Belletristik / Vorgestellt

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© benjaminjk/iStock (Montage)

Dramatische Flucht

Colson Whiteheads preisgekrönter Roman „Underground Railroad“ ist eine Abrechnung mit den Verbrechen der Sklaverei und hält dem heutigen Amerika den Spiegel vor. Er erzählt von Rassismus und Unterdrückung und von dem unbändigen Wunsch nach Freiheit.

Zuerst verschleppen die weißen Räuber die Männer. Später kehren sie ins Dorf zurück und holen sich die Frauen und Kinder. Unter ihnen ist auch Coras Großmutter, ein kleines Mädchen, das zusammen mit 87 anderen für 60 Kisten Rum und Schießpulver verkauft wird, in Ketten gelegt und im Bauch eines Schiffs nach Amerika verfrachtet. So beginnt Colson Whitehead seine Geschichte von Cora, einer jungen Sklavin auf einer Baumwollplantage in Georgia. 

Wie Vieh werden die Schwarzen auf Sklavenmärkten versteigert, werden von brutalen Gutsherren erniedrigt, vergewaltigt und gefoltert, müssen unter Peitschenhieben in brütender Hitze Schwerstarbeit verrichten. Millionen Afrikaner wurden deportiert, um den Weißen als Arbeitskräfte zu dienen. Erst vor gut 150 Jahren wurde die Sklaverei in den USA abgeschafft. Es ist eines der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte, von dem Colson Whitehead in seinem neuen Buch erzählt – und eines, das die USA bis heute prägt. „Underground Railroad“ ist ein ebenso erschütternder wie mitreißender Roman über Rassismus, Demütigung und Unterdrückung, aber auch eine Geschichte der Hoffnung und des unbändigen Wunsches nach Freiheit und einem selbstbestimmten Leben. 

Cora ist 16 oder 17 – so genau weiß sie es nicht –, als Caesar sie fragt, ob sie mit ihm weglaufen will. Sechs Jahre zuvor flüchtete ihre Mutter, und zwei Jahre sind vergangen, seit Cora von weißen Arbeitern vergewaltigt wurde. Bei Einbruch der Dunkelheit machen sich die beiden auf den Weg durch die Sümpfe. Sechs Stunden bleiben ihnen, bis ihr Verschwinden entdeckt werden wird und sich die Sklavenjäger an ihre Fersen heften. 30 Meilen liegen vor ihnen, bis sie das Haus von Mr. Fletcher erreichen. Fletcher ist ein gebeugter, grauhaariger Weißer, der die Sklaverei verabscheut und der Cora und Caesar zur Underground Railroad führen kann. Der Name bezeichnet ein geheimes Fluchtnetzwerk, das Sklaven von einem Versteck zum anderen den Weg nach Norden, ins „Gelobte Land“, ermöglichen soll, wo Sklaverei verboten ist. Whitehead spielt in seinem Roman mit der Underground Railroad, die tatsächlich existierte, auf ­fantastische Weise: Durch geheime Falltüren gelangt man zu einem Netz unterirdisch verlaufender Schienen, mit Zügen und Stationen. „Underground Railroad“ sei kein historischer Roman, sagt der in New York geborene Autor. „Mein Motto lautete: ‚Halte dich nicht an Tatsachen, sondern an die Wahrheit.‘“

 

Gefahrvolle Flucht nach Norden

Cora ist eine kluge junge Frau, die von dem Wunsch beseelt ist, als freier Mensch zu leben. Mit Glück, Geschick und mit der Hilfe ­mutiger Menschen gelingt es ihr tatsächlich, South Carolina zu er­reichen und dort zum ersten Mal in ihrem Leben halbwegs frei zu leben. Doch der Arm des Plantagenbesitzers, dessen Eigentum sie war, ist lang, und für den berüchtigten Kopfgeldjäger Ridgeway ist es Ehrensache, die Entlaufene irgendwann zu schnappen. Der ­Leser bangt mit Cora auf ihrer abenteuerlichen Flucht und ihren gefahrvollen Reisen im Untergrund, man spürt ihre Todesangst und bewundert ihren unbändigen Willen zu überleben. 

Whiteheads Buch ist eine Anklage gegen das Menschheitsverbrechen der Sklaverei, dessen Narben noch heute in der amerikanischen Gesellschaft zu sehen sind. „Wenn man über den Rassismus der Vergangenheit schreibt, schreibt man auch über den Rassismus der Gegenwart“, sagt der Autor. Und so liest sich im Roman die Rede von Elijah Lander, dem Sohn eines weißen Anwalts aus Boston, und seiner schwarzen Frau wie eine Abrechnung mit Willkür und Gewalt, denen Schwarze noch heute ausgesetzt sind: „Die weiße Rasse glaubt – glaubt von ganzem Herzen –, dass sie das Recht hat, das Land zu rauben, Indianer zu töten, Krieg zu führen. Ihre Brüder zu versklaven. Wenn es irgendeine Gerechtigkeit auf der Welt gibt, dürfte diese Nation nicht existieren, denn ihre Grundlagen sind Mord, Diebstahl und Grausamkeit.“

Whitehead selbst, der großartige Romane schreibt und außerdem ein hervorragender Pokerspieler ist, kennt nicht nur die Zufälle des Glücks, sondern auch die Willkür staatlicher Gewalt aus eigener Erfahrung: Während seines Studiums wurde er von der Polizei grundlos verhaftet und in Handschellen gelegt. 

Sein neuer Roman, der weltweit ein Bestseller ist, wurde sowohl mit dem National Book Award (2016) als auch mit dem Pulitzer-Preis (2017) ausgezeichnet – das ist vorher nur William Faulkner und John Updike gelungen. „Underground Railroad“ prangert nicht nur das schändliche Unrecht von Sklaverei und Rassismus an. Es ist auch ein Fanal für die Freiheit und setzt Millionen von Menschen ein Denkmal, die allein wegen ihrer Hautfarbe unterdrückt und verfolgt wurden und werden. 

Eckart Baier

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