Belletristik / Titelgeschichte

Karl Ove Knausgård© André Loyning

Der Wahrheitssucher

Radikal dem Ich auf der Spur: Mit „Kämpfen“ ist nun der letzte Band von Karl Ove Knausgårds gefeiertem autobiografischen Romanzyklus erschienen. 

Vor zehn Jahren traf der norwegische Autor Karl Ove Knausgård eine radikale Entscheidung: Er wollte einen wahren, einen ganz und gar der Wirklichkeit verpflichteten Roman schreiben. Und so begann er von seinem Leben zu erzählen, wie es zum damaligen Zeitpunkt war, wie es in seiner Kindheit und Jugend gewesen ist. Nichts sollte beschönigt werden. Selbst die beschämendsten Nieder­lagen und unwürdigsten Details sollten vorkommen. Womit der scheue Knausgård allerdings nicht gerechnet hatte, war der ungeheure Erfolg seines mittlerweile auf sechs Bände angewachsenen Romanzyklus. In seinem Heimatland Norwegen besitzt rein rechnerisch bereits jeder zehnte Einwohner mindestens eines seiner Bücher. Im englischen Sprachraum feiern ihn Star-Autoren wie Zadie Smith und Jeffrey Eugenides, und auch in Deutschland sind sich die Kritiker weitgehend einig: Die Romane sind von einer solchen Wucht und Authentizitätswut, dass es in der Gegenwartsliteratur kaum Vergleichbares gibt. 

Mitreißende Erschütterungen

Dabei erzählt Knausgård in seinem Mammutwerk nicht etwa von ausgefallenen, aufsehenerregenden Ereignissen, sondern von den ganz normalen Katastrophen, die sich im Leben eines komplexbeladenen,  melancholischen Südnorwegers seit seiner Kindheit abgespielt haben. Die Leser erfahren, wie der knapp 30-jährige Knausgård damit konfrontiert wird, dass sich sein tyrannischer Vater erst in einen Zustand völliger Verwahrlosung und schließlich zu Tode getrunken hat. Sie begleiten den 19-Jährigen während seines Jahrs an der Schriftstellerakademie in Bergen, als sein Ehrgeiz weit größer ist als sein Können und sich das Mädchen, für das er schwärmt, für seinen älteren, lässigeren Bruder entscheidet. Sie reisen mit ihm zu einem Autorentreffen, auf dem er sich in die schwedische Dichterin Linda Boström verliebt, mit der er Jahre später eine Familie gründen wird. Aber vorerst weist sie ihn ab, und aus Verzweiflung zerschneidet sich der damals 32-Jährige im Alkoholrausch das Gesicht. Alles, was ihm widerfährt, beschreibt Knausgård „roh, direkt, ohne sprachliche Schnörkel“ – so hat er sich das verordnet, alles andere käme ihm verlogen vor. Was er sich aber nicht verbietet, ist Emphase. Und daher vermitteln sich beim Lesen die Knausgård’schen Erschütterungen im Großen wie im Kleinen, im Schönen wie im Schrecklichen mitreißend und beinahe ungefiltert: die Scham über seine Schüchternheit oder ein missglücktes Gespräch genauso wie die Verzauberung, als Linda ihn schließlich doch noch erhört und er beim ersten Kuss in Ohnmacht fällt. 

Nun ist der letzte Band des fast 5 000-seitigen Romanzyklus auf Deutsch erschienen, in dem Knausgård sich auch mit den unangenehmen Folgen seiner radikalen Offenheit befasst: der Onkel, der ihn verklagen will und ihm vorwirft, die Familienehre beschmutzt zu haben; die Schwiegermutter, die sich nicht wiederfinden mag in dem Bild, das er von ihr zeichnet, und Knausgårds Frau, die ihre psychischen Probleme vor aller Öffentlichkeit ausgestellt sieht und fast zerbricht, als sie erfährt, wie sehr sich ihr Mann oft aus seiner Ehe und dem Leben mit den Kindern fortwünscht. 

Die Menschlichkeit des Bösen

Knausgård ist einer, der nach der Wahrheit sucht, ganz egal, wie weh sie tut. Er, der von sich sagt, dass er eine „Überdosis Scham­gefühl“ mitbekommen hat, die ihn in seinem sozialen Leben noch immer einschränkt, scheint geradezu besessen davon, sich schreibend in seinen beschämendsten Momenten zu zeigen, ganz so, als sei ihm alles verdächtig, was ihn glänzen lässt. Dass er sich jetzt auch dafür anklagt, dass er seine Familie so schonungslos fremden Blicken preisgegeben hat, gehört dazu. Und vielleicht auch, dass er mit „Min Kamp“ seiner berühmten Reihe im norwegischen Original einen Titel gegeben hat, der im ersten Moment eher Bestürzung auszulösen vermag als wohlwollendes Interesse. Dabei entspricht es Knausgårds ganz speziellem, couragiertem Humor, der Hetzschrift „Mein Kampf“, in der Hitler sein Ich konsequent überhöht und heroisiert, mit „Min Kamp“ ein Werk gegenüberzustellen, das ein Ich in seiner ganzen Bedingtheit und Banalität zeigt. 

Gerade in der Stilisierung des Ichs, des Wirs, der Realität lauert die Gefahr, davon ist Knausgård überzeugt. Genau deshalb sträubt sich auch alles in ihm dagegen, Hitler als das absolut Böse zu sehen, ihm jede banale Menschlichkeit abzusprechen. Diese Stilisierung zum un­ein­ge­schränkt Mons­trösen erscheint Knausgård gefährlich, weil sie unser aller ­Potenzial zum Bösen leugnet. Und so hat er im Abschlussband von „Min Kamp“ prompt dem Menschen Hitler eine Hunderte Seiten lange Essaypassage gewidmet, als Teil seiner großen Mission, dass alles, was wahr ist, auch zumutbar ist. 

Nadja Einzmann

Titel

  1. Sterben
    • Verlagbtb
    • Preis 10,99 €
    • ISBN 9783442745197

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  2. Spielen
    • Verlagbtb
    • Preis 10,99 €
    • ISBN 9783442749324

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  3. Leben
    • Verlagbtb
    • Preis 11,99 €
    • ISBN 9783442713066

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  4. Lieben
    • Verlagbtb
    • Preis 12,99 €
    • ISBN 9783442746859

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  5. Träumen
    • Verlagbtb
    • Preis 13,00 €
    • ISBN 9783442715268

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  6. Kämpfen
    • VerlagLuchterhand
    • Preis 29,00 €
    • ISBN 9783630874159

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