Belletristik / Aufgeblättert

Das Gedächtnis der Insel
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© Thomas Kierok

"Liebe kann man nicht besitzen"

Eine kleine Insel, ein verheerender Sturm und die dunkle Macht der Liebe: Christian Buders Roman „Das Gedächtnis der Insel“ packt den Leser wie eine Naturgewalt. Ein Interview mit dem Autor und eine Leseprobe aus seinem Roman.

Schauplatz Ihres Romans ist eine kleine bretonische Insel. Was verbindet Sie mit der Bretagne?
Ich habe zehn Jahre in Paris studiert und bin von dort aus immer wieder in die Bretagne gefahren. Einmal hat es mich auf die Île de Sein verschlagen, die mich zu meinem Roman inspiriert hat. Es ist eine kleine Insel, die gerade mal zwei Meter aus dem Wasser ragt. Bei stürmischem Wetter und hohen Wellen fühlt es sich an, als wäre man auf einem sinkenden Schiff. 

Yann kehrt nach Jahrzehnten zurück auf seine Heimatinsel, um seinen Vater zu beerdigen, als ein mörderischer Sturm aufzieht. Ein Symbol für die Geschichte, die Sie erzählen?
Das kann man so lesen. Die feindliche Natur spielt in meinem Buch eine zentrale Rolle. Sie greift aktiv in das Leben der Figuren ein und ist als Hauptperson zu begreifen. Das Ganze mündet in eine Kata­strophe und es bleibt – im wörtlichen Sinn, aber auch für die ­handelnden Personen – am Ende kein Stein auf dem anderen.

Ihr Roman erzählt auch davon, wie zerstörerisch Liebe sein kann – ein Thema, das Sie als Philosoph beschäftigt?
Die philosophische Grundlage meines Buchs ist die Idee Platons, dass die Liebe etwas ist, was die Menschen zwar begehren, was sie aber nie erreichen, einfach weil man Liebe nicht besitzen kann. Das Streben nach Liebe kann also auch sehr quälend sein.  

„Das Gedächtnis der Insel“ ist spannend und dramatisch – hatten Sie den Roman zunächst als Thriller geplant?
Nein, mein Roman war nie als Thriller konzipiert. Was die Handlung vorantreibt, sind keine Krimielemente, sondern die ­inneren Beweggründe, die Leiden der handelnden Personen.

Leseprobe:

Als der Pariser Archäologe Yann Schneider zur Beerdigung seines Vaters auf seine bretonische Heimatinsel zurückkehrt, spürt er die Schatten seiner Vergangenheit: Als Kind traumatisiert durch den Unfall seiner Mutter Abigale, muss er 30 Jahre später erkennen, dass bei ihrem Tod andere Kräfte wirken, als er immer annahm. Während ein fürchterlicher Sturm aufzieht, kommt Yann seiner eigenen Geschichte, seiner Wahrheit, seinem Schicksal auf die Spur und konfrontiert die Inselbewohner mit ihrer Vergangenheit und ihrer Schuld.

Eine Stunde dauerte die Fahrt bis zur Insel. Die Wellen türmten sich wie schwarze Berge auf. Die Dieselmotoren schoben das Schiff gegen die Wassermassen, um dann wieder in ein Tal aus schwarzgrünem Wasser zu stürzen. Die Dünung war stärker geworden, als sie die Pointe de Lervily passiert hatten. Vor ihnen lag nun der offene Atlantik. Noch war der Wellengang nicht beunruhigend für jemanden, der auf einem Stück Felsen aufgewachsen war, der an seiner höchsten Stelle gerade einmal neun Meter aus dem Wasser ragte. Wieder ging die Gischt über den Bug und hinterließ an Deck schäumendes Wasser. 

Ein Matrose schlitterte über Deck und rief ihm zu, sich nach innen in den geheizten Aufenthaltsraum zu begeben. Aus Sicherheitsgründen. Yann nickte ihm zu und ließ seinen Blick zum Horizont schweifen, der eine bewegte Linie im Regen war. Durch die grauen Schleier leuchtete kurz das Licht des Leuchtturms der Insel auf. Der alte Matrose wankte auf ihn zu. „Hier draußen ist es zu gefährlich. Eine größere Welle, und es fegt Sie von Bord. Die Leute glauben, dass die Wellen einem großen Schiff nichts antun können. Das Gefährliche an Wellen ist aber, dass sie nicht regelmäßig sind. Manchmal schieben sich drei oder vier Wellen übereinander, sie türmen sich zu riesigen Bergen auf, die mit einem Schlag zweihundert Meter lange Frachtschiffe versenken können.„Wenn man das Gesetz der Wellen kennen würde, dann würde man alles auf der Welt verstehen“, fuhr der Matrose fort. „Wir leben jahrelang in dem Glauben, dass das Regelmäßige uns umgibt und schützt. Als ob das Leben eine gleichmäßige Dünung wäre, und dann schaukelt sich etwas aus dem Gewohnten hervor. Und von einem Augenblick auf den anderen wird aus einem ganz normalen Leben ein Albtraum. Da überlegt jemand, ob er sich einen roten Wagen kaufen soll oder ob er heiratet oder nicht, und ein paar Stunden später findet man seine Leiche im Wasser. Irgendetwas bricht aus den gleichmäßigen Wellen heraus. Und mit einem Mal türmt sich ein Wellenberg auf, eine schwarzgrüne Wand. Niemand sieht das voraus. Ich bin mir sicher, dass der Mann, der von der Fähre gesprungen ist, auch nicht wusste, warum er sich umgebracht hat. Er war Arzt.“ 
„Woher wissen Sie, dass er auf der Fähre war?“ 
„Er stand auf unserer Passagierliste. Die Polizei sagt, der Mann sei von der Fähre gesprungen und die Strömung habe ihn in den Hafen der Insel geschwemmt. Das Meer schluckt nicht jeden Toten.“
„Nichts bringt mich dazu, über Bord zu springen, und keine Welle bekommt mich von Deck.“

Das Schiff sackte nach vorn in ein Wellental. Für einen Moment sah Yann den weißen Schaum auf dem schwarzen Wasser. Lichtreflexe von den Scheinwerfern. Yann hielt sich am Geländer der Eisentreppe fest. So stürmisch hatte er die See noch nie gesehen. Seine Mutter und sein Vater, beide starben im Meer. Vor dreißig Jahren sank das Segelboot, auf dem seine Mutter war, und jetzt war sein Vater auch im Meer gestorben. Die Wassermassen um die Fähre schienen ihm plötzlich unendlich. In jeder Minute starben Lebewesen in diesem Meer, andere wurden darin geboren. Seine Eltern waren nicht mehr als ein sterbender Wal oder eine tote Krabbe. Das Meer kümmerte sich nicht um die Toten. Die Vorstellung von der Gleichgültigkeit des Meeres beruhigte ihn. 

Hatte sich sein Vater das Leben genommen? Warum hatte man ihm nichts davon gesagt? Die Polizistin hatte etwas von einem Unfall gesagt. Yann konnte sich einfach nicht vorstellen, dass sein Vater sich das Leben genommen hatte. Er musste an die Riesenwellen denken, die aus dem Nichts kamen, alles zerstörten und ebenso unheimlich wieder verschwanden, wie sie gekommen waren.

Das Wasser hatte um diese Jahreszeit nicht einmal acht Grad. Sein Vater hatte über die Jahre unzählige Totenscheine ertrunkener Touristen und Fischer ausgestellt. Nur die Fischer wussten, dass eine Wassertemperatur von zehn oder zwölf Grad eine Todeszone war. Wer über Bord ging, war tot. Surfer und Badetouristen kannten die Gefahr nicht oder unterschätzten sie. Sie starben durch die Kälte, bevor die Strömung sie erfasste. Ein Erwachsener, erklärte ihm sein Vater, als er den Totenschein eines Touristen aus Deutschland ausstellte, schaffte es bei einer Wassertemperatur von zehn Grad Celsius gerade einmal sechs Sekunden lang, die Luft anzuhalten. Der Kältereiz auf der Haut ließ Herzfrequenz und Blutdruck extrem ansteigen. Viele Menschen starben schon beim Eintritt ins Wasser an Herz­versagen. Ohne Neoprenanzug und Tauchermaske hatte man im kalten Atlantik zu dieser Jahreszeit keine Überlebenschance. Der Matrose klammerte sich an die Befestigungsseile der Rettungsbojen, die unter dem Treppenaufstieg angebracht waren.

„Wenn das Schiff seitlich rollt“, rief er durch das Getöse aufprallender Wassermassen, „dann ist dies ein schlechtes Zeichen. Gleich wird der Kapitän mehr Fahrt machen, um das Schiff zu stabilisieren.“
Yann hielt sich fest und beobachtete die zerfurchte See. Der Matrose sagte, dass dies das Wetter der Selbstmörder sei. „Besser, Sie gehen rein.“ Der Regen peitschte quer über das Deck. Der Leuchtturm der Insel kam näher. Aus dem warmen Innenraum drangen Stimmen. Der Matrose setzte sich neben ihn. Yann bot ihm eine Zigarette an. Der Matrose zog mit zittrigen Fingern eine Zigarette aus der Schachtel. Yann hielt ihm die Hände so hin, dass der Wind die Flamme seines Feuerzeugs nicht ausblies.
„Dies ist erst der Anfang des Sturms“, sagte der Matrose, „es soll ein Jahrhundertsturm werden. Noch schlimmer als der Sturm vor dreißig Jahren.“ 

Interview: Eckart Baier

1 Kommentar/e

1. Evelyn Emma Hartmann 19.05.2017 14:57h 
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" Das Gedächtnis der Insel " von Christian Buder. Die Leseprobe des Buches fand ich interessant und macht neugierig auf " mehr". Ich glaube die Art des Schreibens von Christian Buder könnte mir gefallen.
Ich glaub, das wird mein nächstes Buch. Liebe Grüße Evelyn Emma

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