Belletristik / Im Gespräch

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T.C.Boyle© Brad Swonetz/Redux/laif

"Eine Art ökologische Komödie"

T. C. Boyles genialer neuer Roman „Die Terranauten“ erzählt vom Versuch, eine autarke Mini-Erde zu schaffen. Ein Gespräch mit dem Kultautor über Umweltkrisen, menschliche Kolonien im Sonnensystem und die ewig spannende Frage, wer mit wem ins Bett geht.

Ihr Roman basiert auf einer wahren Geschichte: 1991 ließen sich acht Wissenschaftler in einem luftdicht versiegelten Mega-Treibhaus in der Wüste Arizonas einsperren. Das Projektteam sollte völlig autark leben und gleichzeitig testen, ob diese künstlich geschaffene Biosphäre Menschen erlauben würde, in einer lebensfeindlichen Umgebung, etwa auf dem Mars oder in einer Raumstation, zu existieren. Warum haben Sie über dieses ebenso bizarre wie visionäre Jahrhundert-Experiment gerade jetzt geschrieben?
Ursprünglich wollte ich während des laufenden Versuchs darüber schreiben. Aber nachdem die echten Terranauten schon nach zwölf Tagen Isolation die Luftschleuse öffneten, war ich gründlich enttäuscht. Dass ich die Geschichte jetzt wieder aufgegriffen habe, liegt daran, dass das Thema in Zeiten der globalen Erwärmung und der aktuellen Flüchtlingskrise brandaktuell ist. Außerdem hat die NASA gerade ein ähnliches Projekt erfolgreich abgeschlossen, bei dem sechs Forscher ein Jahr lang in einem Vulkan auf Hawaii gelebt haben. 

Ihre acht Terranauten dürfen die geschlossene Ökosphäre zwei Jahre lang nicht verlassen. Mit großer Neugier beschreiben Sie, wie die vier Frauen und vier Männer mit dieser Ex­tremsituation umgehen. Haben Sie sich beim Schreiben gefühlt wie ein Tierforscher, der die Lebensweise einer neuen Spezies dokumentiert?
Nicht ganz, aber die Vorstellung gefällt mir. Auf jeden Fall fand ich es ungeheuer spannend, mir zu überlegen, wie die Crew die zwei Jahre Isolation überlebt. Wie funktioniert so eine künstliche Welt? Wie sieht der Alltag aus? Kommt es zu Machtkämpfen? Und wie groß ist das Risiko, dass etwas ernsthaft schiefgeht?

Apropos Machtkämpfe: Letztlich drohen nicht Hunger und Kakerlakenterror das Projekt zum Scheitern zu bringen, sondern die üblichen zwischenmenschlichen Probleme – Misstrauen, Neid, Eitelkeit, Rivalität. Offenbar können wir Menschen nicht aus unserer Haut, nicht mal für einen wissenschaftlichen Zweck.
Man weiß, dass kleine, von der Außenwelt abgeschnittene Gruppen, etwa auf Raumschiffen oder in der Antarktis, sich oftmals untereinander zerstreiten. Auch die Terranauten agieren in der Vorbereitungsphase wie eine eingeschworene, fast sektenartige Gruppe; aber kaum sind sie in ihrer eigenen Terrariumwelt eingeschlossen, wird es auf zwischenmenschlicher Ebene kompliziert. 

Aus den emotionalen Verwirrungen Ihrer Protagonisten schlagen Sie komödiantischen Gewinn: Den Leser verleiten vor allem die Szenen zum Lachen, in denen es um die Paarungsbereitschaft bei Mensch und Tier geht ...
Das Buch ist eine Art ökologische Komödie, dramatisch und zugleich unterhaltsam. Dabei ahnte ich anfangs nicht, wie sexy und hochkomisch diese Versuchsanordnung in meinem Roman werden würde. Vier Männer, vier Frauen. Zwei Jahre. Nichts kommt rein, nichts raus. Was in Gottes Namen sollen sie bloß tun? Über die Frage, wer mit wem ins Bett geht, wird nicht nur innerhalb der Gruppe spekuliert, sie treibt sogar die Öffentlichkeit um.  

Die Terranauten leben in ihrem futuristischen Gewächshaus ja wie in einem Goldfischglas: mit Überwachungskameras, unter ständiger Beobachtung von Presseleuten, Voyeuren und Touristen. Ihr Buch ist auch eine Satire auf die allgegenwärtigen Reality-TV-Formate.
Das historische Experiment war in der Tat eine der ersten Reality-Shows. Aber – im Unterschied zu vergleichbaren Fernsehsendungen heute – folgte es einem wissenschaftlichen Zweck, nämlich der Frage, ob wir eine künstliche zweite Erde schaffen ­können. Im Übrigen habe ich noch nie eine Reality-Show gesehen – anders als die meisten Fernsehzuschauer kann ich nämlich lesen ...

Immer wieder schreiben Sie über Utopisten, Umweltprobleme und die Zerstörung unseres Lebensraums. Vielleicht wird unsere Spezies eines Tages tatsächlich neue Kolonien im Sonnensystem gründen müssen.
Wir werden es zumindest versuchen. Aber, wie in meinem Roman beschrieben, ist es alles andere als leicht, Milliarden Jahre Evolutionsgeschichte künstlich zu reproduzieren. Die Zukunft erscheint mir nicht allzu rosig. Ich glaube, dass die Apokalypse schon im Anmarsch ist.

Interview: Alice Werner

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