Literatur-Nachrichten

Bittersüß

Von Huda Said

Ich

Ich sehe das Gesicht an. Die hohen herausstechenden Wangenknochen, den, nur einen kleinen Spalt geöffneten, Mund. Fast, als hätte er etwas sagen wollen, um dann zu verharren, wissend, dass es endgültig wäre. Mein Blick wandert weiter zu der länglichen Nase, nimmt jede Pore der blassen Haut auf. Die bröckelnden Überreste der Mascara haben sich unter den Augen festgesetzt, verschmelzen mit den dunklen Augenringen.  Ich hebe meinen Kopf, versinke in der Tiefe der Pupille, so im Gegensatz zum trüben Blau der Iris. Fast bin ich gewillt, dieses Gesicht in meine Hände zu nehmen, es an mich zu ziehen. Doch während ich noch meine Hände bewegen will, wird mir klar, dass ich nicht weiß, wen ich da ansehe. 

Ichweißesnicht

Lachend weinend 

Ich liebe es zu lachen. Ich liebe es, wie das Lachen sich in meinem ganzen Körper ausbreitet, in meiner Brust vibriert, durch meine Adern rauscht, meinen Kopf ausfüllt. Ich liebe diesen Klang, wie er die Wildheit meines klopfenden Herzens definiert.  Ich sah dich an, lach mit, doch du schüttelst nur den Kopf.  Verwundert betrachtete ich die Tränen, die immer wieder über deine Wangen fließen.  Ich wollte dich trösten, dir sagen, dass du nicht weinen brauchst, lache, lache lieber.  Doch stattdessen erstickte mein eigenes  Lachen in der Stumme, ließ mich mit den Tränen zurück, die einsam auf mein Oberteil tropften. Meine Mutter hat mir erzählt, dass Menschen, die weinend lachen stark sind. Was ist mit denen, die lachend weinen? 

Sonnenregen

Wenn die Sonne schien, hast du mich an meinem Ärmel gepackt und mich rausgezogen. Manchmal standen wir nebeneinander dar und genossen die sanften Küsse der Sonne. Manchmal drehten wir uns im Kreis, immer und immer wieder, bis uns schwindelig war und wir uns ins Gras fallen ließen. Manchmal standest du irgendwann wieder auf und zogst mich an meiner Hand hoch. Manchmal fing es an zu regnen, sodass ich meinen Kopf in den Nacken legte und mir wünschte, man könnte im Regen ertrinken.  Zu oft manchmal. 

Stummer Schrei

Wenn die Wut in mir kochte, mich verbrennte, mich verätzte, in ihrem feurigen Rot, dann versank ich in mir selber. Ich wurde still, ließ sie in meinem Gedanken, wo mich ihre Glut umbrachte.  Dann warst du die Person, die solange mit Wörtern auf mich einschlug, bis ich anfing zu brüllen, wie ein Drache, der das Feuer aus Hass ausspie.  Wenn die Zweifel an mir nagten, mich zerfraßen, mich zerfetzen, in ihrem tristen Grau, dann floh ich vor mir. Ich wurde laut, ließ sie nach draußen, wo ihre Bitterkeit meine Liebsten umbrachte.  Dann warst du die Person, die mich solange mit Wörtern streichelte, bis ich anfing zu schweigen, wie eine Muschel am Meeresgrund, die ihre kostbare Perle beschützend in sich verbarg. 
Du warst mein stummer Schrei. Vielleicht war das der Grund, warum ich anfing, mir die Ohren zuzuhalten, um dich nicht mehr zu hören.  

  
Flugfall 

Ich habe immer gedacht, dass ich genug Zeit habe, um einen Schritt zurück zu machen. Dass es noch nicht zu spät war, dass ich nicht abstürzen muss. Wenn ich versuchte, mir das einzureden, hast du mich nicht unterbrochen. Du hast mich reden lassen, bis ich fertig war. Dann hast du dich zum Fenster umgedreht und gesagt, dass ich nicht abstürzen werde.  Die Wahrheit war, dass ich schon längst am Fallen war, nur auf den Aufprall wartend, der mich endgültig brechen würde.  Es tat weh, denn wenn ich fiel, würdest du fliegen. 


Zerbrochenes Ganzes 

Ich weiß nicht, wie du auf die Idee kamst, zwei zerbrochene Herzen könnten zusammen ein Ganzes ergeben.  Wir konnten unsere beiden Hälften nebeneinander legen, aber sie würden nie die kleinen Lücken zwischen einander füllen können.  Furchen, Dellen, Risse, Kratzer und verlorene Stücke zeichneten mein Herz. Andere Furchen, Dellen, Risse, Kratzer und verlorene Stücke zeichneten dein Herz.  Vergeude deine Zeit nicht damit, zu versuchen, das zu vereinen, was nicht dazu bestimmt ist, vereint zu werden.  Geh und lerne, wie man seine eigenen Hälften rettet.  


Missvertrauen 

Es ist nicht so, dass ich plötzlich anfing, dir zu misstrauen. Deine schönen Worte, die mir immer wieder Kraft gaben, weiter zu machen, obwohl du genau wusstest, wie erschöpft ich war. Dass ich mich morgens nur aus dem Bett quälte, um die zarten Schultern meiner Mutter nicht noch mehr zu belasten.  Du glaubtest an mich, während ich an nichts mehr glauben wollte.  Nein, ich fing nie damit an, dir zu misstrauen. Ich tat es schon immer, denn du pflanztest voller Vertrauen deine Hoffnung in mich und nichts war tödlicher als Hoffnung. 


GemEINSAM 

Wenn ich dir meine Sorgen und Ängste anvertraute, dann strichst du mir in kreisenden Bewegungen über meinen Rücken. Du rechnest mit mir die prozentuale Wahrscheinlich einer Niederlage aus, weil du wusstest, dass es mich beruhigte.  Erst im Nachhinein fällt mir auf, dass ich dich nie nach deinen Problemen gefragt habe. Ich fürchte, ich hatte angenommen, du hättest keine, weil du nie wolltest, dass ich dir in kreisenden Bewegungen über den Rücken streiche oder mit dir die prozentuale Wahrscheinlich einer Niederlage ausrechnete. Sag, hast du dir das gewünscht?  Sag, warst du auch am verzweifeln? Sag, habe ich dich umsonst beneidet? Aber alles, was du sagtest, war, dass wir es gemeinsam durchstehen.  Doch letztendlich waren wir nur gemeinsam einsam.    
 

Hassliebe 

Ich habe nie verstanden, wie man jemanden gleichzeitig hassen und lieben sollte. Wie sich Gefühle so verstricken konnten, ohne dass sich die Fäden um dein Herz spannten und es erwürgten.  Ich habe es nie verstanden, bis wir einmal zusammen spazieren gingen.  Meine Mutter würde mir immer vom Fenster aus hinterhersehen, als hätte sie Angst, dass ich nicht mehr zurückkehre, hast du mir verraten.  In diesem Moment wünschte ich, ich würde dich hassen, so sehr hassen, dich wegstoßen und nie mehr zu dir umdrehen.  Ich wünschte, du würdest mich verlassen, nein, ich würde dich verlassen, ich schrie, geh, geh, geh, ich hasse dich.  Ich hasse dich, weil du das siehst, wovor ich mich verstecke.  Ich hasse dich, weil du mich zwingst, dass zu sehen, wovor ich mich verstecke. Ich bin ein Feigling, ein Egoist, und ich wünschte so oft, ich hätte dich hassen können.  Es tut mir so leid, dass du mich geliebt hast, während du mich hassen solltest und ich dich gehasst habe, während ich dich lieben sollte. Du warst das Gute in mir, verstehst du? 

Anfangsende 

Wir hatten niemals einen Anfang. Du bist gekommen. Einfach so. Vor Tagen, vor Wochen, vor Monaten.  Du bist gekommen, ohne zu fragen, hast dich an meine Seite gestellt und bist mitgegangen. Ich kenne kein Datum, keinen Augenblick, keinen Moment, ich kenne nur dich.  Vielleicht bist du erst vor Stunden, vor Minuten, vor Sekunden gekommen, zwischen denen mein ganzes Leben lag.  Ich habe akzeptiert. Einfach so.  Jedes Mal wenn du meinen Namen sagtest, wenn du neben mir einschliefst, wenn du das machtest, was ich machte, habe ich akzeptiert, dass es dich gab und dass deine Anwesenheit sich so furchtbar tröstlich anfühlte. Aber während wir uns so gegenüberstehen, während wieder einmal Monate, Wochen, Tage, Stunden, Minuten und Sekunden zwischen uns schweben, wird mir klar, dass wir auch nie ein Ende haben werden.  Du wirst gehen. Einfach so. Und ich werde es akzeptieren. Dieses Ende ist unser Anfang, dieser Anfang war unser Ende. 

Du

Manchmal hatte ich das Gefühl, dass wir uns nur in der Gegensätzlichkeit glichen.  Jeder kannte mich doch keiner kannte dich. Jeder sah mich doch keiner sah dich. Jeder rettete mich doch keiner rettete dich. Niemand begriff, dass du mehr ich warst, als ich es je hätte sein können.  Natürlich war mir klar, dass du nicht echt warst. Nicht real. Nicht wirklich. Aber ich bin dir so dankbar. Du hast mit mir geweint, wenn ich alleine gelacht habe. Du hast mir die Sonne geschenkt, bevor ich im Regen ertrunken wäre. Du hast mir beigebracht, wie ich schreien kann, sodass ich mich auch selber höre. Du hast versuchst meinen Sturz zu lindern, indem du mir deine Flügel liehst. Du hast dich an meinen Scherben geschnitten, als du mein Herz wieder zusammengelegt hast. Du hast aus deinem Vertrauen eine Hoffnung geschaffen, die man überlebt. Du hast mir die Gemeinsamkeit in der Einsamkeit gezeigt.
 
Du hast mir beigebracht, dass Hass nicht gleich Hass ist und Liebe nicht gleich Liebe und das man beides fühlen kann, ohne daran zur zerbrechen. Du hast mir ein ewiges Ich gegeben, das kein Anfang und kein Ende hat.  Einmal hast du mich gefragt, wie ich das zwischen uns nennen würde. Ich wusste es nicht. Doch während ich nun mein Gesicht betrachtete, meine Wangenknochen, meinen Mund, meine Nase, meine Augen, hallt ein einziges Wort in mir wieder. Bittersüß. Dann zerbreche ich den Spiegel. 

Ichweißes 


E n d e  

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