Belletristik / Titelgeschichte

Dann schlaf auch du
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© Patrice Normand / Leemage

Im Innersten der Familie

Mit „Dann schlaf auch du“ hat Leïla Slimani in Frankreich bereits für Furore gesorgt. Jetzt erscheint ihr aufwühlender Roman auch bei uns.

Einmal den Prix Goncourt zu gewinnen, davon träumen in Frankreich die meisten Autoren. Leïla Slimani ist das im vergangenen Jahr spektakulär gelungen: Gleich für ihren zweiten ­Roman, „Dann schlaf auch du“, wurde die junge Autorin mit dem renommiertesten Literaturpreis Frankreichs ausgezeichnet. Nun ist ihr gefeiertes Buch auf Deutsch erschienen. Die 35-Jährige erzählt darin von Myriam und Paul, einem Pariser Paar, das sich nach langem Hin und Her entschließt, eine Kinderfrau zu engagieren, damit Myriam wieder arbeiten kann. Haben sie sich anfangs noch gefragt, ob eine Nanny wirklich in ihr unaufgeräumtes, nicht eben großbürgerliches Leben passt, sind sie schon bald überzeugt, in Louise eine wahre Perle gefunden zu haben. Die kümmert sich hingebungsvoll um die beiden Kinder Mila und Adam und bringt wie durch Zauberhand den vernachlässigten Haushalt zum Glänzen: „Louise hat die Wände versetzt. Sie hat die Schränke größer, die Schubladen geräumiger gemacht. Sie hat das Licht hereingelassen.“ Dass dieses berückende Licht nicht ohne Schatten zu haben ist, beginnt das Paar erst nach und nach zu ahnen, aber da ist Louise längst unentbehrlich geworden.

Die diffizile Rolle der Kinderfrau

Leïla Slimani, die in Marokko aufgewachsen ist und erst als Teenager nach Frankreich kam, ist eine Meisterin der Zwischentöne. Unaufgeregt, beinahe sachlich erzählt sie von den großen Sehnsüchten und Hoffnungen ihrer Protagonisten: von Myriams  Wunsch, endlich wieder arbeiten zu können, wieder eigenständig zu sein, befreit vom Klammergriff ihrer Kinder, und von Louises Verlangen nach Zugehörigkeit, ihrer gefährlichen Bereitschaft, einfach alles dafür zu tun. 

Im Interview verrät die Autorin, die als kleines Mädchen selbst eine Kinderfrau hatte, dass sie deren schwierige Rolle in der Familie schon früh spürte: „Unsere Nanny hatte uns ins Herz geschlossen und kümmerte sich um uns, als wären wir ihre eigenen Kinder. Sie selbst hat nie Kinder bekommen. Ich glaube, sie konnte nicht umhin, auf unsere Mutter und deren Beziehung zu uns ein wenig eifersüchtig zu sein.“  Auch aus diesen Kindheitserfahrungen heraus schwebte Leïla Slimani schon lange vor, einmal einen Roman über eine Kinderfrau zu schreiben und dabei deren heikle Stellung in der Familie auszuleuchten: „Nannys ziehen Kinder groß, die nicht ihre eigenen sind. Sie hegen und pflegen sie, lieben sie und dann verlassen sie sie. Sie kennen die Intimität der jeweiligen Familie, leben in ihr, ohne selbst Teil der Familie zu sein.“ 

Für die nach außen patente, jedoch ­innerlich versehrte Louise ist die Si­tua­tion sogar noch ungleich schwieriger. Die fast übermenschliche Kraft, mit der die puppenhaft aussehende kleine Frau anfangs den Alltag von ­Myriam, Paul und den beiden Kindern erleuchtet, speist sich aus einer großen Verzweiflung, aus dem unbändigen Wunsch, dem eigenen unendlich trostlosen, ärmlichen, einsamen Leben zu entkommen, das jenseits der Arbeit keine einzige Verlockung bereithält.

Und was, fragte sich Leïla Slimani beim Verfassen ihres Romans, wenn eine solche Person auf eine Familie stößt, die den Umgang mit Kinderfrauen so gar nicht gewohnt ist, auf eine Familie, die Grenzen überschreitet und wieder setzt, Intimität zulässt und wieder zurücknimmt, Hoffnungen auf Liebe schürt und doch nicht genug Liebe für jemanden wie Louise zu geben hat? Die Katastrophe ist unvermeidlich, und die Autorin, die sich beim Schreiben von einem wahren Fall inspirieren ließ, mutet sie ihren Lesern mit Bedacht schon gleich auf den ersten Seiten des Romans zu.

Während ­Myriam und Paul noch frohlocken vor Erleichterung, dass Louise sie von allen häuslichen Alltagssorgen befreit hat, während Louise noch hofft, kämpft und taktiert, während Mila und Adam, ganz Kinder, ihre strahlende, unterhaltsame, immer überraschende Nanny ins Herz zu schließen beginnen, weiß man schon, was am Ende geschehen wird. Man fiebert mit, hofft mit und kann das ­Unglück doch nicht aufhalten.

„Dann schlaf auch du“ ist ein realistischer, einfühlsamer Roman und zugleich ein packender psychologischer Thriller. Das Buch ist, wie Leïla Slimani es einmal formuliert hat, auch ein „dunkles Märchen für Erwachsene“, das von dem erzählt, was alle Eltern am meisten fürchten. 

Frauke Schneider

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