Literatur-Nachrichten

Schau mal!

Bilderbücher sind für das Heranwachsen so wichtig wie Vitamine und Streicheleinheiten. Sie lehren einen alles Wichtige über das Leben. Auf eine ganz subtile Weise.

Fledoli_Ausschn© © Antje Damm, “Fledolin verkehrtherum”, Gerstenberg Verlag
Seltsam, aber wahr. Immer, wenn ich Kartoffeln schäle, taucht eine kleine Hexe mit grünen Haaren vor meinem inneren Auge auf. Weil Sandra – so hieß die Hexe – ungehorsam gewesen war, wurde sie von ihrer Mutter zu den Menschen geschickt. Tagelang musste sie dort zur Strafe Kartoffeln schälen. Körbeweise. Wie sie so bekümmert da saß und das Messer keine Minute aus der Hand legen durfte, das rührte als Kind mein Herz.
Oder Pondus. Jeder rote Wollschal lässt mich an diesen ebenso freundlichen wie modebewussten Pinguin namens Pondus denken, der seinen kleidsamen roten Schal zwar stolz im Zoo spazieren trug, ihn aber dem Pelikan, der unter Halsschmerzen litt, selbstverständlich gleich auslieh. Und seit ich das Apfelmäuschen kenne, existieren für mich keine Mausefallen mehr.
Die Rede ist von Büchern, deren Bilder im Herzen haften bleiben und die uns manchmal durchs ganze Leben begleiten. Wir Menschen sind Augentiere. Das gilt vor allem für Kinder, die sich an Bildern wie Kraken festsaugen können. Bilder erzählen Geschichten, und die brauchen Kleine genauso dringend wie Vitamine. Noch besser: Sie sind geradezu gierig danach. Erst recht, wenn Bilderbücher überraschen, erheitern oder Kinderalltag spiegeln. Der ungezügelte Einfallsreichtum der listigen Heldin in „Lilli, machst du Quatsch?“ begeisterte meine fünfjährige Tochter sofort. Hier ribbelt das Luder Lilli ihrem schlafenden Vater den Pullover auf, dort schaukelt sie auf der Lampe. Und dann – das ließ mein manchmal ebenso durchtriebenes Mädchen vor Vergnügen aufheulen – pinselt sie sogar mit Nagellack ungerührt rote Punkte auf die weißen Badezimmerfliesen, während die Mutter nichts ahnend unter der Dusche steht.
Kaum etwas regt die Phantasie und Kreativität so intensiv an wie ein Bilderbuch. Die meisten Menschen kommen darin zum ersten Mal mit Kunst und Literatur, das heißt ästhetischen Ausdrucksformen, in Berührung. Daneben stellt das Bilderbuch andere Welten und Lebensentwürfe vor. Haben Kinder das Glück, von Anfang an Bücher um sich zu haben, wird ihnen schon bald klar, dass zwischen den Pappdeckeln wahre Schätze auf sie warten. Dann werden sie ihr Leben lang Neugierde auf Gedrucktes verspüren. Und mehr noch: „Ein Kind, allein mit seinem Buch, schafft sich tief in den heimlichen Winkeln seiner Seele eigene Bilder, die alles andere übertreffen. Der Mensch braucht solche Bilder. Wenn es der Phantasie der Kinder einmal nicht mehr gelingt, diese Bilder entstehen zu lassen, dann ist es so weit, dann ist die Menschheit verarmt. Alles Große, das auf der Welt geschehen ist, geschah zuerst in der Phantasie irgendeines Menschen, und wie die Welt von morgen aussehen wird, hängt zu einem Großteil von dem Maß an Vorstellungskraft all derer ab, die gerade jetzt lesen lernen. Deshalb brauchen Kinder Bücher.“ Astrid Lindgren hat das bereits 1958 gefordert. Gemeint hat sie Bücher wie diese: Sich auf den Kopf zu stellen, um „Fledolin verkehrtherum“ zu betrachten, wäre eine gute Idee. Bequemer ist es, einfach das Bilderbuch zu drehen, denn seine Seiten lassen sich so herum und so herum anschauen. Diese Möglichkeit des Perspektivwechsels bringt zusätzlichen Spaß in die Geschichte um das Fledermauskind Fledolin.
Worum es geht? Beim Fliegen sind alle Fledermäuse gleich, doch sobald sie sich niederlassen, wird Fledolins Besonderheit offenbar: Er ruht lieber aufrecht stehend als kopfüber hängend. Was den Eltern zunächst Sorge bereitet, erweist sich am Ende als Segen für die ganze Kolonie. Anders zu sein ist manchmal eben goldrichtig! Die Künstlerin Antje Damm spielt auf faszinierende Weise mit der Schwerkraft und hat einen grünäugigen, mit blauweißen Shorts bekleideten Fledolin kreiert, den man sofort liebt.

Tierische Helden
Ebenfalls um ein Tier kreist „Hat das Nilpferd Streifen?“. Während eines Zoobesuchs wollen alle möglichen Leute Jakob weismachen, dass das Nilpferd ein total langweiliges Tier sei. Weil es in seinem Becken aber nie auftaucht, ist die Phantasie des kleinen Jungen hochgradig angestachelt. In Text und Zeichenstrich ironisch gebrochen, präsentiert sich hier eines jener Bilderbücher, die auch ein Erwachsener ohne verstecktes Gähnen betrachtet, sogar mehrmals.
Auch mit „mutig, mutig“ können Kinder das Lesen lieben lernen. Bewundernswürdig, wie Kathrin Schärer es zuwege bringt, ihren Figuren widerstreitende Gefühle aufs Gesicht zu zaubern. Um Mutproben dreht sich die Geschichte und um Schwächen und Stärken, die einem jeden gegeben sind. Schärer erweist sich als versierte Regisseurin ihrer Bilder, die in einem malerischen, naturgetreuen Stil gehalten sind. Ein Buch zum Verlieben.
Peter, bereits schwer wie ein Kasten Mineralwasser, macht sich Gedanken über das Wachsen. Große können mit ihren langen Beinen viel schneller laufen, dafür ist es dem Kurzen noch vergönnt, im Schrank zu spielen, und seine Kuscheltiere finden alle noch Platz in seinem Bett. „Der 99-Zentimeter-Peter“ bietet einen frappanten Blick auf die Welt aus nicht ganz einem Meter Höhe. Manuela Olten schafft es, hinreißende Situationskomik in unverwechselbare Bilder umzusetzen.

Der Mond-Klassiker
Der Mond ist vom Himmel geplumpst und sorgt unter drei tierischen Freunden für helle Aufregung. Alles nur Käse? Ein junger Künstler erzeugt Skurriles und Surreales und schenkt der Farbe Gelb einen Soloauftritt. In seinen feinnervigen Zeichnungen, seiner Komik und verhaltenen Melancholie ist „Herr Eichhorn und der Mond“ ein Solitär.
Eine tragende Rolle spielt der Mond auch in Theodor Storms „Der kleine Häwelmann“. Wie der unersättliche Junge in seinem Bett auf dem Strahl des Mondes durch das Schlüsselloch hinaussegelt, verfolgt der Betrachter fast atemlos. Mit ihrer Interpretation des berühmten Märchens schafft die expressive Malerin Henriette Sauvant, deren Bilderbücher und Umschlaggestaltungen immer wieder begeistern, Seite für Seite Kunstwerke, wahre Seelenbilder. Einfach hineinsinken lassen …
Es ist wichtig für Kinder, zu wissen, dass auch Erwachsene tieftraurig sein können. Und dass man gegen die Dämmerung, die sich wie ein Schleier auf die Seele legt, etwas tun kann. Michael Rosen erzählt, wie er mit dem Tod seines Sohnes Eddie umgeht, wie ihn die Traurigkeit manchmal überwältigt und wie er gelernt hat, mit ihr zu leben. Dazu liefert Quentin Blake mal herzabschnürende, mal humorvolle Zeichnungen. „Mein trauriges Buch“ ist ein großes Buch zum Weinen und zum Lachen!
Tun Sie Ihren Kindern, Enkeln, Neffen oder Nichten den Gefallen. Zwacken Sie sich wenigstens 15 Minuten vom Tag ab, um ihnen vorzulesen. Dieser Appell erscheint sauer? Die Schriftstellerin Joan Aiken (1924–2004) setzt noch eins drauf: „Ich persönlich finde, dass es ein Erwachsener, der nicht bereit ist, seinem Kind eine Stunde am Tag vorzulesen, überhaupt nicht verdient, ein Kind zu haben.“
Verena Hoenig

Titel

  1. Lilli, machst du Quatsch?
    • VerlagResidenz
    • ISBN 370172007X

    bestellen

  2. Fledolin verkehrtherum
    • VerlagGerstenberg
    • ISBN 3806751307

    bestellen

  3. Hat das Nilpferd Streifen?
    • VerlagBoje
    • ISBN 3414820048

    bestellen

  4. mutig, mutig
    • VerlagAtlantis
    • ISBN 3715205180

    bestellen

  5. Der 99-Zentimeter-Peter
    • VerlagBajazzo
    • ISBN 907588762

    bestellen

  6. Herr Eichhorn und der Mond
    • VerlagEsslinger
    • ISBN 3480222315

    bestellen

  7. Der kleine Häwelmann
    • VerlagAufbau
    • ISBN 3351040725

    bestellen

  8. Mein trauriges Buch
    • VerlagFreies Geistesleben
    • ISBN 377252060X

    bestellen

  9. Die besten Beerdigungen der Welt
    • VerlagMoritz
    • ISBN 3895651745

    bestellen

Kommentar schreiben

Wie in Foren üblich werden sexistische Äußerungen, persönliche Beleidigungen, Drohungen, Diskriminierungen, antisemitische und rassistische Aussagen und jede Art von strafbaren Äußerungen entfernt. Bitte diskutieren Sie sachlich und in freundlichem Ton. Netiquette
Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

Ihr Kommentar

(E-Mail wird nicht veröffentlicht)

Bitte geben Sie diese Buchstabenfolge hier noch einmal ein:. Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination. TIPP: Zwischen Klein- und Großbuchstaben müssen Sie nicht unterscheiden.

* Pflichtfeld