Romane

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26.11.2006

Ein Bayer in Rom

Die Begeisterung über Papst Benedikt XVI. kennt keine Grenzen. Davon abgesehen stellt sich die Frage, in welche Richtung der einstige Kardinal Joseph Ratzinger, der für seinen strikten Konservativismus bekannt gewesen ist, die katholische Kirche führen wird.

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Fußballweltmeister sind wir ja nicht geworden, aber „Wir sind Papst“, wie es die „Bild“-Zeitung schlagend formuliert hat. Geht es nach der mehr als 2000 Jahre lang penibel geführten kirchlichen Statistik, wird rund alle 500 Jahre ein Deutscher zum Papst gewählt, weswegen wir die Amtszeit „unseres“ Benedikt XVI., bürgerlich Joseph Ratzinger, genießen sollten.
In seinem früheren Leben, als Theologieprofessor, Bischof und Kardinal, zog er nicht viel Medieninteresse auf sich. Man erinnerte sich seiner als eines exzellenten Wissenschaftlers und Hochschullehrers, erzählte, wie er bescheiden mit dem Fahrrad durch Tübingen fuhr, während sein Kollege und späterer Widerpart im Glauben Hans Küng mit dem Alfa Romeo zur Vorlesung brauste – und buchte ihn im Übrigen als „Hardliner“ ab. Denn die Aufgabe, für die ihn Johannes Paul II. im Jahre 1982 nach Rom rief, die katholische Lehre gegen irrige Auffassungen und Lehrmeinungen zu verteidigen, setzt eine konservative Grundeinstellung voraus.
Als Präfekt der Glaubenskongregation, der früher Heilige Inquisition genannten Behörde, beharrte Ratzinger auf den überkommenen katholischen Glaubensfundamenten. Er wehrte sich vehement gegen Angriffe auf den Unfehlbarkeitsanspruch des Papstes, vertrat mit Entschiedenheit den Zölibat und lehnte das Priesteramt für Frauen genauso ab wie künstliche Empfängnisverhütung und Schwangerschaftsabbruch. Auch mit der von den evangelischen Kirchen wiederholt geforderten Ökumene konnte er sich nicht anfreunden und sprach sich deshalb gegen das gemeinsame Abendmahl aus.
So gesehen, war es nicht verwunderlich, dass ihn die englische Presse, nie zimperlich in ihren Charakterisierungen, als „Panzerkardinal“ titulierte. Dessen Wahl zum Papst würde den 1,1 Milliarden Katholiken keine neuen Horizonte eröffnen, sondern lasse vermuten, dass am Bestehenden unbeirrt festgehalten werde.
Nichtsdestotrotz schlug Benedikt XVI. eine Begeisterung entgegen, mit der er wohl selbst nicht gerechnet hatte. Halb Deutschland pilgerte nach Rom, um ihm Reverenz zu erweisen, und die Reisen in seine Heimat, ob zum Weltjugendtag nach Köln oder zu seinen ehemaligen Wirkungsstätten in Bayern, gerieten zu wahren Triumphzügen der christlichen Religion.
Ganz anders als in seinen Auftritten als strenger Glaubenshüter, erlebte die Welt einen lockeren, charmanten Papst. Der mit einem theologischen Programm überraschte, das sich nicht in Verboten erschöpfte, sondern bewusst die eigentliche „frohe Botschaft“ des Evangeliums verkündete, die Gewissheit, von Gott geliebt und angenommen zu werden. Oder, wie er es bei seiner Amtseinführung ausdrückte: „Wer glaubt, ist nie allein – im Leben nicht und auch im Sterben nicht.“

Vom Kardinal zum Heiligen Vater
Das vermeintliche „Doppelgesicht“ des Heiligen Vaters forderte die Biografen heraus. Nach kaum einem Monat im Amt erschien bereits das erste Buch, aber es ist alles andere als ein „Schnellschuss“. Heinz-Joachim Fischer, seit einem Vierteljahrhundert Korrespondent der „FAZ“ in Rom und einer der besten Kenner des Vatikans, hatte das Wirken Ratzingers in Deutschland und Rom von Anfang an mit viel Sympathie verfolgt und war gerade dabei, eine Biografie des Kardinals zu schreiben, als dieser zum Papst gewählt wurde, was Fischers Buch zum noch fehlenden krönenden Abschluss verhalf.
Die „kritische Biographie“ Christian Feldmanns geht dagegen mit größerer Distanz zu Werke. Der Autor, ein Schüler Ratzingers aus seiner Zeit als Theologie-Professor in Regensburg, hat den Vorteil, bereits ein Jahr Amtszeit des Papstes überblicken zu können. Was Feldmann sieht, erfüllt ihn mit Skepsis. Einerseits erkennt er die geschliffene theologische Bildung Benedikts an, seine Mehrsprachigkeit, seine diplomatischen Fähigkeiten, andererseits erlebt er ihn als „Ordnungspolitiker“, der gerne und überall Schmutz, Verkrustung und Entartung wittere. Dem setzt Feldmann die schon seit langem geforderte Neuausrichtung der Kirche entgegen. Mitsamt den Forderungen nach Abschaffung des Zölibats, der Priesterweihe für Frauen und dem gemeinsamen Abendmahl für beide Konfessionen. Doch bei aller Kritik kann sich letztlich auch Christian Feldmann der Faszination eines Papstes nicht verschließen, der nicht einmal den Versuch macht, seinem bewunderten Vorgänger nachzueifern, sondern der ganz er selbst ist, in seinen persönlichen Ansprüchen äußerst bescheiden, aber ehrgeizig in der Verfolgung seiner Ziele – und der wohl gerade deswegen die Massen der Gläubigen begeistert.
Aber was will der neue Papst wirklich, der sich selbst als „einfachen Arbeiter im Weinberg des Herrn“ bezeichnet und dessen „Regierungsprogramm“ darin besteht, „nicht meine Ideen durchzusetzen, sondern gemeinsam mit der ganzen Kirche auf Wille und Wort des Herrn zu lauschen und mich von ihm führen zu lassen“?
Der Theologe und wichtigste katholische Kommentator in den USA, George Weigel, hat sich darüber im „Projekt Benedikt“ seine Gedanken gemacht. Für ihn steht das einst christliche Europa am Rand der Selbstaufgabe, von einer „kulturellen Moralkrise“ geschüttelt, die es unfähig mache, eine wirkliche geistige Auseinandersetzung mit dem aggressiv auftretenden Islam zu führen. Allein der katholischen Kirche traut Weigel zu, eine Gegenbewegung, gestützt auf die christlichen Werte der persönlichen Freiheit, des Glaubens und der Toleranz, ins Leben zu rufen und damit Europa neue Hoffnung zu geben. Von Papst Benedikt XVI. erwartet er eine Profilierung des katholischen Glaubens im Sinne von Entschiedenheit, Eindeutigkeit und Klarheit. So gesehen ist Weigels Buch auch ein Beweis dafür, wie Druck der einen Seite Druck auf der Gegenseite erzeugt.
Im Gegensatz zu diesem globalen Ansatz hat Hannes Hintermeier die kleinstmögliche Perspektive gewählt. Nicht von den Büchern und Predigten des Papstes her nähert sich der Journalist Benedikt XVI., sondern von dessen Geburtsort, dem Dorf Marktl am Inn. Was passiert, wenn die ländliche Idylle plötzlich eine „positive Naturkatastrophe“ überrollt, kann Hintermeier schon deshalb mit Ironie und Witz beschreiben, weil er gleich im benachbarten Wallfahrtsort Altötting zu Hause ist.

Pop-Papst aus Media-Marktl
Er verfolgt das Schicksal des „Papsthauses“ bis zu der Maklerin, die am Ende das Zehnfache des ursprünglichen Wertes als „angemessenen“ Kaufpreis realisiert, und schildert die erste Welle der Vermarktung, in der „Papsttorten“ und „-biere“ im „Papst-Café“ konsumiert werden. Aber er springt auch dem als „Media-Marktl“ gescholtenen Ort zur Seite, indem er dessen Versuch, an Benedikt zu profitieren, mit anderen Stätten der Heiligkeit in Bayern vergleicht – und siehe da, dort treibt der Devotionalienhandel ganz andere Blüten und fällt nur deshalb nicht auf, weil man daran seit Jahrhunderten gewöhnt ist.
Wer noch ein schönes Geschenkbuch für Weihnachten sucht, ist mit dem von den Journalisten der „Süddeutschen Zeitung“ geschriebenen und reich illustrierten Band „Bayer, Römer, Papst“, der auch die Papstreise nach Bayern umfasst, bestens bedient. Noch prächtiger und im Überformat kommt der Bildband „Papst Benedikt XVI.“ aus dem White Star Verlag daher, und das „Papstbuch für Kinder“ beantwortet die zehn wichtigsten Fragen, etwa „Was macht der Papst den ganzen Tag?“.
Alternativ bietet sich der direkte Weg zur Quelle an. Beispielsweise die erste Enzyklika des Papstes „Gott ist Liebe“ oder die von Burkhard Menke zusammengestellte westentaschengroße Sammlung von Papstworten „Wer glaubt, ist nie allein“. Oder man lässt sich von Benedikt XVI. selbst sein Leben erzählen. Die vor zehn Jahren festgehaltenen Erinnerungen umfassen nur die Zeit bis 1977, doch dem Menschen Joseph Ratzinger und seinem Glauben begegnet man darin ganz unmittelbar.

www.papst-benedikt.be
www.vatican.va
www.papstbenediktxvi.ch
www.benedikt-in-bayern.de

Pete R. Wilson

Titel
Heinz-Joachim Fischer
Benedikt XVI.
Herder - 12,90 € (D) / 13,30 € (A) / 23,50 sFr
Format: 191 S.
ISBN: 345127681X
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Christian Feldmann
Papst Benedikt XVI.
Rowohlt - 19,90 € (D) / 20,50 € (A) / 34,90 sFr
Format: 256 S.
ISBN: 349802115X
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George Weigel
Das Projekt Benedikt
Pattloch - 19,90 € (D) / 20,50 € (A) / 34,90 sFr
Format: 336 S.
ISBN: 3629021425
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Jeff Israely / Gianni Giansanti
Papst Benedikt XVI.
White Star - 29,95 € (D) / 30,80 € (A) / 52,30 sFr
Format: 176 S.
ISBN: 3939128376
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Gerda und Ulrich Harprath
Das Papstbuch für Kinder
St. Michaelsbund - 12,90 € (D) / 13,30 € (A) / 23,50 sFr
Format: 47 S.
ISBN: 3920821890
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Benedikt XVI.
Gott ist Liebe - Deus caritas est
Sankt Ulrich - 9,90 € (D) / 10,20 € (A) / 17,40 sFr
Format: 104 S.
ISBN: 3936484902
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Hannes Hintermeier
Ein Dorf wird Papst
Hanser - 16,90 € (D) / 17,40 € (A) / 30,80 sFr
Format: 240 S.
ISBN: 3446208062
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Matthias Drobinski / Hans Kratzer (Hg.)
Bayer, Römer, Papst
Süddeutsche Zeitung - 24,90 € (D) / 25,60 € (A) / 43,70 sFr
Format: 192 S.
ISBN: 3866153694
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Joseph Ratzinger – Benedikt XVI.
Wer glaubt, ist nie allein
Herder - 5,- € (D) / 5,20 € (A) / 9,30 sFr
Format: 120 S.
ISBN: 3451295687
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Joseph Kardinal Ratzinger
Aus meinem Leben
DVA - 10,– € (D) / 10,30 € (A) / 18,20 sFr
Format: 192 S.
ISBN: 3421051232
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