Literatur-Nachrichten

Am Grund der Träume

Jede Nacht leben wir ein anderes Leben in einer Welt, die wir selbst erschaffen: Warum das so ist, darüber streiten sich die Wissenschaftler.

Zwei Passagiere, die 1909 mit dem Schiff von Bremen in die USA reisten, vertrieben sich die Zeit an Bord auf ungewöhnliche Weise: Sie deuteten gegenseitig ihre Träume. Die Passagiere waren Sigmund Freud und sein Meisterschüler und späterer Rivale Carl Gustav Jung. Obwohl sicher jeder Anhänger der Psychoanalyse davon träumt, die eigenen Träume einmal vom Meister persönlich interpretiert zu bekommen, war Jung bezeichnenderweise mit dem Ergebnis der Bordbeschäftigung höchst unzufrieden. Freud vernachlässigte bei seiner Deutung das, was Jung das „kollektive Unbewusste“ nannte. Und er hielt sich mit dem Erzählen der eigenen Träume ziemlich zurück. So tief sollte sein Schüler wohl doch nicht in ihn hineinschauen ... Neun Jahre zuvor hatte Freud die Deutung von Träumen in den Rang einer überaus ernsthaften Beschäftigung erhoben. Ja, er hatte auf ihr das Fundament einer neuen Wissenschaft gegründet, die Psychoanalyse. „Die Traumdeutung“ von 1900 beantwortete die uralte Frage, warum wir träumen: Träume sind Wunscherfüllung. Mit ihnen werden Impulse aus dem triebhaften Es-Bereich der Psyche kontrolliert. Der Traum ist der Generalschlüssel für sämtliche Geheimtüren der Psyche. „Alles Unsinn“, sagten in den 70er Jahren amerikanische Neurowissenschaftler. Träume sind Produkte von Nervenreizungen, ein Nervengewitter im Stammhirn ohne höhere geistige oder emotionale Funktion. Schließlich träumen auch Katzen, und die haben keinen Ödipuskomplex. Die ausufernde Beschäftigung mit Träumen einschließlich von Millionen Analysestunden schienen damit – für die Katz. Heute aber sehen Hirnforscher wie Mark Solms („Das Gehirn und die innere Welt“, Walter-Verlag) in unseren Träumen mehr als das zufällige Ergebnis zuckender Nerven. Solms hat Menschen untersucht, die nicht mehr träumen können. Die Traumlosen haben Verletzungen in einem Teil des Gehirns, der als Belohnungszentrum bezeichnet wird. Es wird immer dann aktiv, wenn wir etwas wollen: Alkohol, eine Zigarette, Sex. Wenn Träume von diesem Zentrum gesteuert werden, heißt das, sie sind Ergebnis unserer Wünsche und unseres Selbst. Damit erlebt Freuds Traumtheorie ein neurowissenschaftliches Comeback. Und auch in der Psychoanalyse sind die Dinge wieder in Bewegung geraten. Die Seelenexpertin und Psychologieprofessorin Verena Kast verbindet in ihrem neuen Buch Ergebnisse der Hirnforschung wie die von Solms mit der Traumtheorie Jungs. Träume haben ihrer Ansicht nach nicht eine einzige Funktion, sondern viele. Sie können helfen, Traumata zu verarbeiten. Ein Beispiel: Eine Frau, die im letzten Moment aus einem brennenden Haus gerettet wurde, träumte immer wieder von dem Feuer und wachte panisch auf. Im Laufe der Zeit veränderte sich aber der Traum: Es brannte immer noch, aber gleichzeitig begann es zu schneien. Oder sie wachte immer noch panisch auf, fand das Feuer aber nicht mehr so heiß. Nach und nach wurde das Trauma so „verträumt“. Manche Träume sind Ausdruck persönlicher Komplexe, andere schöpfen aus dem Bildervorrat allgemeiner Menschheitserfahrungen, dem kollektiven Unbewussten. Der aufregendste Aspekt der Träume besteht vielleicht darin, dass sie uns mit vernachlässigten Aspekten unserer ureigenen Persönlichkeit konfrontieren. Träume können dadurch zu einer Art von Ressource werden und Anstoß für neue Entwicklung geben. Kast erwähnt den Traum einer 36-jährigen Depressiven: „Ich wohne im Haus meiner Eltern. Meine Mutter ruft mich und tadelt mich wie immer. Ich kann aber gerade jetzt nicht hinhören, weil ich ein spannendes Buch gefunden habe.“ Eine klassische psychoanalytische Deutung würde den Traum zum Anlass nehmen, das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter zu untersuchen. Die Deutung, die Kast vorschlägt, interessiert sich für etwas anderes: für das Buch nämlich, das sie rettet. Die Träumerin meint, in ihrem wirklichen Leben gäbe es bislang nichts, was sie derart gepackt hätte. Aber sie weiß jetzt, wie sich das anfühlt und dass sie zu solchen Empfindungen fähig ist. Damit ist ein erster Schritt aus der Depression getan. Träume sind also nicht nur Ausdruck unseres Ist-Zustandes, sie können auch die Richtung anzeigen, in die wir uns verändern können. Damit ist die Wissenschaft bei einer Erkenntnis angekommen, die einer der Traumspezialisten von der anderen Seite, nämlich der Literatur, vor langer Zeit formuliert hat: „Der Traum“, meinte Friedrich Hebbel, „ist der beste Beweis dafür, dass wir nicht so fest in unsere Haut eingeschlossen sind, wie es scheint.“

Bert Bresgen

Kommentar schreiben

Wie in Foren üblich werden sexistische Äußerungen, persönliche Beleidigungen, Drohungen, Diskriminierungen, antisemitische und rassistische Aussagen und jede Art von strafbaren Äußerungen entfernt. Bitte diskutieren Sie sachlich und in freundlichem Ton. Netiquette
Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

Ihr Kommentar

(E-Mail wird nicht veröffentlicht)

Bitte geben Sie diese Buchstabenfolge hier noch einmal ein:. Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination. TIPP: Zwischen Klein- und Großbuchstaben müssen Sie nicht unterscheiden.

* Pflichtfeld