Literatur-Nachrichten

Das Allessprecher

Von Reinhard Strüven

Ich setzte mich in ein freies Abteil. Das Allessprecher, von dem ich noch nicht wusste, dass es ein solches war (Allessprecher geben sich niemals gleich als solche zu erkennen), setzte sich ein paar Plätze weiter hinter mich, schräg gegenüber. Der Zug fuhr los. Ich nahm ein Buch, begann zu lesen, und als ich mich gerade in den Text vertieft hatte, hörte ich, wie das Allessprecher zu reden begann: „Hallo? Hallo? Ja, ich bin’s. Und? Wo bist du? Ja? Wirklich?“

Ich erkenne Allessprecher sofort, sie bauen ihre Sätze so, dass es immer weitergehen kann. Nie sagen: „Gut, jetzt habe ich alles verstanden“ oder „Ja, alle Fragen sind beantwortet“ -, Sätze wie diese bereiten ihnen geradezu körperliche Qualen, und sie bieten all ihre Phantasie auf, um Anknüpfungspunkte an das soeben Gesagte zu finden. Manchmal leugnen sie schlicht, den letzten Satz verstanden zu haben.

Ich versuchte, die Gesprächsfetzen, die von hinten zu mir herüberdrangen, zu ignorieren. Jeder, der im Zug schon einmal in der Nähe eines Allessprechers gesessen hat, weiß, wie schwer das ist. Allessprecher benutzen eine merkwürdige Stimmlage und Lautstärke: Sie tragen nicht zu dick auf, um sich nicht dem Zorn anderer auszusetzen, sind aber noch laut genug, dass nicht nur ihr Gesprächspartner, sondern das halbe Abteil mitbekommt, was sie zu verkünden haben.

Für einen Moment hörte ich in das Gespräch hinein, versuchte herauszufinden, ob es vielleicht eine Alternative zu meinem Buch sein könne. Manchmal bereitet es eine verstohlene Lust, die Geheimnisse anderer zu erfahren, aber dies funktioniert nur, wenn es sich auch um Geheimnisse und nicht um völlig belanglose Dinge handelt, bei denen es von vorn herein Absicht ist, dass alle Welt sie hört. Ich drehte mich um und sandte einen bösen Blick nach hinten. Das Allessprecher blinzelte zurück, ohne jedoch in seinem Redefluss nachzulassen. Noch immer hörte ich Wortfetzen wie „Ja? Das hast du gesagt? Tatsächlich? Ach! Wirklich?“, und in dem Buch, das ich lesen wollte, kam ich keine Zeile weiter.

 Allessprecher sind frei von Scham. Die Stelle, an der bei anderen das schlechte Gewissen sitzt, ist bei ihnen kurz nach der Geburt operativ entfernt worden. Mit drohenden, abschätzigen Blicken sind diese Wesen nicht zu beeindrucken. Man muss ihnen schon das Handy wegnehmen, doch so weit wollte selbst ich nicht gehen, denn Allessprecher können in solchen Fällen unberechenbar werden und sind durchaus imstande, sich selbst und andere zu verletzen. Ich überlegte, was ich sagen, wie ich protestieren könnte und legte mir in Gedanken Sätze zurecht: „Entschuldigung, sehen Sie nicht, dass ich lese?“, „Können Sie nicht in einer Lautstärke sprechen, die andere nicht stört?“, „Entschuldigung, aber Sie sind hier nicht alleine!“ Doch ich brachte kein Wort heraus. Warum nicht? Weil ich mich trotzig weigerte, ein Verhalten einzufordern, das ich als normal voraussetzte.

 Das gemeine Allessprecher besitzt eine entspannte Köperhaltung, eine sogenannte Telefonierhaltung. Es räkelt sich in seiner Vierersitzgruppe, die es besetzt hält, weil niemand Fremdes sich traut, die Intimität eines Telefongespräches zu stören. Jeder, der auf Anstand Wert legt, hält Abstand; Allessprecher wissen das, und sie benutzen ihr kleines Telefon wie eine Waffe.

Das Mitteilungsbedürfnis von Allessprechern ist ebenso stark ausgeprägt wie bei anderen Menschen das zu essen, zu schlafen, zu atmen. Ihr Verhalten gleicht einer Zwangshandlung, die nur durch den kalten Entzug, durch die sofortige Sperrung des Handys therapierbar ist. Doch Allessprecher wissen sich umgehend Ersatz zu beschaffen, die Welt ist voller Handys, oft braucht man nicht einmal einen Personalausweis, um eines zu bekommen. Darum ist ihre Körperhaltung stets entspannt – während sich ihre Nachbarn vor Qualen in den Sitzen krümmen.

 Doch ich hatte noch ein Ass im Ärmel, einen im wahrsten Wortsinn stillen Verbündeten, von dem das Allessprecher nichts wusste. Und selbst, wenn es davon wusste, würde es nichts ausrichten können, denn es handelte sich um ein Funkloch, um einen Fleck auf der Landkarte, den die Handybetreiber offenbar übersehen hatten. Alle Handygespräche auf dieser Strecke wurden hier unterbrochen, wenn nicht gar beendet. Manchmal wünschte ich, das ganze Land wäre ein einziges Funkloch.

„Hallo? ... Hallo?“ Das Allessprecher schien ratlos, es hatte auf einmal keinen Empfang mehr. Ich frohlockte. Noch einmal „Hallo?“ – noch immer nichts. So machte das Reisen Freude, ich nahm das Buch, das ich zur Seite gelegt hatte, wieder zur Hand und las weiter. Als ich nach hinten blickte, sah ich, wie das Allessprecher verzweifelt sein Handy schüttelte wie einen stehengebliebenen Wecker. Ungläubig schaute es ins Abteil, hilfesuchend, mit dem Gesichtsausdruck eines Kindes, das kurz davor ist losbrüllen, nachdem man ihm sein Spielzeug weggenommen hat. Ich lehnte mich zurück, die Welt war in Ordnung.

 Doch jedes Funkloch endet irgendwann, und unterbrochene Verbindungen werden wiederhergestellt. „Hallo? Ich bin’s, ja, ich bin wieder da“, hörte ich von hinten.

Na, toll, dachte ich und warf mein Buch verärgert auf den Nebensitz.

„Was hast du zuletzt gesagt?“, fragte das Allessprecher und wartete kaum die Antwort ab, um weiterzuerzählen, als sei nichts gewesen. Allessprecher haben keine Mühe, in ein Gespräch wieder hineinzufinden, denn ihre Sätze gleichen sich in ihrer Einförmigkeit und können beliebig zusammengestellt werden. Die einzig berechtigte Sorge von Allessprechern ist, dass das Akku unterwegs aufgeben könnte und sie nicht mehr alles loswürden, was sie auf dem Herzen haben. Manche Allessprecher tragen deshalb Handyakkus wie Patronengurte um Schultern und Hüften.

 „Und? Was hast du gesagt? Ah! Und was haben sie gesagt?“

Pause. Ich versuchte, ein paar Zeilen in meinem Buch zu lesen.

„Wirklich? Ist nicht wahr!“

Wiederum Pause. Ich versuchte, dieselben Zeilen noch einmal zu lesen.

„Und dann?“

Was dann gesagt worden war, stand leider in keinem Zusammenhang mit dem, was ich in meinem Buch las. Erneut war mir der Faden gerissen.

Die Beantwortung der Frage, was sie gesagt hatten, zog sich über mehrere Minuten hin, unterbrochen von kurzen Nachfragen und Ausrufen des Erstaunens. Es ging immer weiter, die Verbindung war einwandfrei. Nur meine Nerven waren es nicht mehr.

 Jeder weiß, dass die Strahlung in Zügen besonders hoch ist, Allessprecher ebenfalls, doch es scheint sie nicht zu stören. Solange die Wirkung der Strahlen nicht näher erforscht ist und es keinen unwiderlegbaren Beweis für deren Schädlichkeit gibt, ignorieren sie die Gefahr. Es würde mich nicht verwundern, wenn Allessprecher allesamt und eines Tages gleichzeitig an demselben Leiden erkrankten, wenn sie die Quittung erhielten für ihre jahrelang geführten, überflüssigen Gespräche.

Das Allessprecher hinter mir schien dem vorzubeugen, indem es das Handy abwechselnd ans linke und ans rechte Ohr hielt. Ich hatte das Gefühl, es hielte es direkt an meins.

 Ich hörte, wie das Allessprecher von einer neuen Telefonnummer sprach, die es seit einigen Tagen habe. Ob er, der Gesprächspartner, mitschreiben wolle? Nicht nur er, sondern auch ich schrieb mit. Denn ich hatte den Plan gefasst, mich zu rächen, das Allessprecher mit nutzlosen Anrufen zu traktieren, heute, morgen, an den folgenden Tagen – Rachegedanken müssen ausgelebt werden, will man sein seelisches Gleichgewicht behalten.

Doch das Allessprecher redete weiter, immer weiter, und bevor der Zug sein Ziel erreichte, riss mir der Geduldsfaden: Ich stand auf, ging nach hinten und sprach es an: „Entschuldigung, sehen Sie nicht, dass ich lesen möchte?“

Es tat, als habe es mich nicht gehört.

„Können Sie sich nicht an eine Lautstärke halten, die andere nicht stört?“, fragte ich.

Es blickte kurz zu mir, ein wenig verunsichert, wie mir schien, aber sein Telefon legte es nicht beiseite.

„Entschuldigung, aber Sie sind hier nicht alleine!“, rief ich erregt.

Es hatte Mühe, seine Sätze unter meinem strengen Blick zu Ende zu bringen, doch sein Gespräch beendete es nicht. Ich erkannte, dass es krank war. Es konnte das Gespräch nicht beenden, und wie ein Spielsüchtiger, der erst aufhört, wenn alles verzockt ist, so würde das Allessprecher weiterreden, bis auch der letzte Akku leer war.

Ich blickte es genauer an, und nun ich glaubte einige typische Veränderungen festzustellen, die ein Allessprecher zweifelfrei als solches identifizieren: leicht vergrößerte Ohrmuscheln und ein verringerter Kopfumfang infolge des Verlustes von Gehirnmasse aufgrund permanent erhöhter Strahlung.

Es sah verdutzt zu mir auf, als hätte ich eine fremde Sprache benutzt. Es ignorierte mein Bitten und Flehen, und langsam erreichte sein Redefluss wieder die vormalige Lautstärke und Geschwindigkeit.

Ich ging zurück und setzte mich wieder hin. Der Schwall an Worten schwappte zu mir herüber, durch den Mittelgang des Zuges, über die Sitzlehnen hinweg, daran vorbei, darunter hindurch. Das letzte Stück der Fahrt wurde zur Qual.

 Ich holte mein Handy heraus, das ich – wie ich an dieser Stelle betonen muss – kaum gebrauche, das alt ist, groß, völlig unmodern und das so gut wie nie klingelt. Hatte ich es überhaupt dabei? Ganz unten in meiner Tasche fand ich es, ich kontrollierte die Anzeige und sah, dass der Strom nicht mehr lange reichen würde. Aber ein oder zwei kurze Gespräche, das würde noch gehen. Ich tippte die Nummer ein, die ich notiert hatte; ich hörte, wie das Allessprecher hinter mir sagte, jemand anderes klopfe an, ob man das Gespräch kurz unterbrechen könne. „Ich melde mich gleich zurück“, sagte es. Bestimmt konnte es mit meiner Nummer nichts anfangen und war neugierig, wer der Anrufer sei, also nahm es meinen Anruf entgegen.

„Hallo?“, hörte ich es sagen, einmal hinter mir und dann – ein klein wenig zeitversetzt – durch mein Telefon.

„Guten Tag! Wegberger mein Name. Ich sitze einige Plätze vor ihnen und fühle mich von ihrer Dauertelefoniererei gestört. Würde es Ihnen etwas ausmachen, ihr Gespräch zu beenden?“

Hinter mir wurde es still. Mit allem mochte das Allessprecher gerechnet haben, damit nicht. Und es blieb still für den Rest der Strecke. Ich hatte gewonnen.

 P.S.: Kaum angekommen, rief ich meine Freundin an und berichtete ihr von dem merkwürdigen Vorfall. Sie wollte jede Einzelheit wissen, und ich erzählte alles wieder und wieder, lange genug, bis mein Akku leer war.

Um mich frisch zu machen, ging ich in die Bahnhofstoilette, und dort bemerkte ich, mein Spiegelbild betrachtend, eine Veränderung: Waren die Ohrmuscheln nicht größer als gewohnt? Der Kopfumfang kleiner? Als ich meine Kappe aufsetzen wollte: Rutschte sie nicht wie von selbst wieder vom Kopf? „Wehret den Anfängen!“, sagte ich mir und wollte mich meines Handys entledigen, es wegwerfen, vernichten, ein für allemal. Doch zu meinem eigenen Erstaunen behielt ich es fest in der Hand und begann stattdessen, den Bahnhof nach einem Handygeschäft abzusuchen. Ich fragte mich, was wohl ein neuer Akku kostete? Ob es überhaupt noch welche für mein altes Gerät gab?

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