Spannung / Aufgeblättert

Glaube Liebe Tod
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Jörg Reiter (links), Peter Gallert© Hans Scherhaufer

Ein starkes Team

Seit Jahren schreiben sie gemeinsam erfolgreiche Drehbücher fürs Fernsehen. Nun starten Peter Gallert (rechts) und Jörg Reiter eine Krimireihe mit einem ungewöhnlichen Ermittler: Im Mittelpunkt steht der Polizeiseelsorger Martin Bauer. 

Wo haben Sie sich eigentlich kennengelernt?
Reiter: Bei der Produktion einer Daily Soap. Peter war als Story­editor verantwortlich für die Geschichten, ich als Script­editor für die Dialoge.
Gallert: Alles fing mit einem Streit an. Ich kann mich gar nicht mehr genau erinnern, worum es ging. Aber es wurde laut.

Und wie kamen Sie auf die Idee, gemeinsam einen Krimi zu schreiben?  
Gallert: Daran ist ebenfalls das Fernsehen schuld. Dort haben wir entdeckt, wie effektiv die Arbeit in einem Autorenteam sein kann und wie viel mehr Spaß sie macht, als allein über einem Stoff zu brüten. Allerdings waren die Stoffe, die uns am Herzen lagen, den TV-Entscheidern immer zu gewagt, zu neu, zu irgendwas.
Reiter: Wir dagegen fanden unsere Ideen zu gut, um sie in der Schublade verstauben zu lassen, und haben zeitgleich fest­gestellt, dass wir uns nicht mehr reinreden lassen wollten.

Wer hatte denn die Initialidee mit dem Polizeipfarrer? Und wie sieht Ihre gemeinsame Arbeit aus?
Reiter: Ein Schwachpunkt vieler Krimis ist der ziemlich konstruierte Zugang zu den Fällen. Wir wollten einen Ermittler, der von dem, was geschieht, unmittelbar betroffen ist. 
Gallert: Wir begriffen, dass wir mit einem Polizeipfarrer keine ­dramaturgischen Hilfskonstruktionen brauchen. Martin Bauer bringt uns als Krimiautoren mitten hinein ins menschliche ­Drama eines jeden Verbrechens. Bevor wir anfangen zu schreiben, sitzen wir wochenlang jeden Tag an Jörgs Küchentisch. Zuerst entwickeln wir die Charaktere. Dann Schritt für Schritt die Handlung.
Reiter: Es ist eher ein Finden als ein Erfinden. 

Interview: Wolf Beetz

Polizeimeister Keunert will sich von der Duisburger Rheinbrücke in den Tod stürzen. Kommissarin Verena Dohr schickt Martin Bauer vor, um ihn daran zu hindern. Doch dann springt der Polizeipfarrer selbst – und Keunert hinterher. Beide überleben, erreichen das rettende Ufer. Stunden später wird der Polizist dennoch tot sein. Ein ­klarer Fall von Selbstmord? Bauer hat Zweifel. 

Leseprobe

Bauer kotzte Rheinwasser auf die Uferböschung. ­Verena stand daneben und sah zu. In ihrer Miene fand sich nicht eine Spur Mitleid. Ein Sanitäter stützte den völlig durchnässten Polizeiseelsorger.

 „Jawoll, immer raus damit. Gibt eh nur Dünnschiss.“  Bauer würgte, bis nur noch Bitteres kam.

„Tief durchatmen und an was Schönes denken, das hilft!“ Fast mütterlich strich der Sani Bauer über den Rücken. Keuchend richtete Bauer sich auf.

 „Langsam! Besser, Sie setzen sich erst mal hin.“

 Bauer schüttelte den Kopf. Reden konnte er noch nicht.

 „Okay, aber kippen Sie mir bloß nicht um!“

Der Sanitäter legte ihm eine Wärmefolie um die Schultern. Bauer ignorierte Verenas düsteren Blick und sah sich nach Keunert um. Der stieß gerade den anderen Sanitäter weg und stapfte tropfnass auf Bauer zu.

„Sie verdammter Irrer! Was zur Hölle haben Sie sich dabei gedacht?“, schrie er Bauer an.

„Das wüsste ich auch gern“, mischte sich Verena ein. Bauer überhörte sie.

„Sie leben“, presste er hervor.

„Arschloch!“ Keunert spuckte das Wort aus. Dann drehte er sich weg und ging davon.

Verena sah ihm verdutzt nach. „Hey! Hiergeblieben!“

Die Uferböschung kam Bauer noch hoch. Zwar schaffte er die steilste Stelle nur auf allen vieren, aber außer Verena bekam das niemand mit. Der Einsatzleiter und die Wasserschutzpolizisten beachteten ihn nicht mehr. Verena hatte die drei in eine Debatte über ihre Zuständigkeiten manövriert, ehe sie richtig auf Bauer losgehen konnten. Nun standen sie am Ufer und stritten, wer den Bericht schreiben sollte. Einig waren sie sich allerdings darin, dass der Polizeiseelsorger vollkommen irre war.

Auf der steilen Betonwendeltreppe hinauf zur Brücke war Bauer dann mit seiner Kraft am Ende. Seine Kleidung klebte kalt auf der Haut, jeder Atemzug schmerzte, und seine Beine zitterten so sehr, dass er anhalten musste. Verena, die hinter ihm ging, sagte nichts. Sie stand nur da, eine Stufe unter ihm, bereit, ihn aufzufangen. Obwohl sie fast einen Kopf kleiner und bestimmt zwanzig Kilo leichter war als er, zweifelte Bauer nicht daran, dass sie ihn halten würde.

„Ich sollte wieder mehr Sport machen“, presste er entschuldigend hervor.

„Wie wär’s mit Turmspringen?“, schlug Verena vor.

Bauer musste lachen. Sein Zwerchfell krampfte sich zusammen. Stöhnend krümmte er sich. Im nächsten Augenblick spürte er Verenas Arm unter seinem. Sie hielt ihn mit festem Griff. Mühsam brachte er seinen Atem unter Kontrolle.

„Geht’s?“ Verenas Miene war ernst. Bauer nickte, aber sie hielt ihn bis zur letzten Stufe untergehakt.

Auf der Autobahn rollte der Verkehr wieder an. Die Polizisten hatten ihre Einsatzfahrzeuge beiseitegefahren und winkten die Autos vorbei. An Verenas Dienstwagen wartete ein grauhaariger Beamter mit müdem Gesicht. Über seinem Unterarm lag eine Uniformjacke. Sie hatte kleine Kreuze auf den Schulterklappen.

„Danke“, sagte der Grauhaarige, schüttelte Bauer fest die Hand, gab ihm die Jacke und ging ohne ein weiteres Wort zu seinen Kollegen.

Bauer zog die Jacke an. Dann stiegen der Polizeiseelsorger und die Hauptkommissarin in den Wagen und überquerten die Brücke in weniger als einer Minute.

Sie fuhren schweigend. Bauer sah aus dem Fenster. Die Schlote der Sachtleben Chemie zogen vorbei. Es wurde dunkel. Er fror. Sein Körper schmerzte. Er hatte sein Leben riskiert. Er hatte ein Leben gerettet. Er fühlte sich leer.

Die „Weißen Riesen“ kamen in Sicht, zwanzig Stockwerke hohe Bausünden in einem Wohnpark aus den Siebzigern, für die eine alte Bergarbeitersiedlung zur Hälfte plattgemacht worden war. Verena bog ab in die andere Hälfte. Kleine Alleen mit knorrigen Bäumen und soliden, englisch anmutenden Ziegelhäusern mit grünen Vorgärten. Vor einem stoppte Verena. Licht schien warm aus den Fenstern im Erdgeschoss. Der Wagen seiner Frau stand in der Einfahrt. Das Fahrrad seiner Tochter lag mitten auf dem Weg zur Haustür. Bauer war zu Hause. 

Verena stellte den Motor ab. „Ihnen ist klar, dass Ihre Aktion heute einen Riesenärger geben wird? Lutz wartet schon lange auf die Chance, Sie abzuschießen.“ 

„Kann er nicht. Er ist nicht mein Chef.“

„Aber meiner, verdammt!“

»Sie haben nichts falsch gemacht.“

„Ich habe Sie hinzugezogen!“

„Ich sage, dass ich zufällig vorbeigekommen bin. Die Brücke liegt auf meinem Weg zum Präsidium.“

„Einen Scheiß tun Sie! Ich brauche keine Rückendeckung, von Ihnen schon gar nicht!“

Bauer sah die Hauptkommissarin ratlos an. Ihre Augen funkelten vor Wut. „Warum sind Sie eigentlich so sauer auf mich?“

„Bin ich nicht. Ich habe nur keine Lust, mich an den nächsten Spinner aus Ihrem Verein zu gewöhnen. War bei Ihnen schon anstrengend genug.“

Bauer lächelte.

„Hören Sie auf zu grinsen“, schnauzte Verena und startete den Motor. „Raus jetzt!“

Bauer stieg aus. Verena fuhr so rasant los, dass die Beifahrertür zuklappte, noch bevor er sich bedanken konnte. Auf dem Weg zur Haustür hob er ächzend das Fahrrad seiner Tochter auf und stellte es ordentlich ab. Durch das Küchenfenster sah er seine Frau. Sie telefonierte. Dabei ging sie umher. Das war normal, Sarah erlebte man selten im Stillstand. Nicht normal waren die steilen Falten auf ihrer Stirn. Die hatte sie nur, wenn sie sich ärgerte. Oder sorgte. Bauer zögerte. Dann ging er am Hauseingang vorbei in den Garten. 

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