Literatur-Nachrichten

Zugereist

Von Sandra Schümann

Ich werde wach und der Wecker zeigt zwei Uhr siebzehn. Sehen kann ich es nicht, denn es ist dunkel und die Straßenlaterne erhellt nur die Fenster der Nachbarn gegenüber. Doch ich weiß es ziemlich genau, weil ich in vielen anderen Nächten um dieselbe Zeit wach dalag. In genau sechs Stunden und dreiundzwanzig Minuten fährt der Zug aus Gleis fünf.

Zunächst ist nicht mehr an Schlaf zu denken. Nicht etwa aus Angst, den Zug zu verpassen, sondern eher, ihn zu nehmen. Seit mehr als sieben Jahren fährt er um dieselbe Zeit aus demselben Gleis. Er kommt auch zur immer gleichen Zeit am Zielbahnhof an, es sei denn, es gibt Verspätungen. Doch all diese Jahre bin ich niemals in diesen Zug eingestiegen, obwohl ich es gewollt hätte.

Der Wille war offenbar nicht stark genug, denn sonst wäre ich nicht mehr hier. Ich hätte auf die Frage der Frau am Fahrkartenschalter geantwortet: „Nur die Hinfahrt, bitte.“ Wie oft habe ich mir diese Reise ausgemalt. Sowohl an blühenden Rapsfeldern als auch in winterlich verschneiten Gegenden bin ich auf dem Weg gewesen. Nur die Sommerhitze hatte ich vermieden in meiner Phantasie.

Heute soll es schönes Wetter geben. Zehn Stunden Sonne und frühlingshafte siebzehn Grad am Zielort. Hier aber auch. Soweit weg würde ich ja gar nicht fahren. Nur drei Stunden würde ich brauchen. Nein, nicht ich, sondern die Bahn. Ich brauche schließlich schon sieben Jahre dafür und weiß immer noch nicht, ob sich die Zeit nicht doch weiter verlängerte. Ich warte auf den ersten Vogelschrei des Tages, als würde er mir die Erlaubnis geben, aufstehen zu dürfen und mich nicht länger schlaflos in den Laken zu verheddern. Doch
bleibt still. Selbst das Öffnen des Fensters bringt nur das Geräusch des ersten Stadtbusses zu mir herüber. Zu allem Überfluss gesellen sich nun Engelchen und Teufelchen zu mir ins Bett. Sie brauchen richtig viel Platz und nehmen keinerlei Rücksicht auf mich. Über das Ja zur Zugfahrt streiten sie, als wäre ich gar nicht da, als würde nicht ich die Reise vielleicht antreten, sondern sie selbst. Funken sprühend kämpfen sie um ihre eigene Wahrheit in meinem Schlafzimmer. Ich weiß nicht, wer gewinnt, weil ich aufstehe und ins Bad gehe. Dort lasse ich kaltes Wasser in meinen Zahnputzbecher laufen und leere ihn in einem Zug. Ein solcher Zug aus dem Zahnputzbecher liegt mir. Ein Zug, der auf Schienen fährt, dagegen nicht.

Feige schleiche ich mich zurück zum Bett. Engelchen und Teufelchen sind verschwunden. Draußen klappert eine Mülltonne, vielleicht sind die beiden dort und zanken weiter über das Für und Wider meiner Reise. Meine Reise. Wenn es denn so wäre. Meine Reise. Geplant und niemals angetreten. Kann man das schon Reise nennen? Alles ist still in meinen Kissen. Immer noch kein Vogelgezwitscher, das den neuen Tag ankündigt. Wie lange wird es noch dauern?

Es ist fast drei Uhr.

Mit geschlossenen Augen lausche ich meinem Herzen. Schlag für Schlag bringt es mich gedanklich weg von hier. Die Gedanken enden auf einer Brücke ganz nah am Ziel und überlegen, ob sie nicht lieber in den Fluss springen und davonschwimmen sollten, statt weiterzulaufen. Ab hier gäbe es Tausende Varianten. Nur eine davon trifft den Kern und damit dich.

Der Bäcker von gegenüber parkt ein und schaltet die Ladenbeleuchtung ein, obwohl die Verkäuferin erst in drei Stunden die Parklücke neben ihm besetzen wird. Es ist wie ein Ritual, jede nächtliche Bewegung ist gleich. Wie meine Gedanken um die Zugfahrt seit sieben Jahren.

Werde ich heute fahren?

Ich weiß, dass in siebenundvierzig Minuten das erste Brötchen fertig sein wird – vielleicht auch früher. Also stehe ich ohne die vogelzwitschernde Erlaubnis auf, gehe im Dunkeln in die Küche und schalte die Kaffeemaschine ein. Gerade noch rechtzeitig merke ich, dass weder Wasser noch Pulver im Automaten sind. Vielleicht ist meine Zeit doch noch nicht gekommen.

Neugierig öffne ich die Terrassentür und lausche in die Nacht. Ganz fern im Osten sehe ich ein bläuliches Leuchten. Der Tag rückt näher. Nun endlich haben es auch die Vögel bemerkt. Eine Amsel eröffnet das Morgenkonzert. Nur meine Kaffeemaschine ist lauter und drückt Wasser hochgepresst durch das Pulver in die Tasse.

Wie viel Zeit habe ich noch, um zum Bahnhof zu kommen? Egal. Für mindestens zweiunddreißig Tassen ist noch Zeit. Mein Herz schlägt inzwischen so schnell, als hätte ich diese Menge an Kaffee tatsächlich getrunken.

In drei Stunden und vierundvierzig Minuten müsste ich die Haustüre hinter mir zuziehen, um pünktlich zu sein. Immer mehr Autos passieren die breite Straße am Ende der Siedlung. Wie im Drei-Viertel-Takt tanzen die Scheinwerfer vorbei und erhellen jalousiebedeckte Fenster. Neidisch frage ich mich, was die Schlafenden dahinter in ihren Träumen hält und warum ich wieder einmal durch sie hindurchgefallen bin.

Nur kurz beschleunigt der Kaffeegenuss mein Herz Schritt für Schritt. Führe ich auf Herzensschwingen, wäre ich vor der Zeit an der Brücke, vor dem Zug und vor dir – vermutlich.

Bist du eigentlich auch schon wach? Oder gar noch wach? Mehr als zwanzigtausend Züge sind in den letzten sieben Jahren zu meinem Ziel gefahren. In keinem davon saß ich. Fast dreizehntausend Mal hatte ich die Chance, dich zu treffen. Alle anderen Züge fuhren zu früh oder zu spät. Säße ich heute im Zug, wäre ich dann auch zu spät? Wäre eine Ankunft viel früher auch schon zu spät gewesen? Fuhr der letzte Zug vielleicht schon genau vor sieben Jahren ab? Und säße ich heute in einem Geisterzug? Dabei gibt es gar keine Geister, sagen die Leute. Also fährt vielleicht auch gar kein Zug mehr.

Von der Terrasse aus sehe ich immer mehr Lichter in den Häusern leuchten. Ob einer ihrer Bewohner auch einen Zug erreichen muss?

Ich gehe ins Badezimmer und tue so, als würde ich mich reisefertig machen. Das Pudern und Schminken nehme ich sehr genau. Die vielen Jahre des Zögerns haben ihre Spuren hinterlassen. Sie sind heute sichtbarer als sonst, so scheint es mir. Doch all die Kosmetik überdeckt den Schmerz nicht, der aufflammt, als mein Handy eine Nachricht ankündigt, weil sie nicht von dir ist. Natürlich nicht. Seit zweitausendvierhundertfünfundneunzig Tagen kam keine mehr an. Ich ignoriere den Ton.

Sehr viel länger als gewohnt, bleibe ich im Badezimmer und bin überrascht, dass mich nur noch zwei Stunden und acht Minuten von der Fahrt trennen. Oder sind es doch noch einmal sieben Jahre?

Ich trinke eine weitere Tasse Kaffee. Eigentlich nur Wasser, weil ich das Pulver vergaß.

Ich überprüfe den Inhalt meiner Handtasche. Für eine Reise hätte ich alles dabei. Sogar genügend Bargeld, um nicht die Kreditkarte nutzen zu müssen.

Mein Magen knurrt und ich schaue hinüber zur Bäckerei. Vermutlich sind die ersten Brötchen schon verkauft. Mit meinen Puschen laufe ich schnell über die Straße und bitte die Verkäuferin um ein Mohnbrötchen.

Mohn macht dumm, sagte meine Mutter immer. Wie dumm muss man sein, einen Zug zweieinhalbtausend Tage zu verpassen? Gut, dass keiner die Frage hört. Eine Antwort darauf brauche ich nicht.

So langsam wird es Zeit, die Jacke anzuziehen und nach dem Schirm zu greifen. Am Ziel regnet es schließlich mehr als anderswo. Doch das soll ein Wetterirrtum sein. Sei's drum. Obwohl bei zehn Stunden Sonne schließlich noch vierzehn Regenstunden übrig bleiben, regnet es ganz sicher nicht, wenn ich den Schirm dabeihabe. Auch ein Irrtum?

An der Haustür bleibe ich stehen. In all der Zeit bin ich nie weitergekommen als bis zu dieser Tür. Meistens dahinter, selten davor.

Ich atme tief durch und ändere die Wahrscheinlichkeit, den Bahnhof zu erreichen, auf siebenundachtzig Prozent. Wie ein lautes Krachen kommt mir das Schließen der Haustür vor. Dumm im Kopf vom Mohnbrötchen gehe ich gedankenlos den wohlbekannten Weg zum Zug. Mit jedem Schritt verrinnt die Zeit, rechtzeitig anzukommen.

Ich habe das Gefühl, dass mir alle Menschen der Stadt entgegenkommen. Doch niemand geht zum Bahnhof. Verlassen komme ich mir vor, als ich eine Lautsprecherdurchsage höre: „Aufgrund eines Triebwagendefekts verspätet sich der IC 3498 um zirka fünfunddreißig Minuten.“

Dreitausendeinhundert Herzschläge später fällt der Zug aus. Ersatz stünde in Kürze bereit.

Zeit für mich, dem Geist der Vergangenheit zu folgen.

Nirgendwohin.

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