Hörbuch
Früher war natürlich nicht alles besser, aber einfacher: Autor X veröffentlichte Roman Y, und just wenn dieser einem aus dem Gedächtnis entschwand, folgte das Hörbuch. Man konnte das Werk aufs Neue entdecken. Heute ist es keine Seltenheit, dass die gedruckte Version und die auf CD gepresste gleichzeitig in die Buchhandlungen kommen. Man kann folglich den herkömmlichen Pfad zu einem Buch auch mal verlassen und mit dem Hören beginnen. Was nicht das Schlechteste ist, wie die Hörfassungen von vier viel gelobten Romanen beweisen.
Jakob Arjounis Zukunftsszenario „Chez Max“ ist ebenso unterhaltsam und hintersinnig geschrieben wie alle seine Romane. In der Utopie über die Welt im Jahr 2064 beherrschen die letzten Großmächte Europa und China den Globus. Die USA sind durch den ruinösen Irakkrieg zum Agrarstaat geworden, und Afrika und Arabien werden mit einem Zaun im Zaum gehalten. All das liest sich so flott und hellsichtig, dass einem angst und bange werden kann.
Wer sich ein wenig mit fantastischer und utopischer Literatur auskennt, wird sich an den vielen augenzwinkernden Anspielungen auf Orwell, Huxley oder Douglas Adams erfreuen. Die eingefleischten Arjouni-Fans dagegen müssen geradezu aufhorchen: Der 42-Jährige liest sein neues Werk nämlich selbst. Und zwar richtig gut, weil das sehr Jugendliche in Arjounis Stimme vorzüglich zum naiv-selbstkritischen Tonfall der Hauptfigur Max passt. Der ist einer der zahllosen systemtreuen Spitzel, mit denen sich Europa vor Terroristen aus der ausgebeuteten Zweiten Welt wappnet. Er denunziert seinen besten Freund, bekommt erstmals Zweifel, ermittelt dann gegen seinen Hardliner-Partner, um schließlich doch der Formel zu erliegen, der heute schon viele Paranoia-Politiker huldigen: Liberté, Egalité, Securité.
Tradition der mündlichen Erzählung
Ob nun der Autor selbst spricht oder nicht: Der unaufhaltbare Erfolg des Hörbuchs dürfte nicht nur praktische Gründe – lange Auto- oder Zugfahrten – haben, sondern auch mit unseren urzeitlichen Bedürfnissen zusammenhängen. Womit nun nicht gleich das Lauschen des Sängers am Höhlenfeuer heraufbeschworen werden muss, wohl aber unsere orale Tradition ins Spiel kommt, das Aufbewahren von Geschichte(n) durch das gesprochene Wort. Eine solche Idee kommt einem fast zwangsläufig, wenn der Schauspieler Heikko Deutschmann Morten Ramslands skurrile Familiensaga „Hundsköpfe“ – in Dänemark zum „Buch des Jahres 2005“ gekürt – variantenreich akzentuiert.
Dem unprätentiös geschriebenen Drei-Generationen-Epos sind Irving’sche Qualitäten bescheinigt worden. Kein Wunder bei dem verschrobenen Personal: Da wäre der cholerische Großvater Askild, der als Schmuggler ins KZ wandert. Oder Vater Niels mit den übergroßen Ohren. Oder Onkel Kurt, der Ausreißer und Seefahrer mit seinem tätowierten besten Stück. Und schließlich Asger, der phantasiebegabte Erzähler des Romans, von dem Askild wegen seiner Lügengeschichten meint, dass er „so voller Scheiße stecke wie ein altes Klo“. Derb-heiter – auch so unterhält man seit der Antike.
Der mündliche Vortrag ist das eine, aufs Maul schauen das andere. Was Zadie Smith hervorragend kann. In „Von der Schönheit“ ätzen und fetzen die Streitgespräche, die sich der Kunstgeschichtler Howard Belsey mit seiner ganz normal chaotischen Familie liefert. Wortwechsel der Hassliebe, die nur 20 Ehejahre und mehr hervorbringen können.
Da heißt es „stimmlich“ Zähne zeigen. Was die Schauspielerin Jasmin Tabatabai durchaus vermag. Mit ihrer – passend zum Titel – schönen Stimme führt sie durch die Handlung. Die besteht aus einem überschaubaren Gerüst – Howards Sohn verliebt sich in die Tochter seines Erzrivalen und dieser bekommt auch noch eine Professur an der gleichen Universität wie Howard – und darin rankenden Diskussionen: über Schönheit und die Kunst Rembrandts, Wissenschaft und Leben, Körper und das Altern. Über das, was Familien zerbrechen und zusammenhalten lässt.
Zum Schluss John Banvilles kleines Meisterwerk „Die See“, für das der große irische Wortschmied den Booker Prize 2005 bekam. Darin hält Max – wie bei Zadie Smith ein Kunsthistoriker, dem die Vergangenheit Refugium geworden ist – Rückschau: auf die Zeit, als er elfjährig seine Ferien in einer Pension an der See verbrachte und die von ihm bewunderte Familie Grace kennen und Tochter Chloe lieben lernte. Und auf das „Jahr der Plagen“, in dem er seine krebskranke Frau beim Sterben begleitet.
Banville pflegt einen kunstvoll-rhythmischen, zart-melancholischen Stil – und sagt so auch die ungeheuerlichsten Dinge –, der vom TV-Schauspieler Burghart Klaußner eindringlich interpretiert wird. Banville erzählt vor der Kulisse des ewig kommenden und gehenden Meeres, das großer Kunst ähnlich ist, die Schicksale gebiert und wieder verschlingt, um am Ende als Selbstzweck zu überdauern.
Ronald Dietrich
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Jakob Arjouni Chez Max Diogenes - 24,90 € (D) / 24,90 € (A) / 42,90 sFr Format: 4 CDs ISBN: 3257800606 Bestellen |
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Morten Ramsland Hundsköpfe steinbach sprechende bücher - 29,90 € (D) / 30,90 € (A) / 54,– sFr Format: 6 CDs ISBN: 3886987256 Bestellen |
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Zadie Smith Von der Schönheit DHV - 29,95 € (D) / 29,95 € (A) / 51,70 sFr Format: 6 CDs ISBN: 3899409302 Bestellen |
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John Banville Die See Patmos - 29,95 € (D) / 31,– € (A) / 55,– sFr Format: 6 CDs ISBN: 3491912202 Bestellen |
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