Belletristik / Titelgeschichte

Was alles war
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© Hendrik Lüders

"Jede Familie ist anstrengend"

Adoption, Familie und Beziehungen: In ihrem neuen großen Roman „Was alles war“ erzählt Annette Mingels die Geschichte von Susa – und damit auch ein wenig ihre eigene. 

Samstagnachmittag in Hamburg, ein kleines Café an der Elbe: Lust auf Kuchen hat Annette Mingels nicht, aber umso mehr auf ein Gespräch über ihren neuen Roman „Was alles war“. „Das ist ein sehr persönliches Buch“, sagt sie. Denn wie ihre Protagonistin Susa ist auch Annette Mingels als Kind adoptiert worden. Mit zwölf Jahren hat sie davon erfahren, mit 30 lernte sie ihre biologische Mutter kennen. Ein Gespräch über Wahlverwandtschaft, Familie und die Liebe, die schlechte Zeiten überdauert. 

Frau Mingels, Sie wurden als Kind selbst adoptiert. Ist Susas Geschichte auch Ihre Geschichte?
Es gibt tatsächlich viele Gemeinsamkeiten. Eigentlich war Adoption kein Thema, über das ich je schreiben wollte. Es ist ein wenig wie bei Susa – ich hatte nie ein Problem damit, dass ich adoptiert wurde, und bin in einer liebevollen Familie aufgewachsen. Aber dann gab es doch gute Gründe, die dafürsprachen: So stört mich zum Beispiel, wie das Thema Adoption in Büchern oder Filmen bisher fast durchgehend dargestellt wird. Da ist eigentlich immer ein Mangel seitens der Kinder – und dann begegnen sich Mutter und Kind und es ist ein glückliches Happy End, weil man sich endlich gefunden hat. Das leuchtete mir nie ein. Familiäre Vertrautheit ist ja nicht einfach da, nur weil man genetisch verwandt ist. 

Worauf kommt es denn an, damit man sich einander als Familie zugehörig fühlt?
Ich glaube, in einer funktionierenden Familie spielen zwei Dinge eine große Rolle: die Sicherheit, dass man sich aufeinander verlassen kann. Und die Liebe. Ich will nichts beschönigen: Jede Familie ist anstrengend, es gibt Streit und Krisen, auch meine Familie geht mir manchmal wahnsinnig auf die Nerven. Was aber am Ende bleibt, ist die Liebe. Dazu gehört auch, dass man sich immer wieder bewusst begegnet, Zeit zusammen verbringt. Das Materielle, ­Geschenke zum Beispiel, ist am Ende nicht so wichtig. Gemein­same Momente bleiben in Erinnerung, auch über den Tod von Angehörigen hinaus. 

Auch Abschied und Neubeginn spielen in „Was alles war“ eine wichtige Rolle … 
Ja, das ist es ja, was wir als Familie miteinander auch erleben. Wir begleiten einander durch das Leben und das Sterben. Als mein Vater starb, war meine Tochter drei Monate alt. Glück und Trauer lagen da ganz dicht beieinander, gleichzeitig hatte ich wegen der Kinder eigentlich keine Zeit zum Trauern. Diese Konfrontation mit der Endlichkeit zeigt uns auch noch einmal, was uns im Leben wirklich wichtig ist – und das ist eben oft die Familie.

Möchten Sie mit „Was alles war“ das Thema Adoption in den Fokus rücken?
Ich möchte Susas Geschichte erzählen – und damit auch ein wenig meine. Und es wäre schön, wenn sich der gesellschaftliche Blick auf dieses Thema etwas änderte. Ich glaube, dass adoptierte Kinder noch immer schnell stigmatisiert werden. Unsere Mutter hatte immer Angst davor; wir sollten deshalb im Dorf nicht darüber sprechen. Später habe ich mich selbst für die Adoption eines Kindes interessiert. Bei einer Beratung wurde uns gesagt, dass eine Adoption für Kinder nicht gut sei, es würde mit diesen Kindern spätestens in der Pubertät Probleme geben. Ja, es wäre schön, wenn Adoption akzeptierter wäre – insbesondere auch für die Mütter, die sich dafür entscheiden, ihr Kind zur Adoption freizugeben. 

Sie können das verstehen?
Nicht jeder Mensch ist in der Lage und willens, ein Kind großzuziehen. Ich bin sehr dankbar, dass meine leibliche Mutter mich weggegeben hat und ich in einer großartigen Familie aufwachsen konnte. 

Interview: Christiane Petersen

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