster. Das hatte er äußerst selten beobachtet, denn sie schliefen wohl bei geschlossenen Fenster. Es war an diesem Tag in den Nachrichten die Temperatur für die Nacht mit Minusgraden angegeben worden. Seine Frau merkte auf und wies ihn darauf hin. Sie überlegte laut, warum öffnete er das Fenster? Er drückte sie kurz an sich, um sich zu beruhigen. Oder sie? Sie sollten sich jetzt abwenden, ihr Silvester begehen. Nicht diesen Mann beobachten. Er ließ sie los und drehte sich um. In diesem Augenblick schnappte sein Frau nach Luft und stieß einen kleinen Schrei aus. Die nächsten Momente verliefen in Zeitlupe.

Sein Blick wandte sich auf das Fenster gegenüber. Der Mann warf mit beiden Händen und einer fast kindlichen Freude etwas in die Luft, hinter ihm tauchte ein junges Mädchen auf, in derselben Sekunde ein zweites Gesicht, ein silbernes Oberteil blitzte auf. Das Gesicht seiner Tochter in der gleichen Freude und Begeisterung wie das des Mannes. Alle drei verfolgten den Flug der kleinen Kugeln, die nach ungefähr zwei Metern in winzige Lichter übergingen und wie glitzernder Schnee langsam nach unten fielen. In Bruchteilen von Sekunden wechselten die Gestalten am Fenster, die Mädchen verschwanden, die Frau tauchte auf und wechselte wiederum ihren Platz mit seiner Tochter. Der Mann nahm sie in den Arm, der Ärmel des Oberteils verrutschte und seine Hand drückte die nackte Haut, beide schauten sich lachend an. Was sah er? Er verstand nicht, was er sah. Seine Frau flüsterte neben ihm, dass sie nicht gewusst habe, dass die Freundin drüben wohnen würde, oder war es ein weiteres Mädchen, zu dem die beiden gegangen waren? Wieso wussten sie das nicht? In diesem Moment sah er Arme, die sich von hinten dem Mann um den Hals schlangen, er griff sich den einen Arm und beugte sich nach vorn. Das andere Mädchen tauchte kichernd über der Schulter auf. Alle drei strahlender Laune. Wieso empfand er dabei nur Schrecken, Scham, vielleicht auch Ärger? Nein, Wut.

Er verließ das Zimmer und lief zur Wohnungstür. Seine Frau rief ihm nach. Sein Herz klopfte, er konnte nicht denken, alles brannte in ihm. Er rannte die Treppe hinunter, über die Straße, klingelte mit der gesamten Handfläche über alle Knöpfe hinweg, was er selbst hasste, wenn dies jemand mit Werbung gelegentlich tat. Er ließ die Hand drückend auf den Klingelknöpfen und wartete, sich gegen die Tür stemmend, auf den Moment des Öffnens. Als die Türe mit einem Summen aufging, spurtete er die Treppen, die er vom Eingang aus sehen konnte, hinauf, bis er das Stockwerk erreicht hatte, welches ihrem eigenen gegenüber liegen musste. Von oben rief jemand, er hörte nicht wirklich hin. An der Tür, die er als die richtige vermutete, stand die Frau, die er bisher nur am Fenster gesehen hatte. Sie grüßte und wollte eine Frage anschließen, aber er stürmte einfach an ihr vorbei, stand im Flur, fand keine Orientierung, folgte einem Lachen in den Raum schräg links von ihm. Er fand sich in einem Schlafzimmer, seitlich ein niedriges Bücherregal, Schalen mit Schmuck darauf, ein Teil von ihm wunderte sich, was er alles in diesen Sekunden wahrnehmen konnte, wie seine Aufmerksamkeit einem Radar gleich alle Informationen aufnahm. Automatisch ging er zum offenen Fenster und sah in sein eigenes Wohnzimmer. Im Zimmer daneben leuchtete die Lichterkette, die seine Tochter seit Weihnachten glimmen ließ. In diesem schwachen Licht sah er eine Gestalt. Er konnte eine männliche Figur sehen, wie ein Schattenriss, die sich leicht bewegte. Sie stand in einem ovalen Rahmen, er hatte den Spiegel angebracht, damit sie ihre Modenschau davor veranstalten konnte. Er erinnerte sich während weniger Millisekunden an Gefühle von Stolz, Bewunderung und Scham, die ihn überfluteten, als er sie mit ihrem Schal eine Pirouette drehen sah, mit einem koketten Blick in den Spiegel. Wie oft hatte sie in dem Spiegel eine männliche Gestalt erblickt, für sie die Drehung gewagt, zu ihr hin geflirtet? Er bewegte sich nach links und die Figur im Spiegel seiner Tochter bewegte sich ebenfalls nach links. Jeder, der an seiner Stelle hier stehen würde, würde sein Bild dort im Zimmer seiner Tochter haben. Der Mann. Seine Hand auf der Haut seiner Tochter.

Er kehrte um und folgte den aufgeregten Lauten, nahm die Frau schemenhaft wahr, ging rechts und stand seiner Tochter gegenüber, zwei weiteren Mädchen und dem Mann, der, aus der Nähe betrachtet, ein unrasiertes Gesicht zeigte, offenes Hemd, lockiges Haar, warum war ihm dies nie aufgefallen, Locken. Seine Tochter überrascht, hey, was machst Du hier? Er spürte unbändiges Rasen in sich, keine Kontrolle, ganze Klarheit, einfache Entscheidung. Mit voller Kraft, einen Schrei in der Kehle, stürzte er sich dem Mann entgegen. Wie in einem innigen Tanz verbunden drehte er sich mit ihm dem offenen Fenster zu.

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