Spannung / Titelgeschichte

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Im Wald

Mörderisches Schweigen

In ihrem neuen Taunus-Krimi „Im Wald“ holt Nele Neuhaus die dunkle Vergangenheit eines Dorfes ans Tageslicht – und erweist sich einmal mehr als fachkundige Kriminologin.

Mitten in der Nacht geht im Wald bei Ruppertshain ein Wohnwagen in Flammen auf. Für Kriminalhauptkommis­sar Oliver von Bodenstein und seine Kollegin Pia Sander, geschiedene Kirchhoff, vom K11 in Hofheim der Beginn einer mysteriösen Mordserie, die den kleinen Taunusort erschüttert. Aber auch ­Bodenstein selbst. Er ist in Ruppertshain aufgewachsen, kennt alle Bewohner – ebenso die Opfer – von klein auf. Mit einem Schlag ist er tief ins Geschehen verstrickt, denn die Ermittlungen führen schnell 40 Jahre in die Vergangenheit, als sein bester Freund Artur spurlos verschwand. 

„Im Wald“, Nele Neuhaus’ achter Fall für das Ermittlerteam ­Bodenstein / Sander ist, so empfindet es die Bestsellerautorin selbst, im Hinblick auf die menschliche Intensität der Figuren ihr stärkstes Buch. Eine komplexe Kriminaltragödie und meisterlich ver­wo­bene „Doppelgeschichte“, die aus zahllosen Mosaiksteinchen eine dunkle Vergangenheit zum Bild fügt, aus der die Verbrechen sich erklären. Mit feinem Gespür zeichnet Nele Neuhaus zugleich das Psychogramm eines Dorfes und seiner Bewohner, die aus Scham, Angst, Schuldgefühlen oder falsch verstandener Solidarität über Jahrzehnte wegsehen, schweigen, verdrängen, sich arrangieren, um das tägliche Mit- und Nebeneinander lebbar zu machen.

Traumhafter Blick vom „Zauberberg“

Gut gelaunt, in Jeans und T-Shirt steht Nele Neuhaus auf der Sonnenterrasse des „Merlin“ in Ruppertshain, einem zentralen Schauplatz ihres neuen Krimis, an dem sie nicht nur ihren Chefermittler Bodenstein am Ende von seinem Kindheitstrauma befreit. Auch für die Autorin selbst schließt sich in Ruppertshain ein Kreis: Ins „Merlin“ auf dem „Zauberberg“, jene schlossähnliche, frühere Lungenheilanstalt mit traumhaftem Blick über Vortaunus und Main­ebene, hat sie vor gut zehn Jahren zur Lesung eingeladen, um ihr erstes, damals noch auf eigene Kosten gedrucktes Buch „Unter Haien“ zu präsentieren. Einen Thriller, den sich die agile, zugewandte Frau mit unbändigem Willen zu schreiben zwischen den Vollzeitjobs in der Fleischfabrik ihres damaligen Mannes, dem Training seiner Springpferde und nicht zuletzt gegen dessen Ablehnung der „Schreiberei“ regelrecht erkämpft hat. Wie Bodenstein hat auch Neuhaus Ruppertshain als „früheren Lebensabschnitt“ hinter sich gelassen, ist zu neuem Leben und neuer Liebe aufgebrochen. 

Sie kennt den Ort in- und auswendig, jeden Menschen, jeden Winkel – genau das habe Ruppertshain auch zum idealen Schauplatz gemacht, sagt sie und lacht ihr herzliches Mädchenlachen. Sie, die kriminologisch auf jedes Detail achtet, peinlich jeden „Logikbruch“ vermeidet, kann hier jede Szenerie blind beschreiben, jede Wegstrecke auf die Minute „timen“, und sie weiß, wie ein Dorf tickt. Vor der realen Kulisse entfaltet sie frei ihre Geschichten, entwirft ihre Figuren, die „du und ich“ sein könnten: „Das macht mir unglaublich viel Spaß.“ Dass ihr Duz-Freund Bandi, der Wirt des „Merlin“, im Buch wie im realen Leben als Drehkreuz wichtiger Dorfinformationen eine Rolle spielt, ist für Nele Neuhaus dabei eher „der kleine Spaß obendrauf“. Ebenso, dass ihre Ermittlerin Pia auffallend zu ihrer eigenen Personenbeschrei­bung passt und ihre Vorliebe für Nutella, Sardellen-Pizza und Cola light teilt. Schmunzelnd nimmt sie einen Schluck: „Das Menschliche ist das Wichtigste. Dass jede Figur auch der Nachbar oder Freund sein könnte, man sich darin erkennen kann.“ 

Das mag erklären, weshalb ihre Taunus-Krimis in 32 Sprachen übersetzt werden und sie sogar aus Japan oder Südkorea begeisterte Zuschriften erhält. Mit der Schublade Regionalkrimi tut sich die Frau, die seit Jahren zu den erfolgreichsten deutschen Krimiautoren zählt, deshalb schwer, spricht lieber von „Kriminalromanen mit regionaler Verortung“. 

So allgemeingültig und frappierend real entwickelt die 49-Jährige auch ihre Verbrechen, die immer knallharter Recherche entspringen. „Es gibt in Deutschland 200 000 Polizisten – ich habe ein kritisches Fachpublikum.“ Stundenlang erörterte sie mit „echten“ Kollegen vom K 11 oder mit dem früheren Chef der Frankfurter Rechtsmedizin Ermittlungs- und Untersuchungsmethoden oder Tathergänge bis ins Detail. Inzwischen hat sich Nele Neuhaus ein derart profundes kriminologisches Fachwissen angeeignet, dass sie vom Polizeipräsidenten für Westhessen zur Kriminalhauptkommissarin ehrenhalber ernannt wurde. 

Im Moment genießt sie die Ruhe vor dem nächsten Mord, schreibt „zur Entspannung“ weitere Bände ihrer Pferdebuch-­Reihen für Mädchen und unter ihrem Geburtsnamen Nele Löwenberg den dritten Romanband über die fiktive junge Amerikanerin Sheridan Grant. Doch das Verbrechen lauert überall – Bodenstein und Sander sind auf der Hut.

Anita Strecker

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