Belletristik / Vorgestellt

Schweres Erbe

Ein altes Landgut, eine Adelsfamilie, vier Generationen, zahlreiche Schicksale: Die Journalistin Julie von Kessel erzählt in ihrem Romandebüt „Altenstein“ mitreißend vom Zerfall einer Familiendynastie.

© Renate Neder

Eine klare Vollmondnacht im Frühling 1945. Unter der gerissenen Plane des Pferdewagens, neben Koffern und Taschen liegen – „wie kleine ­Inseln“ – die jüngsten Sprösslinge der Familie von Kolberg: Moritz und Nona, Leni, Konrad, Helene und Bobby, alle hungrig, verängstigt, mit heißen Köpfen und glasigen Augen. Lange hat Agnes von Kolberg gezögert, den branden­burgischen ­Sommersitz der Familie zu verlassen, doch die nahende Front zwingt die ­stolze Gräfin nun zur Flucht. Gut Altenstein muss seinem Schicksal ­über­lassen bleiben.

1992 machen sich Nona und Konrad in umgekehrter Richtung auf den Weg. Konni, mittlerweile fast 50 und durch viele Untiefen des Lebens gegangen, will das ehemals herrschaftliche und zu DDR-Zeiten heruntergewirtschaftete Anwesen in den Familienbesitz zurückholen. Das Geld ist knapp, aber Konni glaubt, mit der Verpachtung von Tankstellen im Osten Gewinn ­zu machen. Doch dieser Traum währt nur kurz, denn bald entbrennt um das ­Gehöft ein erbitterter Streit unter den Geschwistern. 

„Altenstein“, Julie von Kessels packender, auf verschiedenen Zeitebenen ­an­gesiedelter Generationenroman, verbindet die persönlichen Schicksale mit den großen historischen Ereignissen des 20. Jahrhunderts. Die Figuren ihres einst so glamourösen und nun verarmten Familienclans haben Kontur und Sub­stanz, es sind zwiespältige Charaktere mit Herz und lebendigen Biografien. 

Von ihren Lebensentwürfen, Geldnöten, Ehen und Konflikten erzählt Julie von Kessel mit großem Einfühlungsvermögen und in einer klaren, direkten Sprache. Am Ende ist man so verwoben in die Familie von Kolberg, in ihren Alltag, ihre Träume und Geheimnisse, dass man sich gar nicht mehr von ihr trennen mag. Ein mitreißender Lesestoff – und eine atmosphärische Reise durch ein halbes Jahrhundert deutscher Zeitgeschichte. 

 

© Renate Neder

Sophie von Kessel, Sie haben den Roman Ihrer Schwester als Hörbuch eingelesen. Wie haben sich die Aufnahmen – im Unterschied zu anderen Hörbucheinlesungen – angefühlt? 

Ich empfinde mich selber zwar nicht als „große Leserin“, aber die Arbeit hat mir Spaß gemacht und ich bin am Ende auch stolz darauf. Generell kostet es mich viel Kraft und Zeit, das Einlesen von Hörbüchern vorzubereiten. Weil ich aber den Roman meiner Schwester schon sehr gut kannte, war die Vorbereitung natürlich viel müheloser als sonst.

Der Roman spannt einen großen Bogen, vom Zweiten Weltkrieg bis in die Gegenwart. Braucht man als Sprecherin einen besonders langen Atem, um eine so komplexe Generationengeschichte zu erzählen?

Ich denke, man braucht nicht so sehr den „langen Atem“. Vielmehr erfordern die verschiedenen Zeitebenen einen unterschiedlichen Ansatz. Für mich bestand die größte Herausforderung darin, die einzelnen Situationen, Zeiten, Schauplätze, Figuren abwechslungsreich zu bedienen.

Ihrer Schwester standen beim Schreiben eigene Erinnerungen vor Augen. Wie schwierig war es für Sie, den familieneigenen Sound zum Klingen zu bringen?

Meine Schwester hat sich keine konkreten Personen als Vorbild genommen, aber natürlich ihre Erfahrungen aus der Kindheit einfließen lassen. Wir sind in einem bestimmten Milieu aufgewachsen und diese Atmosphäre hat sie übernommen. Dieser bestimmte Ton und das Ambiente sind mir sehr vertraut, sodass mir das Einlesen vergleichsweise leichtgefallen ist.

Vita: Sophie von Kessel ist seit 2011 Ensemblemitglied des Residenz­theaters München. Die Schauspielerin ist auch bekannt aus Film und Fernsehen; unter anderem spielte sie an der Seite von Alain Delon.

Interview und Text: Alice Werner

Titel

  1. Altenstein
    • VerlagHoltzbrink Buchverlage
    • Preis 19,95 €
    • ISBN 9783463406770

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  2. Altenstein
    • VerlagArgon
    • Preis 19,95 €
    • ISBN 9783839815472

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