Belletristik / Aufgeblättert

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Einfühlsam und intensiv

Lori Nelson Spielman weiß, was Frauen gern lesen. Ihr neuer Roman „Und nebenan warten die Sterne“ ist bewegender Schmökerstoff für alle Mütter, Töchter und Schwestern.

Gleich mit ihrem ersten Buch „Morgen kommt ein neuer Himmel“ gelang der Amerikanerin Lori Nelson Spielman ein sensationeller Welterfolg. Die Geschichte über eine junge Frau, die nach dem letzten Willen ihrer Mutter eine Liste mit Lebenszielen abarbeiten soll, bevor sie ihr Millionenerbe antreten darf, erschien in über 30 Ländern und avancierte in Deutschland 2014 zum meistverkauften Roman in der Sparte Belletristik. Seit diesem starken Debüt und ihrem zweiten ebenfalls sehr erfolgreichen Roman „Nur einen Horizont entfernt“ gilt Spielman als Garantin für lebensnahe Frauenliteratur. Nun legt sie ihren dritten Wurf vor, wiederum eine intensive Mutter-Tochter-Geschichte. 

Eigentlich wollte Erika ihre beiden Töchter Kristen und Annie nach den Ferien mit dem Auto zurück zur Uni bringen. Aber dann kommt ein Geschäftstermin dazwischen, und die beiden College-Studentinnen beschließen, den Zug nach Philadelphia zu nehmen. Doch nur Kristen steigt in den Acela-Express – und ­verunglückt tödlich. Erika und ihre Adoptivtochter Annie machen sich beide schwere Vorwürfe. Doch anstatt sich in Zeiten der Trauer gegenseitig Halt zu geben, entfremden sie sich immer mehr voneinander. 

Mit „Und nebenan warten die Sterne“ hat Spielman eine gefühlsstarke Geschichte geschrieben über Mutterliebe, Vertrauen und die Kraft loszulassen.

Leseprobe aus Lori Nelson Spielmans Roman "Und nebenan warten die Sterne"

Als Annie ihr Zimmer verlässt, hört sie ein Geräusch, das einem leisen Miauen gleicht. Sie schleicht durch den Flur und stellt fest, dass Kristens Zimmertür angelehnt ist, zum ersten Mal seit sechs Monaten. Was ist da los? Annie schiebt sie auf und späht hinein. Auf einem Stuhl am Schreibtisch sitzt ihre Mutter, das Gesicht in den Händen vergraben.

Wow, endlich ein Anflug von Gefühlen. Unsicher, was sie tun soll, schaut Annie zu, ahnungslos, wie sie diesen Menschen trösten soll, der ihr so fremd geworden ist. Seit dem Unglück ist ihre Mutter noch schmaler geworden. Die Gespräche, die sie seither geführt haben, kann Annie an einer Hand abzählen. Nicht ein Mal hat ihre Mom aufrichtig gelächelt, nicht ein Mal auch nur kurz gelacht. Es ist, als wäre das Licht in ihren Augen erloschen. Sie sind leer. Früher hat sich Annie an der Arbeit ihrer Mutter gestört. Heute würde sie alles dafür geben, wieder die frühere Leidenschaft und Begeisterung in ihrem Gesicht zu sehen. 

Annie versucht mühsam, ihre Tränen zu unterdrücken. Nur in kurzen Momenten wie diesem, wenn ihre Mutter sich unbeobachtet fühlt, kann man sehen, wie verletzlich sie in Wirklichkeit ist. Sie wirkt gebrochen und schwach und hat unheimliche Ähnlichkeit mit Krissie. So zierlich, schön und anmutig. Annie hat sich in der Familie immer wie ein tollpatschiger Clown neben zwei Ballerinen gefühlt, der versucht, nicht aufzufallen. Schon vor Jahren hat sie es aufgegeben.

Sie wagt sich einen Schritt vor und räuspert sich. Ihre Mutter richtet sich auf und wischt sich über die Wangen. 

„Guten Morgen, Süße.“ Sie schiebt ein kleines Buch vom Schoß unter den Morgenmantel und legt die Hand darauf, als wolle sie es verstecken.

„Guten Morgen, Mom. Ist alles in Ordnung?“

„Ja, alles gut.“

Aber Annie sieht das bebende Kinn. Sie tritt noch näher heran und hofft, es nicht schlimmer zu machen, wenn sie ihre Schwester erwähnt. „Sie kommt wieder. Wart’s ab!“

Ihre Mutter kneift die Augen zusammen. „Annie, bitte! Du musst es akzeptieren. Kristen ist nicht mehr da.“ 

Am liebsten würde sie ihre Mutter anschreien, warum sie Krissie so schnell einäschern ließ. Aber sie weiß, dass auch ihre Mom die frühe Verbrennung bereut. An dem Tag, als die Asche ankam, hörte Annie sie mit Tante Kate telefonieren: „Selbst wenn wir einen DNA-Test machen wollten, ist das jetzt nicht mehr möglich.“

„So wenig wir es glauben wollen, Annie, wir müssen nach vorne sehen.“

Annie kniet sich neben den Stuhl. „Tust du das denn? Schau dich doch an! Wie dünn du geworden bist. Du kennst nur noch deine Arbeit.“ Sie erspäht das Büchlein, versteckt unter dem Morgenmantel. „Was hast du da?“

„Nichts.“

Ihre Mutter will es schnell zudecken, doch Annie hat den goldenen Einband bereits erkannt. O nein! Das ist nicht nichts. Es ist ihr Album, das Exemplar, das sie Kristen am Tag des Unfalls ausleihen wollte. Sie hat es auf Kristens Bett liegen lassen, damit es da ist, wenn ihre Schwester nach Hause kommt.

„Habt ihr über mich geredet, Annie? Fand Kristen, ich hätte vergessen, was wirklich zählt?“

Auf einmal begreift Annie alles: die Tränen, der Versuch ihrer Mutter, das Büchlein zu verstecken. Verdammt! Sie hat die gehässigen Bemerkungen gelesen, die Annie vor langer Zeit hineingekritzelt hat.

Sie will sich dafür entschuldigen, schließt jedoch schnell wieder den Mund. Hat sie ihre Mutter richtig verstanden? Glaubt sie, es sei Kristens Exemplar und deren bissige Kommentare, nicht Annies? Hat Mom denn vergessen, dass Kristen das silberne Büchlein gehörte? Insgeheim war Annie immer stolz darauf gewesen, das goldene bekommen zu haben. Auch wenn es vielleicht reiner Zufall war. Aber ihrer Mutter muss doch der Unterschied in der Handschrift auffallen!

Sie schielt zu ihr hinüber, das Gesicht ist mit roten Flecken übersät. Offensichtlich hat ihre Mom es nicht bemerkt, woher auch? Seit Jahren schreiben sie sich ihre Nachrichten nur noch auf Tastaturen und Bildschirmen.

Annie wendet den Blick ab, ihr Herz rast. Sie muss beichten. Die Kommentare haben ihre Mutter sichtlich berührt. „Kristens“ Worte haben eine erkennbare Wirkung auf sie gehabt. 

Da kommt Annie ein Gedanke: Vielleicht ist das ihre Chance! Bevor sie Zeit hat, die Folgen zu bedenken, trifft sie im Bruchteil einer Sekunde eine Entscheidung.

„Ja.“ Sie versucht zu schlucken, doch ihr Mund ist trocken. „Kristen hat dich angehimmelt, Mom. Aber sie hat auch gesehen, wie traurig du geworden bist.“ 

Annie ist bewusst, dass sie gerade eine Grenze überschreitet, dennoch fährt sie fort, ihre Meinung als die ihrer Schwester auszugeben. „Fanden wir beide.“

„Traurig?“ Ihre Mutter runzelt die Stirn. „Das hat sie gesagt?“

„Ja.“ Annie wagt sich weiter vor auf diesem schmalen Ast, in der Hoffnung, dass er sie trägt. Vielleicht hört ihre Mutter nun endlich zu. „Kristen wollte dein altes Ich zurück, die Mutter, die alberne Witze reißt und mit uns unter Grandmas Quilt kuschelt und unsere Lieblingsserien guckt. Weißt du noch, diese riesige Schlange auf unserer Reise nach Costa Rica, als ich total ausgeflippt bin? Du hattest das Gummitier irgendwo gekauft und unter mein Kopfkissen gelegt.“

Nun lächelt ihre Mutter. „Du hast die Schlange zusammen mit dem Kissen quer durchs Zimmer gepfeffert und die Lampe ging zu Bruch.“

„Wir haben so gelacht. Was ist nur passiert? Kristen fand, dass du dich im letzten Jahr verändert hast, seitdem wir zum College gehen.“ Bitte versteh mich, Kristen! Ich muss sie doch irgendwie erreichen!

„Aber sie hat mich immer ermutigt, mich anzustrengen. Erinnerst du dich nicht? Einer ihrer letzten Wünsche war, dass ich diesen Wettbewerb gewinne. Sie hat mich angespornt, meine eigene Firma zu gründen.“

Annie schüttelt den Kopf. „Ja, aber sie wollte nicht, dass du nur noch die Arbeit im Kopf hast.“ Annie spürt, dass sie rot wird. Ihre Mutter muss doch merken, dass sie lügt! 

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