Spannung / Im Porträt

Der Tod so kalt
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Luca D'Andrea© Porträt: Michele Melani

Eisiges Schweigen

Mit „Der Tod so kalt“ ist Luca D’Andrea ein fulminantes Thrillerdebüt gelungen. Der Südtiroler erzählt von den Schrecken der Berge und dem furchtbaren Geheimnis hinter einem Dreifachmord vor 30 Jahren. 

Sie sind die Helden der Berge: die Männer vom Bergrettungsdienst Dolomiten, über die Jeremiah Salinger einen Dokumentarfilm drehen will. Dann die Katastrophe: Bei dem Versuch, Salinger aus einer Gletscherspalte zu bergen, reißt eine Lawine den Hubschrauber samt seiner Crew in den Tod. Salinger wird Stunden später zwar nahezu unverletzt aus seiner eisigen Gruft geborgen, doch er braucht lange, um sich vom Schock zu erholen. Bei Wanderungen durch die Südtiroler Berge entdeckt er die 

Bletterbach-Schlucht, einen gewaltigen, viele Hundert Meter tiefen Canyon, reich an Fossilien und Dinosaurierspuren. Und er hört vom Bletterbach-Massaker, dem brutalen Mord an drei jungen Leuten vor 30 Jahren, der nie aufgeklärt wurde. Salingers ­Interesse ist geweckt, mehr noch: Der junge Amerikaner ist fortan wie besessen davon, Licht ins Dunkel zu bringen. 

So weit der Plot, den Luca D’Andrea in seinem ersten Thriller „Der Tod so kalt“ erzählt – ein Debüt, das es in sich hat und das nicht nur wegen seiner Spannung und der Fülle an unerwarteten Wendungen ein internationaler Bestseller wurde. Der Alpenkrimi schlägt auch einen ganz eigenen, bisweilen fast archaisch anmutenden Ton an und besticht mit einer genauen Kenntnis von Land und Leuten und den Herausforderungen der Bergwelt. Kein Wunder, schließlich ist auch D’Andrea ein „Gebirgler“, geboren 1979 in Bozen, der weiß, dass die Berge schrecklich sein können. „Ich wollte diese Postkartenidylle, die die Welt mit den Dolomiten verbindet, auslöschen“, sagt der Autor im Interview. 

Für seine Geschichte, die er aus der Perspektive ­Salingers erzählt, sei die Natur von zentraler Bedeutung, wie er betont: „Die Bergwelt ist unerlässlich als Hintergrund, weil sie einen geschlossenen Ort darstellt. Hier in der Gegend sagen wir: Was auf dem Gipfel passiert, bleibt auf dem Gipfel.“ Luca D’Andrea, der als Lehrer und Filmemacher arbeitet, hatte selbst gerade eine Bergretter-Doku gedreht, als ihm die Story für seinen ersten Roman vor Augen stand. „Ich begann zu recherchieren, was mich ein paar Monate gekostet hat; niedergeschrieben habe ich die Geschichte dann in 28 Tagen.“ 

Er erzählt die Geschichte von Jeremiah Salinger, der zwar mit einer Frau aus dem Dorf verheiratet ist, doch als Amerikaner immer der Fremde bleibt. Auch weil er Dinge tut, die absolut tabu sind: Salinger stellt Nachforschungen an und behelligt die Leute mit unbequemen Fragen. Sogar der eigene Schwieger­vater warnt ihn eindringlich davor, alte Wunden aufzureißen. Salinger schlägt im Dorf eisiges Schweigen entgegen – und die Brutalität und Wut der Einheimischen. 


Tod im Monstergewitter

Die Geschichte, der Salinger auf der Spur ist, reicht weit in die Vergangenheit zurück, in eine Zeit, als sich Deutsche und Italiener in Südtirol noch feindlich gegenüberstanden und es in den Bergen noch keine gepflegten Wanderwege, sondern von Wald­arbeitern und vom Wild getretene Pfade gab. Am 28. April 1985, dem Tag des Bletterbach-Massakers, braute sich vormittags ein gewaltiges Unwetter zusammen. Evi, Kurt und Markus waren schon frühmorgens zu einer Tour gestartet und wurden vom stundenlang tobenden Monstergewitter in der Bletterbach-Schlucht überrascht. Ein vierköpfiges Rettungsteam, darunter Salingers Schwiegervater, machte sich auf den Weg, fand die drei jungen Leute allerdings erst am nächsten Tag: Zwei Leichen waren grausam verstümmelt, Körperteile wie mit einer scharfen Axt abgetrennt. Der Dritte ­hatte offenbar zu fliehen versucht und lag mit eingeschlagenem Schädel in der Schlucht. 

Die Fahndung nach dem oder den Tätern war erfolglos, der Fall wurde zu den Akten gelegt. Doch in den Köpfen der Menschen blieb die Erinnerung an den Dreifachmord lebendig – und befeuerte über die Jahre zahlreiche Gerüchte über das, was sich damals ereignet hatte. Und immer wieder taucht die Geschichte eines furchterregenden, urtümlichen Tieres auf, das in den tiefen Höhlen der Schlucht haust und das durch die Sturzfluten des Gewitters herausgetrieben wurde und seine Opfer fand. 

Seine Schüler, vor denen er als Lehrer steht, seien „das wahre Geheimnis“ seines Erfolgs, sagt Luca D’Andrea. „Man muss sie neugierig machen, ihre Begeisterung wecken – das ist wirklich nicht leicht.“ All dies ist ihm in seinem Thrillerdebüt gelungen; was er zu erzählen hat, ist atemberaubend. 

Wolf Beetz

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