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Letzte Freunde

Letzte Freunde

Der Abschlussband ihrer viel gerühmten Trilogie und ein großer Roman: In „Letzte Freunde“ erzählt die Britin Jane Gardam von einem, der vom Leben alles bekommt, nur nicht die Frau, die er liebt. 

Jane Gardams großer Roman beginnt ganz am Ende der Geschichte – mit einer Beerdigung oder genau genommen sogar mit zweien. Die beiden Toten sind Terry Veneering und Sir Edward Feathers, einst gefeierte Anwälte für englisches und internationales Baurecht sowie erbitterte Feinde über mehr als ein halbes Jahrhundert.

Im Rückblick und aus wechselnden Perspektiven erzählt Jane Gardam, die Grande Dame der britischen Literatur, mit feinem Humor und großer Sensibilität, wie es zu dieser grimmigen Feindschaft kam und warum ein so brillanter, lebenstüchtiger Mann wie Terry Veneering trotz all der unerhörten Glücksfälle in seinem Leben nie wirklich glücklich wurde. 

Dabei, daran lässt Gardam wenig Zweifel, hatte er die besten ­Voraussetzungen dafür. Er hatte etwas, um das ihn viele seiner Generation, vor allem aber Edward Feathers, beneidet hätten. Der kleine Terry wächst zwar in ärmlichen Verhältnissen in einem ­Fischerdorf im Norden Englands auf, aber mit einer Mutter, die ihren begabten, strohblonden, unerklärlich weltmännischen Jungen uneingeschränkt liebt. Und diese Liebe ist bei allem Überschwang keine aufdringliche. Im Gegensatz zu allen anderen Müttern des Dorfes bringt Florrie ihren kleinen Sohn zwar jeden Morgen unverdrossen zur Bahn, aber immer einige Schritte hinter ihm gehend, beinahe als hätten sie beide nichts miteinander zu tun: „Niemals hätte sie Terence etwas zugerufen, um ihn an etwas zu erinnern, das wäre einer Beleidigung für sie beide gleichgekommen, aber zwischen ihnen schien ein unsichtbares Band zu bestehen.“ 

Von seinem Vater, der aus Odessa stammt, hat Terry das aristokratische Aussehen, die Weltgewandtheit und die Begabung für Sprachen geerbt. Schon bald sticht der Junge nicht nur durch sein helles Haar und seinen gesunden Teint aus der Schar der „dünnen, grau­gesichtigen“ Kinder seines Alters heraus, er fällt auch durch seine Intelligenz auf und ein ungestümes Selbstvertrauen. 

Ohne Förderer hätte er dennoch als Arbeiter in der Eisenhütte enden können. Aber Zeit seines Lebens gelingt es Terry, Gönner zu finden und einflussreiche Menschen für sich einzunehmen. Hinzu kommt ein beinahe unfehlbarer Instinkt dafür, zur richtigen Zeit am richtigen Platz zu sein. Der zeigt sich auch, als der 14-Jährige auf einem luxuriösen Passagierschiff nach Kanada verschickt werden soll. Das Schiff erscheint ihm wie ein Traum aus Tausendundeiner Nacht mit seinen Palmen, seinen „Trägheit verströmenden Liegestühlen“, den „glitzernden Restaurants“ und Ballsälen. Aber all der Glanz kann Terry nicht davon abhalten, wieder von Bord zu gehen, geradezu zu flüchten. Wenige Tage später geht die „City of Benares“, die es tatsächlich gab, mit 200 Kindern an Bord unter.

Es ist nur eine der vielen Episoden im Buch, die Veneering in einem besonderen Licht erscheinen lassen, als jemand, der vom Schicksal begünstigt ist, beinahe unverletzlich, beinahe makellos. Terry wird eine grandiose Karriere hinlegen. Er wird wie sein Rivale Feathers zu einem der glänzendsten Juristen des Empire aufsteigen. Er wird viel Geld verdienen und eine der schönsten Frauen Hongkongs heiraten. 

Dennoch wird Veneering nicht glücklich werden, genauso wenig glücklich wie sein Rivale Feathers, allerdings aus genau entgegengesetzten Gründen. Während Feathers nie richtig gelernt hat zu lieben, ist Veneering ein Meister darin. Das ist seine größte Stärke, aber zugleich seine große Schwäche. Denn Veneering, der die schönsten Frauen der Welt hätte haben können, will nur eine: die patente, sommersprossige, fröhliche Betty Feathers, Edward ­Feathers’ Ehefrau. 

Wie schon in den ersten beiden Bänden ihrer Trilogie verschränkt Jane Gardam auch in „Letzte Freunde“ die verschiedenen Zeitebenen so eng und kunstvoll miteinander, dass alles beinahe gleichzeitig zu geschehen scheint. Da ist Florrie, die ihren kleinen Jungen zur Bahn bringt. Da sind Feathers und Veneering, die sich in nächster Nachbarschaft voneinander im beschaulichen Dorset zur Ruhe gesetzt haben und zu einer fragilen Freundschaft finden. Da ist der aufstrebende Kronanwalt Veneering, der sich in die junge Betty verliebt – und schon im nächsten Moment ist von Betty nicht viel mehr übrig als ihr Foto auf Feathers’ Kaminsims, das Veneering immer ansieht, wenn die beiden alten Männer Schach spielen. Und ganz am Ende gibt es keinen mehr, weder Betty noch Feathers noch Veneering – und genau damit fängt dieser wunderbare Roman an.

Ina Grün

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